„Wir brauchen innovative Ansätze, die eine vitale, unabhängige Medienlandschaft sichern.“

Impuls
11.06.2020
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Wir brauchen, gerade jetzt, unabhängigen und kritischen Journalismus, der einordnet, uns hilft zu verstehen und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Dies war Thema des Online-Austauschs im Expertisekreis Qualitätsjournalismus und Stiftungen am 28. Mai 2020.

COVID-19 ist nicht die Ursache für die aktuellen Herausforderungen für Medien und Journalist*innen, aber verschärft sie. Bis auf wenige Ausnahmen kämpfen alle Qualitätsmedien mit wegbrechenden Einnahmen. Digitale Angebote können die Verluste lediglich teilweise kompensieren, auch wenn die Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus wächst. In deutschen Redaktionen ist das Thema Kurzarbeit nicht nur eine Nachricht, sondern für viele Mitarbeitende Realität. Die Lage der freien Journalist*innen spitzt sich zu, sie erhalten immer weniger Aufträge. Gleichzeitig nehmen Anfeindungen gegenüber Medienschaffenden, Verschwörungsmythen und Desinformation zu. Das macht deutlich: Medienkompetenz ist wichtiger denn je. Wir brauchen unabhängigen und kritischen Journalismus, der einordnet, uns hilft zu verstehen und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. 

Wormer: „Informationsbedarf versus Finanzierungsbedarfs‐Paradox“ 

„Es ist nichts anderes als eine finale Existenzkrise“, fasste Professor Holger Wormer, Journalist und Inhaber des Lehrstuhls für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund, die aktuelle Lage im Journalismus zusammen. Die Bedrohung unabhängiger Medien wird durch die Corona-Pandemie dramatisch verstärkt: Anzeigenerlöse brechen um bis zu 80 Prozent ein. Die Folge: Die Machtkonzentration auf dem Medienmarkt nimmt weiter zugunsten von Plattform-Monopolisten zu. Freie Journalistinnen und Journalisten sind von Auftragsstopps in vielen Redaktionen betroffen. Die Folge: diese Medienschaffenden könnten in andere Berufe wechseln, der Berufsstand einen Brain Drain erleben.  

Aktuell ist zwar der Bedarf an Informationen so groß wie nie. Doch dies bleibt leider für unabhängigen Journalismus ohne positive Folgen: Die Bereitschaft für Nachrichten zu zahlen ist in Deutschland sehr gering ausgeprägt. „Informationsbedarf versus Finanzierungsbedarfs‐Paradox“, nennt Holger Wormer das. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das journalistische Ökosystem haben sieben Professorinnen und Professoren zum Anlass des „Dortmunder Aufrufs“ genommen.  Auf der Agenda der Initiator*innen stehen regelmäßiger Austausch, Akteurs-, Aktivitäts- und Informationssammlungen sowie Anregungen zu und die Durchführung von Forschungsprojekten. Sie alle eint das Wissen um die demokratiestützende Funktion von Journalismus und Wissenschaft als „wahrheitssuchende Systeme im Sinne von Artikel 5 Grundgesetz“.  

Wormers Wunsch auch an journalismusfördernde Stiftungen: „Es wird nicht ohne eine konzertierte Aktion gehen“. Wormer plädierte für eine Mischung aus Soforthilfen und einer strukturell angelegten interdisziplinären Initiative für Journalismusförderung nach dem Vorbild der Kulturstiftung des Bundes oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft.  

Wo und wie können Stiftungen sich engagieren 

In zwei weiteren Inputs wurden Initiativen vorgestellt, bei denen Stiftungen bereits engagiert sind:

Meinolf Ellers, Chief Digital Officer bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und Dr. Dirk Burmester von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, nahmen in ihrem Input die Empfängerseite in den Blick. „Wir haben verschiedene Hinweise, dass sich bei der Nutzung, Relevanz und Wertschätzung von Nachrichten erheblich etwas verschiebt. Insbesondere immer weniger Jugendliche können kaum noch Nachricht von Kommentar unterscheiden“, so der Befund. Um dem Erosionsproblem etwas entgegenzusetzen, haben sie „use the news - Nachrichtennutzung und Nachrichtenkompetenz in der digitalen Welt“ gestartet. Das Vorhaben basiert auf drei Stufen: 

Studie gemeinsam mit dem Leibniz Institut für Medienforschung Hans-Bredow-Institut zu den Fragen: Wie wirkt sich die veränderte Nachrichtennutzung auf den Grad der Informiertheit aus? Welche Auswirkungen ergeben sich für politische Meinungsbildung und Diskursfähigkeit? Die Studie wird insbesondere auf qualitative, Fokusgruppen gestützte Methoden abzielen, sich so von bestehenden Studien abgrenzen und auch neue Formen der Nachrichtennutzung in den Blick nehmen. 

