Schwebender Beton

Rettungsturm im Ostseebad Binz
© Wüstenrot Stiftung / Florian Nessler

von Sebastian Schulte

Das Ufo von Binz – so nennen Einheimische und Touristen einen Rettungsturm in dem Ostseebad auf der Insel Rügen, mitten in den Dünen stehend. Sein futuristisches Äußeres verdankt der Zweckbau dem Ingenieur und Bauunternehmer Ulrich Müther (1934-2007), der ihn 1981/82 errichtete. Wenige Kilometer weiter nördlich in Sassnitz befindet sich der von Müther in Zusammenarbeit mit dem Architekten Dietmar Kuntzsch und dem Statiker Otto Patzelt entwickelte Konzertpavillon Kurmuschel, gebaut zwischen 1986 und 1988.

Müthers kühne Schalenbauten zählen heute zu den herausragenden architektonischen Hinterlassenschaften der DDR. Spektakuläre Bauten wie zum Beispiel das Inselparadies im Ostseebad Baabe von 1966, die Ostseeperle in Glowe von 1968 oder der Teepott in Warnemünde, ebenfalls von 1968, verkörperten in den 1960er-Jahren Fortschritt und Hinwendung zu einer bedingungslosen Moderne. Ihre Gestaltung wurde inspiriert von den Werken des spanisch- mexikanisch-US-amerikanischen Architekten Félix Candela – Müthers großes Vorbild – und des Architekten Herbert Müller aus Halle (Saale), die bereits in den 1950er-Jahren mit „hyperbolischen Paraboloidschalen“ aus Beton experimentierten.

Die Herstellung von Ulrich Müthers nur wenige Zentimeter dünnen Betonschalen war zeitaufwendig, aber Material sparend und entsprach daher den wirtschaftlichen Gegebenheiten in der DDR. Die Schalenbauten wurden auch exportiert. So baute Müther in Libyen, Jordanien, Kuwait, Polen, Kuba und Finnland. Selbst in der alten Bundesrepublik arbeitete der Bauingenieur. In Wolfsburg errichtete er ein Planetarium (1980-1983), seinerzeit bezahlt mit 10.000 VW Golf. Gaststätten, Schwimmhallen, Orchesterpavillons, Bushaltestellen, selbst Kirchen und Moscheen gehörten zum Programm Müthers, der in der Regel die Konstruktion der Dächer zu den von Architekten oder Ingenieuren entworfenen Gebäuden lieferte. Nach Ende der DDR 1990 verfielen viele Bauten Müthers oder wurden mangels geeigneter Nutzung, wie etwa das bekannte Berliner Bauwerk „Ahornblatt“, abgerissen. Die heute noch existierenden Bauwerke stehen größtenteils unter Denkmalschutz.

Und hier kommt die Wüstenrot Stiftung ins Spiel. Ihre Experten erkannten den hohen geschichtlichen und künstlerischen Stellenwert dieser Bauwerke, die nicht nur von regionaler, sondern auch von bundesweiter und internationaler Bedeutung sind. Die Stiftung möchte das bauliche Erbe Ulrich Müthers bewahren und stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken. Der Geschäftsführer der Stiftung, Professor Philip Kurz, sagt: „Die substanzielle Gefährdung vieler der Bauwerke sehen wir daher mit Sorge.“ Die Architektur der ehemaligen DDR habe „keine große Lobby“ und erfahre daher wenig Wertschätzung. Dabei zeigten gerade die Bauten Müthers, dass es auch im Osten Deutschlands „aufregende Sachen“ zu entdecken gebe. Philip Kurz: „Müther, der auf Rügen lebte und arbeitete, war ein großer Ingenieur und hat großes Design geschaffen.“

Die Wüstenrot Stiftung ging in mehreren Schritten vor. Begutachtet wurden etliche Bauten Müthers. „Wir haben uns sehr viele Schalen angesehen“, erinnert sich Kurz. 2015 dann lotete die Stiftung die Möglichkeiten einer denkmalpflegerischen Instandsetzung für zwei seiner Kleinarchitekturen aus. Erstellt wurde eine Machbarkeitsstudie inklusive Kostenschätzung für eben jenen ehemaligen Rettungsturm der Strandwache in Binz und den Konzertpavillon in Sassnitz. Kurz schwärmt: „Zwei fantastische kleine Projekte.“ Nach den positiven Ergebnissen der Studie wurde schließlich im Folgejahr eine Vereinbarung über die Instandsetzung mit den Eigentümerinnen der Bauwerke, der Gemeinde Ostseebad Binz und der Stadt Sassnitz, getroffen.

