Die Alle-an-einen-Tisch-Bringer

ProjectTogether zählt zu den innovativsten Initiativen der Zivilgesellschaft. Auch Stiftungen können beitragen – und mit jungen Ideen die eigene Wirkung potenzieren.

„Auch wir kennen die Lösungen zu den großen Herausforderungen unserer Zeit nicht. Wir wissen aber, dass die Probleme von morgen nicht mit den Mitteln von gestern zu lösen sind.“ Diese Überzeugung ist es, aus der Philipp von der Wippel eine ganze Maschinerie für Problem­lösungen gemacht hat. Er ist Gründer und Co-Geschäftsführer von ProjectTogether, das seit seiner Gründung bereits für einigen Wirbel im gemeinnützigen Sektor gesorgt hat. Erst kürzlich etwa durch eine erneute Wachstumsfinanzierung von drei Millionen Euro, die unter anderem von der Schöpflin Stiftung kommt. Das junge Unternehmen hat Erfolg – und es wächst: Während es Anfang des Jahres acht Mitarbeitende beschäftigte, sind es mittlerweile 20.

Und das soll noch lange nicht das Ende sein – zumindest wenn es nach von der Wippel geht: „Meine Vision für ProjectTogether ist, dass wir unseren Problemlösungsprozess auf unterschiedlichste Herausforderungen anwenden, sodass Hunderte, vielleicht sogar Tausende Lösungen zeitgleich entwickelt und getestet werden. Wenn wir erfolgreich sind, dann kann unsere Methodik ein wichtiger Baustein für modernes Regieren werden.“

Ein Start-up-Mindset für die Zivilgesellschaft

Doch was genau ist eigentlich so innovativ an dem Ansatz? Jedes Jahr widmet sich ProjectTogether mehreren sogenannten Challenges, in denen nach Lösungen für je ein konkretes Problem gesucht wird. Aktuell läuft die sogenannte Farm-Food-Climate Challenge, bei der Ideen für nachhaltige Ernährungsweisen gesucht werden. In vergangenen Challenges wurden bereits Großthemen wie Plastikvermeidung, die Europawahl oder der Klimawandel angegangen. Der letzte große Coup: Zusammen mit sechs weiteren Initiativen und der Bundesregierung als Schirmherrin startete das junge Unternehmen den Hackathon #WirVsVirus: Ein Wochenende lang trafen sich über 23.000 Menschen virtuell, um in 1.500 Projekten gleichzeitig daran mitzuwirken, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Corona-Krise abzumildern. Das sind beeindruckende Zahlen – doch wie wird man einer solchen Menge an potenziellen Lösungen gerecht?

Das Herausragende an der Arbeit von ProjectTogether ist der Ansatz, mit dem gesellschaftliche Probleme angegangen werden: Dabei wird ein Start-up-Mindset auf die Zivilgesellschaft übertragen. Zwei Punkte sind dabei besonders wichtig: Zum einen ist es die schiere Menge der Lösungs­ansätze, die innerhalb einer Challenge getestet werden. Seit seinem Bestehen hat ProjectTogether über 1.000 Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme begleitet.

Der zweite Punkt betrifft den Prozess selbst: Ihr Ansatz stammt aus der agilen Projektentwicklung und folgt dem Motto: Früh testen, schnell scheitern und Fehler beseitigen. Entwurfsphasen sollen dabei möglichst verkürzt werden. Ziel ist es, so früh wie möglich einen funktionierenden Ansatz vorzulegen, der dann in ganz unterschiedlichen Praxistests erprobt wird. Der Fokus liegt dabei explizit auf der Frühphase von Projekten. Das ist wichtig, damit sie noch offen für neuen Input und möglicherweise sogar für einen Richtungswechsel sind. Denn darum geht es ja: Die Lösungen sollen schnell getestet und der realen Welt ausgesetzt werden. Dafür werden regelmäßig sogenannte Stakeholder-Calls organisiert, bei denen die Initiativen mit Akteuren aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft oder dem öffentlichen Sektor an einem Tisch sitzen. Solche Innenperspektiven sind für die Weiterentwicklung einer Idee unschätzbar wertvoll, und es kristallisiert sich schon früh heraus, was funktioniert und was nicht. „Die Zeit eindeutiger Kausalitäten und linearer Ursache-Wirkungs-Verhältnisse ist vorbei, zeitgemäße gemeinnützige Arbeit muss die Komplexität unserer Lebenswelt und ihre Wechselwirkungen berücksichtigen“, sagt von der Wippel.

Diejenigen Projekte, welche die ersten Belastungstests bestehen, erhalten Gründerstipendien, sodass sich die Teams voll auf ihre Arbeit konzentrieren können. Um alle Partner untereinander zu vernetzen, stellt ProjectTogether zudem eine Online-Plattform zur Verfügung – den „digitalen Backbone“, wie sie es selbst nennen. Im letzten Schritt werden die vorher getesteten Lösungsansätze zusammen mit den Partnern aus der Praxis umgesetzt und skaliert.

