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Visionäre Ideen, detaillierte Projektskizzen, viel Herzblut, genügend Geld – und trotzdem geht ein ambitionierter Plan nicht auf. Ein vielversprechendes Projekt scheitert. Tolle Ideen entfalten nicht die gewünschte Wirkung. Stiftungen möchten wirken und etwas bewirken – nicht nur im Rahmen zeitlich und örtlich begrenzter Projekte, sondern möglichst langfristig und in der Breite. Was es braucht, damit das gelingt? Die Stiftungswelt fragte Expertinnen und Experten und stellte fest: Einige Empfehlungen scheinen stiftungsübergreifend zu gelten. 

Angebote an der Zielgruppe ausrichten 


Dr. Hans-Michael Brey, Vorstandsvorsitzender, Stiftung Berliner Leben

Es genügt nicht, vor Ort ein gutes Angebot zu machen. Als Stiftungen müssen wir dieses Angebot immer auch mit dem Umfeld verzahnen. Es muss Teil seiner Umgebung werden. Nur so erreichen wir die Menschen wirklich.

Als wir zum Beispiel das URBAN-Nation Museum in Berlin Schöneberg im Jahr 2017 eröffnet haben, mussten wir uns im Quartier auch mit Vorurteilen auseinandersetzen. Das Museum wurde von vielen erst einmal als ein Fremdkörper wahrgenommen – als eine Art Ufo, das in der Nachbarschaft gelandet ist. Wir haben dann sehr schnell festgestellt, dass es nicht damit getan ist, für das Museum zu werben. Die Menschen im Quartier mussten spüren, dass sie selbst davon profitieren. Inzwischen kommen jährlich etwa 116.000 Besucher zu uns. Es finden über 200 Veranstaltungen im Museum statt und über 5.000 Schüler aus ganz Europa besuchen die Ausstellungen und angegliederte Workshops. Dazu kommt, dass wir ganz bewusst auch versuchen, unseren Bedarf in der unmittelbaren Nachbarschaft zu decken. Egal ob Bücher, Büromaterial, Getränke oder Stullen. Wir kaufen das alles im Quartier. Damit ist das Museum ein echter Wirtschaftsfaktor für den Kiez. Das hat Strahlkraft und trägt zur Akzeptanz bei.

Ferner sind wir im zurückliegenden Jahr dazu übergangenen, alle Projekte, die wir als Stiftung fördern, zu verpflichten, Angebote für Menschen im Quartier zu formulieren. Das bedeutet, dass zum Beispiel der Boxclub dort Kurse anbietet und unsere Residenzkünstler Workshops mit den Quartierbewohnern durchführen. Unser Ziel ist es, Jugendliche über Sport, Kunst und Kultur für Bildung zu begeistern. Dabei haben wir in den zurückliegenden Jahren sehr viel gelernt. Mit Gründung der Stiftung gab es nur unsere Sozialprojekte, dann kam das Museum und etwa ein Jahr später das Residenzprogramm FRESH A.I.R hinzu. Die einzelnen Angebote standen erst einmal unverbunden nebeneinander. Aktuell verbinden wir die Projekte auf unserer Plattform „Stadtraum!Plus“, um gemeinsame Angebote für die Menschen in den Quartieren zu schaffen.  

Wir sind der Überzeugung, dass es darüber hinaus ein einheitliches Narrativ braucht, um wahrgenommen zu werden. Einfach nur eine Stiftung zu sein, reicht längst nicht mehr. Das erscheint zu beliebig.  

Ferner, so unsere Erfahrung, sollten sich die Verantwortlichen in den Stiftungen überlegen: Wer ist unsere Zielgruppe? Und was benötigt diese? Wir hatten vor einem Jahr einen Sprayer-Workshop für Kids angeboten – das ging völlig an der Zielgruppe vorbei. Gerade einmal drei Teilnehmer haben sich während der Ferienzeit angemeldet. Aus so etwas muss man als Stiftung lernen. Es ist doch sinnlos, etwas anzubieten, was keiner braucht. 

Aus diesem Grund engagieren wir uns zwischenzeitlich auch im Verein „Stiftungen für Bildung.“ Hier ist es möglich, mit etwa 650 Akteuren aus der Bildungs- und Stiftungslandschaft zu sprechen, um im Vorfeld von eigenen Vorhaben einschlägige Erfahrungen auszutauschen. Das spart nicht nur Zeit und Geld, sondern kommt auch den Menschen vor Ort zugute. Und so erreichen wir die Menschen dann wirklich!

 

Das Potenzial von Netzwerken nutzen


Andreas Rebmann, Projektleiter bei Software AG – Stiftung

Man muss das Feld, auf dem man etwas bewirken möchte, vorbereiten – das gilt auch für die Arbeit von Stiftungen. Das Potenzial von Netzwerken, die dafür so immens wichtig sind, schöpfen viele unserer Projektpartner noch nicht optimal aus. Unsere Aufgabe sehen wir deshalb darin, gemeinsam mit ihnen zu schauen, welche Verbündeten finanziell und ideell zum Gelingen des jeweiligen Vorhabens beitragen könnten. Geld allein – so unsere Erfahrung – reicht in der Regel nämlich nicht. Es braucht unbedingt auch das passende Umfeld vor Ort.  
 
