Partizipation als gesellschaftlicher Auftrag

Impuls

Wann wurde zuletzt etwas über Ihren Kopf hinweg entschieden, obwohl es Sie direkt betraf? „Nichts über mich ohne mich“ ist ein Grundgedanke jeder demokratischen Ordnung. Auch Stiftungen sollte er damit prägen. Stiftungen wollen gute Arbeit für ihre Zielgruppen machen. Es gibt gute Gründe dafür, diese daran zu beteiligen.

Drei gute Gründe für die Demokratisierung von Förderweisen

1) Partizipation bringt neue Ideen.

Stiftungen verstehen sich als Innovationsmotor der Gesellschaft. Sie wollen neue Perspektiven und Lösungen stärken. Gerade die Betroffenen bringen solches Wissen und Potenzial aus der gelebten Praxis und von den Rändern der Gesellschaft mit. Die Geförderten sind Experten der eigenen Lage und wissen, was funktioniert. Partizipation wirkt damit als gemeinsamer Ideengenerator und schafft neue Handlungsmöglichkeiten.

2) Partizipation ist Investition in Wirkung.

Echte Teilhabe ermächtigt. Die Geförderten lernen best practices und Erfahrungen aus anderen Projekten kennen. Sie nehmen Wissen auf und teilen es. So bauen sie neben dem eigentlichen Förderzweck zusätzlich neue Kompetenzen und Netzwerke auf – die Wirkung multipliziert sich. Teilhabe kostet auch, aber die Investition an Zeit und Ressourcen ist lohnenswert: sie ist eine Investition in Wirkung.

3) Partizipation ist nötig für Transformation.

Unsere Gesellschaft ist nicht gerecht. Von Ungleichheit Betroffene sind im Nachteil: sie selbst haben nicht unbedingt die Ressourcen oder Möglichkeiten, Ungleichheit zu überwinden. Es liegt in der gesellschaftlichen Verantwortung von Stiftungen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, grundlegende Ungerechtigkeit nicht nur symptomatisch zu behandeln und durch Geben zu lindern, sondern grundsätzlich zu bekämpfen. Transformative Philanthropie, wie etwa Ise Bosch sie versteht und praktiziert, verändert nachhaltig gesellschaftliche Machtverhältnisse. Das ist echte Förderung des Gemeinwohls.

Partizipation - Beispiele aus der Praxis

Nicht jede Form der Einbeziehung ist echte Partizipation; das bloße Zitieren von Jugendlichen im eigenen Jahresbericht ist keine Partizipation; im schlimmsten Falle ist es Dekoration oder gar Instrumentalisierung.

Kinder und Jugendliche sind oft Zielgruppe deutscher Stiftungen – kaum eine bezieht sie aber in die Entscheidungen mit ein. Dabei ist Teilhabe ein Kinderrecht und in der UN-Konvention festgeschrieben. Im Mädchenbeirat von filia.die frauenstiftung in Hamburg entscheiden zwölf sehr unterschiedliche Mädchen und junge Frauen über die Projektmittelvergabe an Mädchenprojekte in ganz Deutschland. Die Mitbestimmung verändert ihr Leben, sie lernen die Stiftungsarbeit kennen und treffen tolle Menschen mit eigenen Geschichten. Jedes Jahr machen sie einen Projektbesuch und sprechen mit den beteiligten Mädchen, die in den Projekten Dinge lernen, die sie sonst nie lernen würden.

Das Modell für die partizipative Förderweise lernte filia in der internationalen Stiftungslandschaft kennen. Der Mädchenbeirat wirkt auch in die Stiftung hinein: Mädchen vertreten ihre Perspektiven im Stiftungsrat selbst.

Unterschiedliche Zielgruppen und geografische Reichweiten von Förderprogrammen erfordern unterschiedliche Herangehensweisen. Das europaweite FundAction-Programm der Guerilla Foundation aus Berlin und anderer Stiftungen wurde von Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Europa selbst gestaltet. Sie entscheiden auch selbst, welche der Projekte aus sehr unterschiedlichen Bereichen gefördert werden. Für die Abstimmung werden digitale Lösungen benutzt – ebenso wie beim European Digital Rights Fund der Stiftung Erneuerbare Freiheit. Auch dort wurde die Zielgruppe in die Konzeption der Förderstrategie eingebunden, sie gibt die Richtung für weitere Verbesserungen vor – und sie entscheidet allein über die Vergabe der Mittel an Menschenrechtsaktivisten in ganz Europa. Ein weiteres partizipatives Programm, basierend auf den bisherigen Erfahrungen, wird dort in Kürze für einen weltweiten Whistleblowing Fund aufgelegt.

So unterschiedlich diese Programme und Herangehensweisen sind: sie teilen gemeinsame Herausforderungen und Lösungen. Stiftungen können hier ideal voneinander lernen.

Nicht-Beteiligung ist ein sicherer Weg zu Frust und Verdrossenheit – das sehen wir nicht zuletzt im politischen Diskurs. Philanthropie will daher transparenter, gemeinschaftlicher und direkter werden. Partizipative Förderweisen sind ein Schritt in diese Richtung.

Autoren:

Tuja Pagels, Claudia Bollwinkel und Martin Modlinger

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