Stiftungen müssen mutig sein – und zwar jetzt

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Bild: ted.com / Johan Rockström
28.06.2021
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"Uns bleiben 10 Jahre, um die Zukunft der Menschheit zu verändern - oder den Planeten zu destabilisieren". Max von Abendroth, Geschäftsführer des europäischen Stiftungsverbands Dafne, ruft die Philanthropie in Europa dazu auf, sich stärker mit der Klimakrise auseinanderzusetzen und sich dem International Climate Commitment anzuschließen.

„Es ist der Schock meiner Karriere“, - so kommentiert Johan Rockström, ein international renommierter Forscher im Bereich globale Nachhaltigkeit und Klima, die Forschungsergebnisse, zu denen er mit seinen Studien im Jahr 2019 kommt. Rockström leitet damals einen Kreis bestehend aus internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die das Konzept der „planetarischen Belastbarkeitsgrenzen“ entwickelten.  

Im Jahr 2019 wurde bekannt, dass neun der fünfzehn bekannten großen Systeme, die für die Stabilität des gesamten Klimas sorgen, sich kritischen Kipppunkten nähern. Diese Kipppunkte stellen Grenzen unseres Planeten dar, deren Überschreitung nichtlineare und irreversible Veränderungen nach sich ziehen würde. Was bedeutet das genau? Die Eisschilde könnten unwiderruflich schmelzen, der Ozean könnte die Richtung seiner Zirkulation verändern oder der Amazonas-Regenwald könnte sich in eine Savanne verwandeln. 

Im Januar 2021 berichtete Rockström in einem Interview mit der Plattform „Global Optimism“ von seinen neuesten Erkenntnissen: Bei drei dieser neun Systeme sind die Kipppunkte bereits überschritten. Dies alleine führt zu unvorhersehbaren Folgen für die Klimastabilität, das Funktionieren der natürlichen Ökosysteme und damit auch für das menschliche Wohlergehen, unseren Wohlstand und die Lebensqualität.

Was nun?

Wissenschaftler und viele Aktivisten weltweit kämpfen seit Jahren lautstark für das Klima. Das Pariser Abkommen, das 2015 von 196 Parteien unterzeichnet wurde, hat einen wichtigen Fahrplan für Klimamaßnahmen auf Regierungsebene eingeführt. Heute fordern Wissenschaftler eine Netto-Null-Emissionen-Weltwirtschaft bis 2050, um eine globale Erwärmung über 1,5 Grad zu vermeiden. Dies ist jedoch nicht genug. Wir müssen die verbleibenden natürlichen Ökosysteme, wie die Ozeane und die natürlichen Ökosysteme an Land, intakt halten. Außerdem legt die Klimakrise, so wie die Covid-19-Pandemie, soziale Ungleichheiten nicht nur offen sondern vertieft sie.

Was können Stiftungen tun?

Stiftungen setzen private Mittel für das Gemeinwohl ein. Durch die Möglichkeit, langfristig, risikobereit und lokal zu handeln, haben Stiftungen eine große Chance, sich für Umweltgerechtigkeit und gegen den Klimawandel zu engagieren und somit eine führende Kraft beim gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandel zu werden. 

Tom Brookes von der European Climate Foundation appellierte an die Öffentlichkeit, dass „wir uns daran erinnern müssen, was wir zu retten versuchen und was wir zu schaffen versuchen. Wir werden den Planeten nicht retten. Er war schon lange vor uns da und wird noch lange nach uns da sein. Wir versuchen, eine Vision der menschlichen Gesellschaft zu schaffen, die es in Wirklichkeit noch nie gegeben hat. Eine Gesellschaft, die unsere planetarischen Grenzen respektiert, die in Harmonie mit der Natur und miteinander lebt, Diversität unterstützt, Gerechtigkeit hochhält und Frieden fördert.” 

Ich glaube, dass Stiftungen mit ihrer Fähigkeit, Risiken einzugehen, Impulse für disruptive Veränderungen zu geben und Ideen zu entwickeln, zu testen sowie zu skalieren, einen wichtigen Beitrag bei der Bekämpfung der Klimakrise und der sozialen Ungleichheiten leisten können. Dies ist im eigenen Interesse einer jeden Stiftung, denn wenn Stiftungen angesichts der Klimakrise nicht handeln, gefährden sie ihren eigenen Stiftungszweck. Die Klimakrise betrifft alle Bereiche des Gemeinwohls. Deshalb ist es so wichtig, dass sich Stiftungen – unabhängig von ihren Satzungszwecken – für die Realisierung dieser Vision einer menschlichen Gesellschaft einsetzen, die die planetarischen Grenzen respektiert. Diese Bewegung fürs kollektive Handeln wird in Europa von der Philanthropy Coalition for Climate gesteuert, einer Initiative, die von PEX ins Leben gerufen und von Dafne angeleitet wird und die darauf abzielt, das alle Stiftungen in Europa den Klimaschutz als ein Querschnittsthema behandeln. 