Philip Kurz erläutert: „Wir als Stiftung sind der Bauherr.“ Grundlage für die Sanierung ist eine langfristige denkmalgerechte Nutzung und die künftige Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit. So wird der ehemalige Rettungsturm so wie schon seit 2006 weiter als Standesamt, die Kurmuschel wieder für Konzerte und Veranstaltungen genutzt. Beide Bauwerke zeichnen sich durch ihre prominente Lage direkt an der Ostseeküste aus. Was ein Problem darstellt, denn der ständige Abrieb durch Sand und Wind hatte ihrer Bausubstanz erheblich zugesetzt. Beim Rettungsturm etwa beanspruchen vor allem Temperaturschwankungen und hohe Luftfeuchtigkeit die dünne Betonschale und die hölzerne Fensterkonstruktion. Der Turm wurde nicht gedämmt. Starker Kondenswasseranfall, Feuchtigkeit und Schimmel im Inneren führten von Baubeginn an zur Zerstörung der Holzeinbauten und Oberflächenbeschichtungen. Noch dazu wurde er mehrfach angestrichen und dadurch luftundurchlässig verschlossen. Bei der Kurmuschel wiederum drang insbesondere bei Sturm Feuchtigkeit in die Oberflächen ebenso wie in die Kulissenbauten links und rechts davon ein. Bei Sturmflut wird sie zudem regelmäßig von Wellen und Treibgut getroffen.

Spezialisten haben die Befunde über den Zustand der Bauwerke erstellt. Bei der Sanierung sollte möglichst viel von der originalen Bausubstanz erhalten werden. Philip Kurz: „Es geht nicht um ein perfektes Aussehen.“ In einem weiteren Schritt musste entschieden werden, welche Veränderungen notwendig waren und wie man damit denkmalgerecht umgeht, etwa beim Austausch der Fenster im Turm. Archivrecherche war unumgänglich.

Schließlich sei die Sanierung der beiden Bauwerke aber ein ganz normales Projekt gewesen, erinnert sich Philip Kurz. Wichtig sei es gewesen, dass alle an einem Tisch gesessen hätten: die Nutzer, die Denkmalbehörde, Experten und Planer. „Alle Entscheidungen sollten einmütig getroffen werden“, begründet das der Stiftungs-Geschäftsführer. Und um gründlich zu entscheiden, habe man sich Zeit genommen. Dann folgte die Ausschreibung der Bauleistungen, wobei darauf geachtet wurde, das regionale Handwerk einzubeziehen. Die Instandsetzung, realisiert durch das Rügener Architekturbüro Heike Nessler, wurde in diesem Jahr abgeschlossen.

Deutschlandweit hat die Wiederherstellung des Rettungsturms und der Kurmuschel zu großer medialer Aufmerksamkeit geführt. Die architektonischen Hinterlassenschaften der DDR wurden als ein „interessantes Thema entdeckt“. Und die Witwe Müthers habe sich nach der Restaurierung der beiden Bauwerke ihres Mannes bei der Wüstenrot Stiftung bedankt, berichtet Professor Kurz. Auch wenn er sich über soviel Feedback freut, betont er dennoch: „Dank ist nicht notwendig.“ Alle Stiftungen hätten „die Pflicht“, ihr Vermögen entsprechend dem Stiftungszweck einzusetzen. Das wird auch die Wüstenrot Stiftung weiterhin tun.

Ein laufendes Projekt etwa ist die Rettung des Außenwandbildes „Der Mensch in der Beziehung zu Natur und Technik“ in Erfurt. Geschaffen wurde das Mosaik zwischen 1979 und 1983 vom spanischen Künstler Josep Renau. Es soll nach Wiederherstellung wieder an seinem ursprünglichen Ort, dem Moskauer Platz in der thüringischen Landeshauptstadt, aufgestellt werden – an einer neuen Tragwerkskonstruktion. Ein weiteres Projekt ist das Meisterhaus von Paul Klee und Wassily Kandinsky in Dessau, entworfen von Walter Gropius. Hier geht es vor allem um die farbliche Gestaltung der Innenräume, die noch recht gut erhalten ist. Im kommenden Jahr, anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Bauhauses, soll das Haus wieder zugänglich sein.

Gerettet werden soll auch die Holzhängeschale „Sonnensegel“ von Günter Behnisch im Westfalenpark in Dortmund. Behnisch, bekannt geworden durch seinen Entwurf für das Olympiastadion von 1972 in München, schuf die hyperbolische Paraboloidschale aus Holz für die Europa-Gartenschau. Die Gestaltung des Sonnensegels steht wie bei Müther in Zusammenhang mit den Arbeiten des Architekten Félix Candela und des Ingenieurs Herbert Müller.

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Über die Wüstenrot Stiftung
Die Wüstenrot Stiftung arbeitet seit 1990 operativ und fördernd in den Bereichen Denkmalpflege, Wissenschaft, Forschung, Bildung, Kunst und Kultur. Dabei initiiert, konzipiert und realisiert die Stiftung Projekte überwiegend selbst, fördert aber auch die Umsetzung herausragender Ideen anderer Institutionen.
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Dieser Text erschien zunächst als Editorial unserer Sonderpublikation “Stiftungen und Kulturerbe”, die Anfang Dezember der Zeitung “Die Welt” und dem Magazin “Arsprototo” der Kulturstiftung der Länder beilag.

Förderer der Sonderpublikation „Stiftungen und Kulturerbe“ sind das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, die Kulturstiftung der Länder, die Volkswagen Stiftung und die Wüstenrot Stiftung.

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