Die Rollen für Stiftungen sind vielfältig

Skalierung, Wachstum, Proof of Concept – solche Begriffe zirkulieren eher in Wirtschaftskreisen. In der Zivilgesellschaft hingegen gibt es ihnen gegenüber noch immer Berührungsängste. Dabei sind die Vorzeichen in der Welt der Gemeinnützigkeit völlig andere als in der Wirtschaft: Nicht Profit, sondern Wirkung ist hier das Maß der Dinge: „Für Stiftungen ist diese Systematik teils gewöhnungsbedürftig, denn sie erfordert einen anderen Blick auf die soziale Wertschöpfung und die Wirkungsbeobachtung. Aber nur so entsteht Neues“, meint auch Uwe Amrhein, Stiftungsmanager bei der Röchling Stiftung. „Wer solche ungewöhnlichen Kooperationen eingehen möchte, dem kann ich nur raten: absolute Offenheit und Transparenz bezüglich der eigenen Positionen und Motive.“

Mit 110.000 Euro hat die Röchling Stiftung die Act On Plastic Challenge initial gefördert. „Es war von vornherein klar, dass unser finanzieller Beitrag nicht ausreicht, um das Programm vollständig zu finanzieren. Unsere Zuwendung sollte eine Initialzündung darstellen, die andere Akteure dazu motiviert, einzusteigen und weitere Ressourcen beizusteuern“, erinnert sich Amrhein. Der Plan ging auf: Inzwischen sind weitere Stiftungen und Unternehmen aus der Branche beteiligt, welche die Projekte mit viel Know-how und ihren eigenen Netzwerken unterstützen.

Das Beispiel der Röchling Stiftung zeigt, dass es zwischen dem ProjectTogether und Stiftungen allerlei Schnittmengen gibt und sich eine Kooperation gerade auch für Stiftungen lohnen kann. Bei der Act On Plastic Challenge soll ein nachhaltiger Umgang mit Kunststoffen erreicht werden – ein Ziel, das sich weitestgehend mit dem der Röchling Stiftung deckt. Die Stiftung der Unternehmerfamilie Röchling konnte dabei nicht nur die eigene jahrzehntelange Expertise einbringen, sondern profitierte auch selbst: „Die Zusammenarbeit hat uns mit einer Art von Akteuren zusammengebracht, die wir davor nicht hinreichend kannten: zumeist junge Engagierte, die ohne große organisatorische Anbindung einfach loslegen wollen“, sagt Amrhein. Mit einigen Projekten aus dieser Challenge arbeitet die Röchling Stiftung noch heute zusammen, etwa in Form von Publikationen oder durch regelmäßigen Austausch.

Mit einem ähnlich hohen Förderbetrag beteiligte sich auch die elobau Stiftung. Sie ist Mitinitiatorin der aktuell laufenden Farm-Food-Climate Challenge, bei der Probleme im Agrar- und Ernährungssektor angegangen werden sollen. Über 170 Ideen wurden eingereicht. Mittlerweile hat die Projektphase begonnen, in der intensiv an der Weiterentwicklung der Ansätze gearbeitet wird. Über die Motivation der elobau Stiftung, mit ProjectTogether zusammenzuarbeiten, sagt ihr Vorsitzender Peter Aulmann: „Unser erklärtes Ziel ist es, Projekte zu realisieren, die es ohne die Stiftung nicht gegeben hätte. Dahinter steckt ein sehr operativer Ansatz, den wir mit der Farm-Food-Climate Challenge gut umsetzen können. Sie schafft einen Handlungsrahmen, in dem eine Art ‚Betriebssystem‘ für kreatives Arbeiten an Lösungen geschaffen wird.“

Nicht jede Idee wird zur großen Erfolgsgeschichte

Sowohl die elobau Stiftung als auch die Röchling Stiftung sind mit hoher Finanzkraft und viel fachlicher Eigeninitiative in die Förderung gegangen. Doch es gibt, etwa für mittlere und kleine Stiftungen, auch andere Möglichkeiten einen Beitrag zu leisten. Unterstützen kann das junge Sozialunternehmen im Grunde jeder – egal ob finanziell, fachlich oder mit den eigenen Netzwerken.

Dass Stiftungen bei der Förderung sozialer Innovationen gegenüber anderen Partnern eine Sonderrolle spielen, findet auch Philipp von der Wippel: „In meinen Augen ist es die zentrale Aufgabe von Stiftungen, gesellschaftliches Risikokapital zur Verfügung zu stellen. Nur Stiftungen haben die Möglichkeit, die frühzeitige Erprobung mutiger Ansätze zu finanzieren – bis zu dem Risikolevel, an dem der Staat diese aufgreifen und verstetigen kann. Während der Staat öffentliche Güter bereitstellt, können Stiftungen zum ‚De-Risking‘ gesellschaftlicher Innovationen beitragen.“ Die nächste Challenge wird zusammen mit dem Stifterverband durchgeführt und sich des Riesenthemas Bildung annehmen. Und auch das Thema Plastik wird in einer zukünftigen Runde noch einmal aufgegriffen werden.

Natürlich wird nicht aus jedem Ansatz eine Erfolgsgeschichte. Aber vielleicht muss das auch gar nicht sein. Manche Teams haben in der #WirVsVirus-­Challenge 50.000 Atemmasken produziert und verteilt – danach war Schluss. Und selbst wenn sich eine Idee verläuft: Im schlimmsten Fall haben sich einige junge Leute gemeinsam für den guten Zweck engagiert – auch das ist Wirkung. 

Beitrag aus: Stiftungswelt Herbst 2020
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