In einem News Literacy Lab entwickeln und erproben Medienpartner auf Basis der Studienergebnisse neue, auf die veränderte Nutzung zugeschnittene Nachrichtenangebote. Das Besondere an dem Lab sind seine interdisziplinären Partner, zu denen die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Landesmedienanstalten, der Bundesverband Deutscher Zeitschriftenverleger sowie der next media accelerator gehören 

Entwicklung eines News Curriculums, um im Zusammenspiel von Bildungsträgern und Medienpartnern die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in Schulen zu stärken. 

Franco Zotta, Geschäftsführer der Wissenschafts-Pressekonferenz e.V. (WPK) ging in seinem Input ebenfalls auf die Bedarfe im Bereich der Soforthilfe als auchlangfristige Strukturveränderungen ein. Die WPK setzt sich seit einiger Zeit für eine Stiftung zur Förderung von Wissenschaftsjournalismus ein und konnte diese Idee am Vortrag in einer Anhörung des Bildungsausschusses des Bundestages auf politischer Bühne anbringen.  

Um die akuten Nöte, besonders freier Medienschaffender, abzufedern, hat die Wissenschafts-Pressekonferenz den WPK-Recherchefonds Covid-19 gegründet. Dieser geht auf den Befund zurück, dass eine Pandemie dieses Ausmaßes umso mehr die Einordnung und Recherche von Wissenschaftsjournalist*innen benötigt, die Krise aber auf der anderen Seite die Arbeits- und Leistungsfähigkeit dieser Journalisten massiv einschränkt. Der Fonds hat die Idee, substanzielle Corona-Recherchen zu ermöglichen und gleichzeitig Journalist*innen zu unterstützen. Innerhalb einer Woche hat das aus Akteuren von Stiftungen, Politik und Wirtschaft besetzte Kuratorium der WPK so viele Finanzierungszusagen geleistet, dass der Fonds ausgeschrieben werden konnte. Zu den Finanziers gehören unter anderem die Klaus Tschira Stiftung, die VolkswagenStiftung, die Max-Planck-Gesellschaft und Fraunhofer.  

Bis zu 4.000 Euro konnten beantragt werden, insgesamt wurden in den acht Wochen des Bestehens des Fonds 50 Anträge eingereicht, zwei Drittel davon konnten bewilligt werden. Mittlerweile werden keine Anträge mehr entgegengenommen. Die Themenbreite der eingereichten und auch erschienenen Beiträge reichte von den Auswirkungen der Pandemie auf asiatische oder afrikanische Länder, über die Auswirkungen von Covid-19 auf die Musikindustrie bis hin zu den ökologischen Lehren. Franco Zotta „Die Anträge zeigen, welche Art von Recherchen vom Mediensystem nicht mehr finanziert werden: Der Zeitaufwand der mit aufwändigen Artikeln verbunden ist, wird nicht mehr abgedeckt, ebenso wie serielle, über einen längeren Zeitraum laufende Recherchen.“ Sein Fazit: „Ein Fonds kann auch kurzfristig Effekte erzielen, zum Beispiel gegen Verödung der Berichterstattung in öffentlichen Debatten und sich so für den Erhalt anspruchsvoller Formate im Journalismus einsetzen.“ 

Fazit 

Der Online-Austausch – an dem zahlreiche Vertreter*innen aus Stiftungen und der Zivilgesellschaft teilnahmen, machte noch einmal deutlich, wie notwendig die Zusammenarbeit – gerade im Bereich des Journalismus – ist. Es braucht eine konzertierte Aktion von Akteuren aus Politik, Medien und Zivilgesellschaft um unabhängigen Journalismus zu bewahren. Kurzfristige Projekte und Initiativen, wie der Notfallfonds für Recherche setzen der Verödung der Berichterstattung etwas entgegen und ebnen so den Weg, können aber nur der Anfang sein. Neben der Medienseite gilt es auch die Seite der Rezipienten im Blick zu behalten und die Medienkompetenz und Nachrichtenrelevanz insbesondere bei jüngeren Zielgruppen zu schärfen 

Der Expertisekreis Qualitätsjournalismus und Stiftungen im Bundesverband Deutscher Stiftungen ist hierfür die ideale Plattform. 

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