Ein wichtiger Meilenstein war die Einführung des „Funder Commitment on Climate Change“ in Großbritannien im Jahr 2019, gefolgt von ähnlichen Initiativen in Frankreich und Spanien 2020. Diese Initiative wird am 1. Juli 2021 unter der Federführung von WINGS (Worldwide Initiatives for Grantmaker Support) nun auch global gestartet –. Solche Selbstverpflichtungen ermutigen Stiftungen zu einem transformativen Wandel, indem sie gemeinnützigen Organisationen einen niedrigschwelligen Einstieg in den Klimaschutz ermöglichen. Alle Unterzeichnenden verpflichten sich, das Thema Klima bei all ihren Aktivitäten, bei ihren mehr als 60 Mrd. Euro an Fördermitteln in Europa pro Jahr sowie bei der Anlage ihres Vermögens im Wert von 511 Mrd. Euro zu beachten. Zum jetzigen Zeitpunkt haben mehr als 220 Förderstiftungen in Europa diese Klimaverpflichtung unterzeichnet. 

Die „Philanthropy Coalition for Climate“ hebt auch herausragende und inspirierende Initiativen hervor, die die sogenannte doppelte Krise aus unterschiedlichen Perspektiven angehen, bringt sie in einen Dialog miteinander und baut auf ihnen auf: einige bringen das zivilgesellschaftliche Engagement zum Thema Klima voran, während andere Forschung an Schnittstellen finanzieren; einige zielen darauf ab, das Wirtschaftssystem zu reformieren, um nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die ökologischen und sozialen Kosten zu integrieren, und wieder andere arbeiten mit Regierungen zusammen, um die politische Agenda im Sinne des Klimaschutzes und der sozialen Gerechtigkeit zu gestalten. Diese und viele weitere Initiativen miteinander zu vernetzen sowie sicherzustellen, dass wir uns ihrer Komplementarität bewusst sind, sind Beispiele eines kollektiven Wirkens. 

Was hält uns zurück? 

Die Stiftungsverbände und Netzwerke in Europa müssen sich darauf vorbereiten, die notwendigen Foren für einen Austausch anzubieten, die Ausbildung von Stiftungsführungskräften und -personal voranzutreiben und die Initiativen im Stiftungsbereich miteinander zu verknüpfen. Nur so werden wir die doppelte Krise des Klimazusammenbruchs und der sich vertiefenden gesellschaftlichen Ungleichheiten meistern können. Dies erfordert einen enormen Wandel im europäischen Stiftungsbereich und braucht Mut von Stiftungen und Infrastrukturorganisationen. 

Die “Philanthropy Coalition for Climate“ trägt dazu bei, diesen Mut in die Tat umzusetzen, indem sie Philanthropienetzwerke und Stiftungsverbände in die Lage versetzt, Stiftungen und Spendern bei ihren Ambitionen zur Bewältigung der Klimakrise zu unterstützen. Darüber hinaus ermutigt die Koalition Stiftungen aller Art, den Klimablick in alle ihre Förderprogramme und Projekte zu integrieren, und positioniert den Stiftungsbereich als einen aktiven Akteur bei der Entwicklung von Klimaschutzmaßnahmen, etwa als Partner beim Europäischen Klimapakt, den G20-Verhandlungen und der COP26. 

Aufruf zum Handeln

Vier Monate vor der COP26 in Großbritannien und nur noch wenige Jahre von der Überschreitung der Kipppunkte der zwölf für unseren Planeten fundamentalen Systeme entfernt müssen sich Vorstände, Geschäftsführung und Stiftungsmitarbeitende darauf konzentrieren, den Stiftungssektor dabei zu unterstützen, dieser Herausforderung gerecht zu werden, indem sie den Stiftungen Zugang zu kollektivem Lernen, Vorstellen und Handeln bieten. 

Stiftungen haben keine Zeit zu verlieren, wenn es darum geht, sich dieser Herausforderung zu stellen und den Klimaschutz in all seinen Formen zu integrieren. Es ist jetzt der Moment, mutig, ehrgeizig und ambitioniert zu sein. Auch Ihre Stiftung kann sich für das Klima engagieren und den International Climate Commitment unterzeichnen. 

Wenn wir heute nicht handeln, verpassen wir die Möglichkeit, es morgen zu tun.

 


Dieser Artikel wurde ursprünglich von Alliance in englischer Sprache veröffentlicht.

Über den Autor

Max von Abendroth ist Geschäftsführer des europäischen Stiftungsverbandes Dafne – Donors and Foundations Networks in Europe mit 30 Mitgliedsverbänden europaweit. 

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