Die Kraft der Frauen

Herstellung von Geschirr in Indien
Geschlechtergerechtigkeit
Foto: RDT

Auch zum 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages gibt es in Sachen Gleichberechtigung noch viel zu tun. Nur langsam ändern sich jahrhundertealte Gesellschaftsstrukturen von Machtverteilung und Diskriminierung. Wie es gehen kann, zeigt die erfolgreiche Arbeit der Vicente Ferrer Stiftung zur Stärkung der Frauen im ländlichen Indien.

Seit 1921 wird am 8. März jährlich der Internationale Frauentag gefeiert. Doch seine Geschichte reicht sogar noch weiter zurück, bis ins Jahr 1908. Damals begannen Frauen, einen Kampftag für Gleichberechtigung, Frauenwahlrecht sowie Emanzipation von Arbeiterinnen zu initiieren.  

Heute, 100 Jahre später, werden Frauen auf der ganzen Welt  noch immer erheblich benachteiligt. So hatten Anfang 2018 von den 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen  nur 143 die Gleichstellung von Mann und Frau in ihre Verfassung aufgenommen. Dabei sind Frauen und Mädchen meist weit stärker von Armut, Hunger und unzureichender Gesundheitsversorgung betroffen als Männer und Jungen. Am Internationalen Frauentag machen daher Frauen weltweit auf die Bereiche aufmerksam, in denen sie weiterhin benachteiligt werden: im Arbeitsleben, in der Gesellschaft und vor dem Gesetz.  

Gleichheit im ländlichen Indien nur auf dem Papier  

Besonders in Indien, einer zutiefst patriarchalischen Gesellschaft, ist die Situation von Frauen kritisch. Alltäglich sind Frauen Unterdrückung und Diskriminierung sowie Belästigungen ausgesetzt. Obwohl Frauen nach dem indischen Gesetz in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichberechtigt und Männern gegenüber gleichgestellt sind, werden die meisten Frauen im alltäglichen Leben benachteiligt. Gleichstellung findet besonders im ländlichen Indien meistens nur auf dem Papier statt.  

Die Vicente Ferrer Stiftung in Deutschland setzt sich mit ihren Projekten und Programmen daher schwerpunktmäßig für die Gleichberechtigung von Frauen im ländlichen Indien ein. Die Stiftung stärkt die Rechte von Frauen, kämpft gegen Gewalt an Frauen und engagiert sich für eine Verbesserung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Situation. 

Sanghams: Ein Weg in die Unabhängigkeit   

Ein wichtiges Instrument ist dabei die Förderung der Selbstbestimmung. Dazu werden sogenannte Sanghams (Selbsthilfegruppen) errichtet, in denen sich Frauen aus den Dörfern vernetzen können. Probleme in der Familie und Gemeinschaft werden dort ebenso thematisiert wie das Empowerment von Frauen. Der Sangham gewährt Zugang zu Darlehen oder Mikrokrediten, damit Frauen unternehmerisch tätig und so finanziell unabhängig werden können. Auf diesem Weg erhalten Frauen die Möglichkeit, ihr eigenes Potenzial auszuschöpfen und selbstbestimmte Entscheidungen über ihr Leben zu treffen.

"Die Manufaktur ist ein Lichtblick, nicht nur für uns, sondern auch für unsere gesamte Gemeinschaft."
Bhoomani Nagamma
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Der Sangham „Sri Shakti Sahayaka“ (die Kraft der Frauen) zeigt, wie wirtschaftliche Unabhängigkeit zu mehr Selbstbestimmung führt. Vor einem Jahr starteten 28 Chenchu-Frauen aus dem Nallamala-Wald in Indien ein herausforderndes Projekt: die Herstellung von umweltfreundlichem Geschirr aus Blättern des in Indien weit verbreiteten Salbaums. Das Projekt, welches von der Vicente Ferrer Stiftung Indien und der staatlichen Tribal Development Agency unterstützt wird, hat das Leben der Frauen und ihrer Familien grundlegend verändert.

Frauen auf dem Weg zu Hauptverdienerinnen 

Die Chenchu sind ein Stamm von Ureinwohnern, die nach traditioneller Lebensweise in den Wäldern Indiens leben. Vielen Chenchu fehlt es an Zugang zu grundlegender Basisinfrastruktur wie Bildung und Gesundheitsversorgung. Bereits vor dem Projekt hatten die Chenchu versucht, mit dem Handel von Blättern des Salbaums ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Jedoch nutzten Zwischenhändler, an die sie die Blätter verkauften, die Unerfahrenheit und das mangelnde Wissen der Chenchu, die zu einem großen Teil Analphabeten sind, aus. Die Abnahmepreise waren sehr gering.  Die Gründung einer Manufaktur zur Herstellung von umweltfreundlichem Geschirr war daher eine wichtige Maßnahme, um die Frauen in der Gemeinschaft zu stärken und ihnen finanzielle Unabhängigkeit zu ermöglichen. Bevor der Betrieb der Manufaktur aufgenommen werden konnte, wurden die Frauen auf ihre neuen Aufgaben vorbereitet: „Zuerst haben wir den Sangham Sri Shakti Sahayaka gegründet. Danach eröffneten wir ein Bankkonto und erhielten sechs Monate lang Schulungen zu Themen wie Verkauf und Marketing, aber auch zu Frauenrechten, Geschlechterdiskriminierung und dazu, wie man öffentlich spricht“, erzählt Bhoomani Nagamma.

Die hergestellten Teller und Schüsseln sind biologisch abbaubar und werden unter anderem an lokale Tempel verkauft. Seit Inbetriebnahme der Manufaktur sind die Frauen die Hauptverdienerinnen in ihren Familien und werden in ihrer Gemeinschaft hoch angesehen.  

Dieses Projekt wurde von der Vicente Ferrer Stiftung gemeinsam mit den Chenchu umsetzt. Mehr zum Frauenprogramm der Stiftung unter www.vfstiftung.de/frauen-staerken.

Über die Autoren

Dr. Andrea Rudolph, Geschäftsführerin, Vicente Ferrer Stiftung gGmbH

Benjamin Bosch, Referent Fundraising, Vicente Ferrer Stiftung gGmbH

Über die Vicente Ferrer Stiftung Deutschland

Die Vicente Ferrer Stiftung Deutschland ist Teil der Stiftungsfamilie Vicente Ferrer, die sich bereits seit 50 Jahren für die Verbesserung der Lebensbedingungen der am stärksten Benachteiligten im ländlichen Indien einsetzt. Gemeinsam mit der Vicente Ferrer Stiftung Indien, der ausführenden Organisation vor Ort, der Fundación Vicente Ferrer Spanien sowie der Vicente Ferrer Foundation USA, werden Programme in den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Inklusion, Landwirtschaft und Infrastruktur realisiert. Der ganzheitliche Ansatz der Stiftung setzt Entwicklungsprojekte im Dialog mit den Betroffenen um, d.h. alle Maßnahmen und Aktivitäten werden gemeinsam mit den Zielgruppen identifiziert und realisiert. Heute ist die Stiftung in 3.700 Dörfern der südindischen Bundesstaaten Andhra Pradesh und Telangana tätig.

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