Die ökologische Herausforderung: Und wir?

Die Zivilgesellschaft auf den Straßen von Berlin
Impuls
Foto: BUND-Jörg Farys / CC BY-NC-ND 2.0
29.01.2020
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Wer große Veränderungen will, muss die Mitte der Zivilgesellschaft überzeugen. Stiftungen können dabei vermitteln. Ein Diskussionsbeitrag von Prof. Dr. Michael Göring.

Prof. Dr. Michael Göring
Prof. Dr. Michael Göring

Im vergangenen Jahr haben Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten um eine junge Galionsfigur herum einen beeindruckenden Aufbruch gestartet. Möglicherweise werden die Historiker dereinst 2019 als Jahr des Einstiegs in die ökologische Transformation bewerten, des Wandels von der konsumorientierten Verbrauchergesellschaft in eine nachhaltig agierende Verantwortungsgesellschaft. 

Veränderungsvorstöße auf zivilgesellschaftlicher Ebene 

Die Tatkraft der Jugendlichen war eine Ohrfeige für uns Erwachsene, sie hat die politische „Klasse“ beschämt, und sie hat zu Recht gewirkt. Verschieben sich die Änderungsanstöße von der politischen nun auf die zivilgesellschaftliche Ebene? Wird der Druck von der Basis stärker, weil die politische Ebene sich in den letzten Jahren deutlicher als je zuvor von ihrer gesellschaftlichen Führungsaufgabe verabschiedet und sich im GroKo-KleinKlein verliert oder auf internationaler Ebene – wie zuletzt in Madrid – versagt? Die überraschenden Vorstöße großer Investmentfonds in Davos zeigen, dass nun auch die Kapitalseite ökologischen Druck ausübt und die Politik in die Zange nimmt. Fast scheint es so, als könnte die in Deutschland einst entwickelte soziale Marktwirtschaft rehabilitiert und um eine ökologische Komponente erweitert werden, nachdem man leider auch in unserem Land in den letzten 30 Jahren den shareholder value über den stakeholder value gestellt und die soziale Marktwirtschaft in weiten Teilen verraten hat. All dies erhöht den Druck auf Veränderungen, die selbstverständlich nur auf der Grundlage demokratischer Legitimierung geschehen dürfen.  

Wenn diese Analyse stimmt, so bedeutet dies keinesfalls eine leichte Aufgabe für die institutionalisierte Zivilgesellschaft, also für uns Stiftungen, für Vereine, wissenschaftliche Institutionen, Medien, kirchliche und soziale Einrichtungen, deren aller übergeordnetes Ziel die Förderung des Gemeinwohls, der „public benefit“ ist. 

Auch Fridays for Future wird den institutionellen Rahmen brauchen und damit die Verpflichtung zum „allgemeinen Nutzen“ eingehen. Da wächst die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die über die Ebene der Klima- und Energiefrage hinausgeht, auch wenn gerade hier die Zivilgesellschaft in besonderer Weise gefordert ist. Denn wenn immer es um Bewusstseins- und Verhaltensänderung geht, um Blumenkohl statt Rindfleisch, ICE statt Flugzeug und Allgäu statt Gran Canaria, muss die Mitte der Zivilgesellschaft erreicht werden. Sie muss handeln, andernfalls profitieren vor allem die politischen Ränder, und die Veränderungsbereitschaft erlahmt. 

Die Verantwortung von Stiftungen 

Was bedeutet das für gemeinnützige Stiftungen, die Stützpfeiler der Zivilgesellschaft? Über Jahrzehnte haben sie ihre Aufgabe vornehmlich in politischer Aufklärung, im neutralen, moderierenden Vermitteln von Positionen, in der Vorreiter- oder Unterstützerrolle für Bildungsanstrengungen, Wissenschaftsprojekte und kulturelle Vorhaben gesehen. Gemeinhin nannte man dies die Plattform-Rolle. Mit dem Anstieg Demokratie-gefährdender Tendenzen, dem weithin zu beobachtenden sorglosen Umgang mit der Wahrheit, dem Niedergang allgemein verbindlicher Werte, der in mehreren europäischen Nachbarländern zu beobachtenden Einschränkung des Rechtsstaats haben Stiftungen als institutionalisierte Zivilgesellschaft schon in den letzten Jahren größere Verantwortung bekommen. Die deutliche Klimaveränderung, der Anstieg der Meerestemperatur, das brennende Australien verschärfen den Appell an unsere Verantwortung für das Gemeinwohl. Daher sollten Stiftungen den Mut haben, die Plattform-Rolle um die des Advokaten zu erweitern, des Anwalts für die im Popperschen Sinne offene demokratische Gesellschaft, die Rechtsstaatlichkeit, die Werte des Grundgesetzes, den Erhalt und Schutz unseres Planeten.

Das sind große Ziele. Aber Stiftungen haben Eigenarten, die sie für solche gesellschaftlichen Herausforderungen durchaus qualifizieren. Sie genießen eine seriöse Reputation und erreichen als neutrale Einrichtung Menschen von ganz unterschiedlicher Prägung. Sie verbinden privat erworbenen Wohlstand mit einem institutionalisierten öffentlichen Auftrag, verknüpfen das aus unternehmerischem Geschick stammende Vermögen mit dem gesellschaftlichen Ziel des allgemeinen Wohls. Daher sind Stiftungen gut geeignet, zwischen dem 1. Sektor, der Politik, und dem 2. Sektor, der Wirtschaft, zu vermitteln. Diese Eigenschaften werden bei der ökologischen Transformation gefordert. Die Chancen sollten Stiftungen wahrnehmen. 

Schon Tocqueville hat bei seinen Überlegungen zur Staatsform der Demokratie den „civil associations“ eine besondere Bedeutung zugewiesen. Sie sind gesellschaftliche Stabilisatoren und wirken zugleich als Wächter für die aus den demokratischen Wahlen hervorgehenden Herrschern. Eine solche außerparlamentarische Wächterrolle haben im 20. Jahrhundert weitgehend die Medien übernommen, die allerdings seit einigen Jahren verstärkt um die Rückgewinnung des gesellschaftlichen Vertrauens ringen müssen. Wieweit die institutionalisierte Zivilgesellschaft diese Wächterrolle neu ausfüllen kann, bleibt abzuwarten. Stiftungen sollten allerdings nicht zögern, deutlich Stellung zu beziehen. Ihr Mandat ist das Gemeinwohl. 

 

Der Beitrag basiert auf einem Artikel des Verfassers vom 23.12.2019 im Hamburger Abendblatt. 

Über den Autor

Prof. Dr. Michael Göring leitet die ZEIT-Stiftung in Hamburg und war bis 2018 zusätzlich Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

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