Dabei stellt es einen entscheidenden Vorteil dar, wenn man auf bereits bestehende Strukturen zurückgreifen kann. Das ist eine der zentralen Stärken des Netzwerks Stiftungen und Bildung. Es sorgt dafür, dass die richtigen Menschen zeitnah an einem Tisch sitzen und miteinander sprechen. Auf diese Weise sparen wir viel Zeit und kommen ungeheuer schnell in die Wirksamkeit. Zudem können durch ein stabiles Netzwerk nicht nur mögliche Projektrisiken auf mehrere Schultern verteilt werden, es ist auch ein ungleich stärkerer Hebel gegenüber anderen Stakeholdern. Darüber hinaus bieten Netzwerke ganz neue Perspektiven für die Projektevaluation. So können wir neben der Einschätzung des Antragstellers auch auf die Erfahrungen der anderen Partner zurückgreifen, was ein enormer Mehrwert und eine große Chance ist. 
 
Dies unseren Projektpartnern von Anfang an bewusst zu machen und die richtigen Impulse zu geben, damit sie ihre Möglichkeiten auch nutzen, verstehen wir als Teil unseres Empowerments als Förderstiftung. Bei den Antragstellerinnen und Antragsteller kommt das in der Regel sehr gut an. In Befragungen wie etwa „Learning from Partners“ wird uns – übrigens auch im Falle einer Absage – eine konstruktive und wertschätzende Zusammenarbeit bescheinigt. Viele Partner haben das Gefühl, dass wir einen guten Resonanzboden bieten, um Ideen zu prüfen und weiterzuentwickeln. 
 
Entwicklung findet auch innerhalb unserer eigenen Stiftungsarbeit statt. Ein Beispiel: Wir bekommen immer häufiger Anträge, die mehrere unserer Förderschwerpunkte gleichzeitig betreffen. Das führt dazu, dass auch wir Projektleiter uns immer mehr untereinander vernetzen und unsere Expertisen bündeln müssen. In der Konsequenz haben wir mehr Schnittstellen als früher und brauchen daher gerade bei größeren Projekten etwas mehr Zeit für die Antragsbearbeitung. 
 
Der Faktor Zeit gewinnt für uns als Stiftung aber auch aus einem anderen Grund zunehmend an Bedeutung: Immer öfter finden wir uns in der Rolle des Coaches oder Beraters wieder, der von Beginn an in die Projektentwicklung eingebunden wird und zusammen mit den Partnern am Projektdesign arbeitet. Auf diese Weise können wir daran mitwirken, dass ein Projekt die nötige Reife hat, bevor es in die Umsetzung geht. Natürlich bindet das erst einmal Ressourcen, aber wir spüren auch, dass wir durch dieses Vorgehen unsere Wirksamkeit deutlich steigern können.

 

Kooperation zahlt sich aus


Dr. Kirsten Witte, Director Programm LebensWerte Kommune, Bertelsmann Stiftung

„Wenn du schnell gehen willst, geh alleine. Wenn du weit gehen willst, geh gemeinsam mit anderen“, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort. Daran glaube ich auch, wenn es um die Arbeit von Stiftungen geht. Ich bin ein Fan von Kooperationen. Wer als Stiftung weit kommen möchte, sollte kooperieren. Das erscheint manchmal zunächst mühsam, zahlt sich meiner Erfahrung nach aber immer aus.

Außerdem tun wir als Stiftungen gut daran, uns auf die Menschen in den Kommunen einzulassen und individuelle Unterschiede zu adressieren. Dazu gehört auch, den Beteiligten ihre Freiheit zu lassen und ihre Kompetenzen anzuerkennen – das fällt gerade Stiftungen nicht immer leicht.  Dabei kennen sich die lokalen Akteure mit den regionalen Gegebenheiten oft besser aus, als wir uns als Externe je damit auskennen werden. Es ist nun mal ein riesiger Unterschied, ob ich in Freiburg bin, in Duisburg oder in einer kleinen Gemeinde in Bayern.

Wenn wir im Rahmen des Stiftungsverbunds Lernen vor Ort, aus dem später das Netzwerk Stiftungen und Bildung entstanden ist, regionale Bildungsnetzwerke aufgebaut haben, ging es uns deshalb immer darum, dass die Akteure vor Ort aktiv werden. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wir bringen die relevanten Player an einen Tisch und moderieren, darüber hinaus haben wir viel Verantwortung und Spielraum abgegeben. Dabei habe ich im Laufe der Jahre auch gelernt, dass man zum Start am besten die Willigen um sich scharen sollte.  

Wenn man immer auch den Letzten mitnehmen möchte, kann man manchmal nicht loslaufen. Umgekehrt kommen die Zögerlichen oft mit, wenn die Motivierten erst einmal den Anfang gemacht haben.

In Freiburg haben wir zum Beispiel den Aufbau eines regionalen Bildungsmanagements begleitet. Dort ist es über die Jahre gelungen, über das Bildungsnetzwerk hinaus ein Netzwerk von Stiftungen vor Ort aufzubauen. Anstatt sich – wie früher – parallel zu engagieren, arbeiten diese Stiftungen jetzt arbeitsteilig und können damit deutlich mehr bewirken.

Manchmal bin ich erstaunt, wie wenig Kontakt Stiftungen vor Ort mit anderen lokalen Akteuren haben und wie viele Kommunikationshemmnisse es im Alltag gibt. Hier eine gemeinsame Ebene zu schaffen ist eine große Aufgabe. Dafür brauchen wir oft noch mehr Kommunikation auf Augenhöhe und manchmal einfach auch einen langen Atem. 

Die Interviews führte Esther Spang.

Weitere Beispiele gibt es in der Stiftungswelt Herbst 2020
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