"Er hallt nach"

Julia Wittgens und Annette Schiedeck im mare Künstlerhaus
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Bild: Claudia Höhne

Als der Publizist und Freigeist Roger Willemsen 2016 im Sterben liegt, schmiedet er mit Freunden einen letzten Plan: Sein Wohnhaus soll zum Mittelpunkt einer Künstlerstiftung werden. Heute residieren hier Musiker, Schriftstellerinnen oder Drehbuchautoren. Eine Führung mit Vorständin Julia Wittgens und Hausleiterin Annette Schiedeck durch das Künstlerhaus.

Hamburg Wentorf. Der Weg zum mare-Künstlerhaus führt an Schloss Reinbek vorbei, das am beschaulichen Mühlenteich gelegen ist. Es ist ruhig und fast idyllisch. Wer die Straße weitergeht, gelangt zu einem großzügigen Golfareal. Das Künstlerhaus liegt auf einer kleinen Anhöhe. Oben öffnet sich die hölzerne Eingangstür und wir werden von Annette Schiedeck und Julia Wittgens begrüßt. Und von einem Zitronenbaum – der Eingangsbereich wird derzeit als Wintergarten benutzt.

Stiftungswelt: Frau Schiedeck, Frau Wittgens, Sie beide haben mit Roger Willemsen lange zusammengearbeitet. Welche Beziehung hatten Sie zu ihm?
Annette Schiedeck: Kennengelernt habe ich ihn auf einer Ausstellung, und wir waren sofort Komplizen, so nannte Roger seine Freunde. Irgendwann fragte er mich, ob ich bei seiner Lesereise zu „Das Hohe Haus“ mit auf die Bühne gehen würde. Ich fand die Idee ziemlich verwegen, weil ich gar keine ausgebildete Sprecherin war. Doch genau das gefiel ihm. Und er wollte mit Freunden unterwegs sein. Freunde nahm Roger so wichtig wie andere Familie. „Freundesliebe“ nannte er das.

Julia Wittgens: Ich habe schon als Studentin für ihn gearbeitet. Damals gab es noch seine Fernsehsendung „Willemsens Woche“. Nach dem Studium fragte er mich, ob ich für seine Produktionsfirma arbeiten möchte. Als er sich im Jahr 2000 entschied, diese Firma aufzugeben, fand ich das traurig – aber aus seiner Warte war es nachvollziehbar. Er war mit den Strukturen, die ihm die öffentlich-rechtlichen Sender auferlegten, nicht mehr einverstanden. Einige Jahre später fragte er mich, ob ich sein Büro leiten würde. Insgesamt habe ich mit einigen Unterbrechungen 20 Jahre für ihn gearbeitet.

Das klingt beides ziemlich ­impulsiv.
Wittgens:
 Roger hat immer mit dem Herzen entschieden. Zu mir meinte er einfach: „Mach das mal!“ Plötzlich saß ich über hochdotierten ZDF-Produktionen, die auf der ganzen Welt gedreht wurden. Auch der Kauf dieses Hauses war eine spontane Herzensentscheidung. Beim Spazierengehen kam er mit einer Freundin zufällig hier vorbei. Als sie meinte, das Haus wird verkauft, sagte er sofort: „Das nehme ich!“ Ich sollte dann alles organisieren, was für den Kauf nötig war.

Diese Entscheidung wiederum versteht man sofort. Das 1889 von dem Hamburger Architekten Martin Haller entworfene Haus heißt den Besucher von der ersten Sekunde an willkommen. Das mag an den hohen Decken oder den großzügig verglasten Fenstern liegen, deren einfallendes Licht die Räume atmen lässt. Oder es ist der willemsensche Einrichtungsstil, der den aufmerksamen Besucher in jedem Winkel etwas Neues entdecken lässt. Seit 2018 steht die Villa unter Denkmalschutz.

mare Künstlerhaus
Bild: Claudia Höhne
Das mare-Künstlerhaus in Wentorf bei Hamburg

Welche Geschichte hat dieses Haus, was war es vorher?
Schiedeck:
 Das Haus ist gut 130 Jahre alt und war früher ein Kinderheim. Aus dieser Zeit stammt noch das große Blumenfenster im Treppenhaus. Einmal kam ein 51-jähriger, schwer tätowierter Mann vorbei, der in diesem Haus groß geworden ist. Unter dem Fenster blieb er stehen und meinte: „Hier habe ich immer mein Weihnachtsgedicht aufgesagt.“ Als ich ihn fragte, ob er es noch auswendig wüsste, fing er an, das Gedicht zu rezitieren. Überall erinnerte er sich an eine andere Geschichte aus seiner Kindheit. Am Ende meinte er: „Wäre ich nicht so ein harter Kerl, ich hätte an jeder Ecke geweint.“

Wieso hat Willemsen diese ­Villa ursprünglich gekauft, welche ­Pläne hatte er mit ihr?
Wittgens: 
Den Umzug hierher empfand er als eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Er ist ja in Alfter bei Bonn mitten im Grünen aufgewachsen. Das Grüne wünschte er sich für seine nächste Lebensphase zurück: einen See, einen Wald zum Pilze sammeln und einen Rückzugsort. Er hat vorher im Graumannsweg nicht weit vom Hamburger Hauptbahnhof gewohnt. Wenn er dort unterwegs war, wurde er oft erkannt, angesprochen und befand sich mitten im Getümmel.

