Geldanlage - Profit ist nicht genug

Gewinne mit gutem Gewissen – die EU-Kommission will nachhaltige Geldanlagen stärken. Was der neue Aktionsplan beinhaltet.

„Wir haben keinen Planeten B“, sagt Astronaut Alexander Gerst, der von der Internationalen Raumstation ISS aus gut erkennen konnte, wie dünn und verwundbar unsere schützende Atmosphäre ist. Klimawandel und Umweltzerstörung gehören zu den größten Gefahren. Nachhaltigkeit ist demnach das Gebot der Stunde. Das Umdenken ist auch in der Finanzbranche angekommen. Galten Nachhaltigkeit und Umweltschutz hier lange als Job- und Rendite-Killer, so steigt das Gesamtvolumen der nachhaltigen Investments inzwischen weltweit konstant. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind laut Forum Nachhaltige Geldanlagen inzwischen rund 419,5 Milliarden Euro auf diese Weise angelegt, rund 29 Prozent mehr als Ende 2016.

Werte aus dem Stiftungszweck ableiten

Das Wachstum des Marktes wird dabei überwiegend von institutionellen Anlegern getragen, die sich aus nicht-nachhaltigen Anlagen zurückziehen (sogenanntes „Divestment“). So wollen große Versicherer wie Allianz und AXA oder der norwegische Staatsfonds nicht mehr in Unternehmen investieren, die Kohle fördern.

Vor allem Stiftungen investieren ihr Vermögen nachhaltig, ergänzen also die üblichen Kriterien der Rentabilität, Liquidität und Sicherheit um ökologische, soziale und ethische Aspekte (ESG). So können Werte aus dem Stiftungszweck auch für die eigene Kapitalanlage abgeleitet werden. Des Weiteren geht es um Rendite-Risiko-Aspekte. „Nachhaltige Anlagen sind meiner Ansicht nach langfristig weniger risikoreich als andere Anlagen“, sagt Ben Betz, Portfoliomanager der Bayerische Vermögen AG.

Nachhaltigkeitsindices

In den vergangenen Jahren wurde eine Vielzahl von „Nachhaltigkeitsindizes“ entwickelt, deren Werte auf unterschiedlichen Bewertungen basieren. Zu den international bekanntesten gehören folgende Nachhaltigkeitsbarometer (Auswahl):

Die Berechnungen erfolgen von der Deutsche Börse/STOXX. 300 Unternehmen aus dem STOXX Global 1800 Index werden anhand von öknomischen, sozialen und ökologischen Kriterien bewertet und gruppiert.

www.stoxx.com

Die STOXX Sustainability-Indizes verfolgen die Performance nachhaltiger Unternehmen, basierend auf Forschungsansätzen der Schweizer Bank Sarasin. Sie sind für globale und regionale Märkte erhältlich.

www.stoxx.com

Die Titel entstammen Dow Jones Sustainability World Index (DJSI World). Auf Basis von ökonomischen, sozialen und ökologischen Kriterien werden die Top-10-Prozent der Unternehmen aus den 2500 größten Unternehmen im S&P Global Broad Market IndexSM (59 Industries/47 Countries) gewählt.

www.sustainability-indices.com

Beim britischen Nachhaltigkeitsindex wird – neben Umweltkriterien – besonders auf den Umgang mit Stakeholdern des Unternehmens, Menschenrechte, Arbeitsbedingungen und Antikorruption gelegt. Die Werte werden von einem Komitee bestimmt.

www.ftse.com

Die Indices Excellence Europe und Excellence Global werden von Ethibel zusammen mit Standard & Poors veröffentlicht. Bewertungsgrundlage ist vor allem ein Ansatz, der auf dem Best-in-Class-Prinzip beruht.

www.euronext.com

Doch bei aller grünen Euphorie gibt es bislang ein Problem: Es lässt sich nicht allgemeingültig beantworten, welchen Kriterien eine nachhaltige Anlage konkret genügen muss. „Nicht überall, wo Nachhaltigkeit draufsteht, ist auch das Gleiche drin“, so das Fazit einer aktuellen Studie des NKI Instituts für nachhaltige Kapitalanlagen. Kein Wunder, dass sich private Anleger zurückhalten, da sie sich zu schlecht informiert fühlen, ergab die NKI-Studie zudem.

EU-Gütesiegel geplant

Die Vielfalt ist verwirrend. Transparenz aber ist der entscheidende Schlüssel. Daher fordert der für Finanzdienstleistungen und somit auch für nachhaltige Investments zuständige EU-Kommissar Valdis Dombrovskis: „Grüne Finanzprodukte brauchen einheitliche Siegel. Die Regeln sollten entlang der gesamten Investmentkette angelegt werden - von der treuhänderischen Verantwortung des Asset-Managers bis hin zur Methode für Ratings.“

Die EU-Kommission hat am 8. März 2018 - ausgehend vom Bericht einer 20-köpfigen Expertengruppe - einen Aktionsplan vorgestellt, der folgende Kernpunkte beinhaltet:

  • die Festlegung einer gemeinsamen Sprache für das nachhaltige Finanzwesen d. h. ein einheitliches EU-Klassifikationssystem (oder Taxonomie)
  • die Schaffung eines EU-Kennzeichens für „grüne“ Finanzprodukte auf der Grundlage dieses EU- Klassifikationssystems
  • die Klärung der Pflicht von Vermögensverwaltern und institutionellen Anlegern, das Kriterium der Nachhaltigkeit bei den Investitionsabläufen zu berücksichtigen und die Offenlegungsvorschriften zu stärken
  • die Auflage für Versicherungsunternehmen und Wertpapierfirmen, ihre Kunden entsprechend ihren Nachhaltigkeitspräferenzen zu beraten
  • die Einbeziehung der Nachhaltigkeit in die Aufsichtsvorschriften (betrifft Banken und Versicherungen)
  • eine größere Transparenz der Unternehmensbilanzen

Philipp Hof, Geschäftsführer Haus des Stiftens und Initiator der Vermögenspooling Fonds für Stiftungen, beurteilt den Aktionsplan positiv: „Für uns macht es wahrscheinlich wenig Unterschied, weil wir ohnehin schon entsprechend aufgestellt sind. Aber größere Transparenz im Markt ist auf jeden Fall sinnvoll.“ Ähnlich äußert sich Robert Haßler, CEO von oekom research: „Wir begrüßen den Aktionsplan und begleiten den Sustainable Finance-Prozess aktiv. Die darin formulierten Anforderungen decken sich in weiten Teilen mit unserem methodischen Ansatz.“

Die Kommission wird die einzelnen Punkte zeitnah konkretisieren, bereits im Mai 2018 sollen Gesetzesvorschläge folgen. Die Umsetzung des Planes eilt, denn die EU hat sich beim Pariser Klimaschutzabkommen verpflichtet, weniger Treibhausgase zu emittieren. Von den konkreten Zielen ist sie jedoch weit entfernt. Nach Schätzungen der Kommission müssten europaweit jedes Jahr rund 180 Milliarden Euro in Klimaschutzstrategien investiert werden, damit der Kohlendioxidausstoß bis 2030 um 40 Prozent sinkt. Dabei spiele der Finanzsektor eine Schlüsselrolle. Es gibt also genügend Gründe, Nachhaltigkeit nicht nur im Werterhalt des Stiftungsvermögens, sondern auch bei den Anlagekriterien zu bedenken.

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Autorin
Maren Lohrer
freie Wirtschaftsjournalistin