Digitalisierung in Zeiten von Corona: Massive Auswirkungen auf die Arbeit der Stiftung Fairchance

Kinder sitzen während eines Kurses zur Sprachförderung zusammen
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Foto: Stiftung Fairchance

Durch die Corona-Pandemie müssen Stiftungen neue Lösungen und Herangehensweisen für den Arbeitsalltag finden. Die Stiftung Fairchance hat seit dem Ausbruch der Pandemie an weiteren digitalen Lernmöglichkeiten für ihr Sprachförderprogramm gearbeitet. Ein Interview mit Geschäftsführer Alexander Wolf über die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung in Zeiten der Krise.

Bücher und Karten dienen als Material für die Kurse zur Sprachförderung der Stiftung Fairchance
Foto: Stiftung Fairchance
Die Stiftung Fairchance arbeitet mit vielen haptischen und spezialisierten Sprachfördermaterialien.

Die Corona-Pandemie stellt die Arbeit vieler Stiftungen auf die Probe. Zuvor haben Sie durch Ihr Projekt oftmals Schulbesuche durchgeführt. Wie hat sich Ihr Vorgehen seit März 2020 verändert?  Welche Rolle spielt die Digitalisierung für Sie?   
Bei einem Blick auf ein Sprachförderprogramm für vier- bis achtjährige Kinder ist vielen Betrachtern von außen vielleicht nicht sofort eingänglich, inwieweit Digitalisierung für uns eine Rolle spielt. Ich löse das sehr gern auf: Ohne einen bereits vor der Corona-Pandemie durchlaufenen Digitalisierungs-Transformationsprozess wäre unsere Arbeit an der Vielzahl von Schulen und Kitas auch vorher bereits kaum mehr möglich gewesen.

Messaging und Video-Conferencing bestimmen seit Jahren unsere MITsprache-Teamkommunikation, E-Mails versenden wir faktisch intern nicht mehr. Wir erfassen anonymisierte und codierte Sprachstände für spätere wissenschaftliche Analysen und halten über CRM-Systeme Kontakt mit hunderten Förderkräften an Bildungseinrichtungen deutschlandweit. Behördliche Kooperationspartner unterstützen wir mit Informationen zur Sprachfördertätigkeit in ihren jeweils verantworteten Einrichtungen. Unsere interne Organisation kommt also ohne weitreichende Digitalisierung nicht mehr aus.

In der Arbeit nach Außen erscheint das zunächst anders: Die Sprachförderung selbst läuft altersgerecht zumindest bei den Jüngsten weitestgehend analog. Unsere sozialpädagogischen ElternarbeiterInnen besuchen dabei die Kitas und Schulen täglich, dies ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Tätigkeit. Aber zusätzlich findet zu den Eltern auch Kommunikation auf allen eingängigen digitalen Kommunikationskanälen statt.

Im Lockdown fielen dann die Schulbesuche schlagartig weg und so haben wir die digitale Kommunikation mit den Familien deutlich intensiviert. So schlugen wir beispielsweise Maßnahmen, Spiele und geeignete Lern-Apps zur Sprachförderung für zuhause vor. Gleichzeitig bot sich uns in dieser Zeit die einmalige Chance, wirklich alle Eltern überhaupt einmal zu Hause erreichen zu können, direkt Hilfestellung zu geben und damit die Bindung zu unseren Elternarbeitern, aber auch ihren jeweiligen Bildungseinrichtungen zu festigen. Dies wurde weitestgehend überall sehr gern angenommen.

Trotz allem: Der Ausbruch der Corona-Pandemie hatte massive Auswirkungen auf die Arbeit der Stiftung Fairchance. Positiv dahingehend, dass wir weitere geplante Angebote im digitalen Bereich in dieser Zeit schnell errichten konnten, wie z.B. digitale Fortbildungsangebote für Förderkräfte mit Hilfe von LMS-Systemen nebst integrierten Video-Konferenz-Systemen.

Als Folge der Krise mussten wir auf der anderen Seite teilweise Einbußen an auch bereits zugesagten Spendengeldern erfahren, einer Einnahmequelle, die für uns als operativ tätige und gemeinnützige Stiftung essenziell ist. Unsere diesbezüglichen Bemühungen haben wir verstärkt. Insgesamt hoffen wir dabei auf unsere bisherigen Spender und Unterstützer, denen wir, vor allem aber unsere Förderkinder schon so viel zu verdanken haben. Die Unterstützung durch neue Spender würde uns sehr helfen.

"Nur mir einem weitreichenden digitalen Verständnis ausgestattet, werden wir an unseren Schulen neue digitale Lehrkonzepte etablieren."
Alexander Wolf, Geschäftsführer Stiftung Fairchance
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Welche Chancen aber auch Herausforderungen sehen Sie in diesen Veränderungen?
Digitalisierung bedeutet für die Stiftung Fairchance im Speziellen, dass wir hocheffizient unser Sprachförderprogramm MITsprache in all seinen Dimensionen den Bildungseinrichtungen zur Verfügung stellen können, dort nachhaltig verankern und zusätzlich über Qualitätssicherungsverfahren auf digitalen Wegen die Wirkung sichern. Dabei stellen wir den Einrichtungen die notwendigen Software-Tools zur Verfügung. Hier ist aber noch einiges zu tun.

Zum einen sind die technischen Voraussetzungen an den Einrichtungen häufig noch immer nicht gegeben. Das ist traurig, heutzutage eigentlich unfassbar, aber auch nur ein Teil des Problems. Nur mir einem weitreichenden digitalen Verständnis ausgestattet, werden wir an unseren Schulen neue digitale Lehrkonzepte etablieren. Für MITsprache bedeutet dies, dass wir unser Förderprogramm permanent auf den Prüfstand stellen, kontinuierlich verbessern und es noch viel mehr Bildungseinrichtungen mit voller Unterstützung anbieten können. Unsere Förderkräfte versuchen wir hier entsprechend mitzunehmen.

In Deutschland gibt es seit Jahren einen großen Lehrer*innen- und Erzieher*innenmangel, dabei sind pädagogische Fachkräfte unabdingbar für die Durchführung Ihres Projektes. Wie binden Sie diese im Normalfall ein?   
LehrerInnen und ErzieherInnen – unsere Förderkräfte – sind der zentrale Angelpunkt unseres Programmes. Schließlich sind sie es, die tagtäglich die Sprachförderung vor Ort mit den Kindern durchführen.

Der Mangel an Fachkräften wirkt sich hierbei sofort zu Lasten der Kinder aus – Förderungen fallen aus oder werden weniger häufig als eigentlich notwendig durchgeführt.

All unsere Verbesserungsmaßnahmen am Programm werden an den Notwendigkeiten der Fachkräfte ausgerichtet. Alles was ihnen hilft, die Förderung zu erleichtern, Fortbildungen zu verkürzen und zu vereinfachen oder schnelles Feedback unserer SprachwissenschaftlerInnen zu erhalten, adressieren wir bei MITsprache zuerst.

Über die Stiftung Fairchance

Die Hauptziel der Stiftung Fairchance ist es, Kindern und Jugendlichen durch gezielte Sprachförderung bessere Perspektiven und Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben in Deutschland zu ermöglichen. Sie hat ihren Sitz in Berlin. Das Interview wurde schriftlich mit Geschäftsführer Alexander Wolf geführt. 

www.stiftung-fairchance.org

Kinder haben Spaß während der Sprachförderung
Foto: Stiftung Fairchance

Warum Sprachförderung für unsere Gesellschaft unabdingbar ist, erläutert Alexander Wolf im ersten Teil unseres Interviews.

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