Schiedeck: Roger träumte davon, hier projektweise mit Freunden aller Kunstrichtungen zusammenzuarbeiten, Programme zu entwickeln, mit Gästezimmern und Schreibtischen für seine engsten Vertrauten. Er freute sich auf ein offenes Haus und ein gemeinsames produktives Arbeiten hier.

Willemsen galt als volksnah und überaus zugänglich. Das steht in Widerspruch zu dieser Villa, die doch sehr abgeschieden ist. Wie passt das zusammen?
Wittgens:
 Abgeschieden? Das hätten Sie ihm aber nicht sagen dürfen! (lacht) Als ich einmal Ähnliches zu ihm sagte, hat er geantwortet: „Das siehst du völlig falsch, ich bin in 20 Minuten am Hauptbahnhof.“ Ich glaube, er brauchte beides, natürlich die Öffentlichkeit und das Publikum, aber eben auch die Möglichkeit, in Ruhe für sich zu sein. Er hatte allerdings schon die Vorstellung, sich hier von Zeit zu Zeit mit seinen Freunden und Komplizen zu versammeln und die Köpfe zusammenzustecken. Während seiner Krebserkrankung war dann sein engster Freundeskreis mehr oder weniger ständig hier. So realisierte sich mit seinem Einzug in das Haus diese Idee von Gemeinschaft tatsächlich.

Hatte er anfangs Berührungs­ängste mit diesem doch etwas pompösen Anwesen?
Schiedeck:
 Er stellte sich schon die Frage, ob man eigentlich so absurd groß wohnen darf. Alleine in dieses Haus zu ziehen, davor hatte er zunächst ein paar Hemmungen. Er war dann aber schnell Feuer und Flamme, als es um das Gemeinschaftliche ging, das hier stattfinden sollte.

Wittgens: Roger hat insgesamt nur wenige Wochen hier gewohnt. Während seiner Krebserkrankung waren wir mit fünf weiteren Freunden mehr oder weniger ständig hier. Er war wirklich wahnsinnig gastfreundlich und jeder fühlte sich sofort willkommen.

Vielleicht liegt das auch an der Kunst, die hier ständig präsent ist: Neben Fotos von und mit Zeitgenossen begegnen wir bei unserem Rundgang ihm gewidmete Comics oder Karikaturen. Und wir stellen fest: Roger Willemsen war ein leidenschaftlicher Sammler. Im Fernsehzimmer hängen in Eigenregie gerahmte und gehängte Stoffmuster, in einem der Gästezimmer enzyklopädische Bild­tafeln mit exotischen Tieren. Und überall im Haus verteilt stehen farbenfrohe Art-déco-Dosen, die er auf Wiener Flohmärkten zusammensuchte.

Können Sie den Moment der Stiftungsgründung beschreiben?
Schiedeck:
 Die Idee entstand in diesen letzten Tagen im Freundeskreis. Roger war es immer ein großes Anliegen gewesen, junge Künstler zu fördern und unterschiedliche Disziplinen zusammenzubringen. Gleichzeitig war da dieses Haus, von dem klar war, dass es nach seinem Tod weggegeben werden würde.

Wittgens: Ja, unter dieser Vorstellung hat er sehr gelitten. Dass er hier nicht mehr alle vier Jahreszeiten würde erleben können. Dann hatte Nikolaus Gelpke, ein enger Freund Rogers und der Verleger des mareverlags, wenige Tage vor seinem Tod die Idee, eine Künstlerresidenz als Stiftung zu gründen. Im ersten Moment war Roger davon nicht gerade begeistert. Dass eine Stiftung seinen Namen tragen sollte, fand er eitel.

Schiedeck: Wir haben uns dann aber gegenseitig befeuert: So hätten wir einen Platz für die Bücher und für die Musik. Plötzlich gab es diesen Ort, an dem das alles würde bleiben können. Von unserer Euphorie ließ er sich anstecken. Er hatte dann die Idee, nicht nur Schriftsteller, sondern Menschen aus allen Kunstrichtungen zu fördern.

Wittgens: Das war wirklich bewegend. Er war schon sehr krank und schlief viel. Doch in den wachen Momenten schmiedete er Pläne für das Künstlerhaus. Einmal sagte er: „Wenn wir Künstler fördern, dann aus allen Bereichen. Und vergesst mir das politische Kabarett nicht!“
Dass diese Idee letztendlich realisiert wurde und aus Rogers Haus das mare-Künstlerhaus entstehen konnte, ist allein Nikolaus Gelpke und dem mareverlag zu verdanken.

Können Sie etwas zu der Struktur hinter der Stiftung sagen?
Wittgens:
 Das Haus selbst gehört inzwischen dem mareverlag, deshalb heißt es auch mare-Künstlerhaus. Sein Verleger Nikolaus Gelpke ist gleichzeitig der Stifter der Roger Willemsen Stiftung. Für die Stipendien erhalten wir Zuwendungen von verschiedenen Förderern. Nach der Höhe der Zuwendungen richtet sich die Anzahl der Aufenthaltsstipendien, die wir als Stiftung pro Jahr vergeben können. Außerdem haben wir den Förderverein „Freunde der Villa Willemsen“ gegründet, mit dem wir beispielsweise Veranstaltungen durchführen können. Wir freuen uns über jeden Förderer und jeden, der bereit ist, ein Künstlerstipendium teilzufinanzieren. Viele Künstlerinnen und Künstler hat die Corona-Pandemie schwer getroffen, eine Förderung zu erhalten bedeutet ihnen sehr viel.

Die Bibliothek im Erdgeschoss steht noch immer so da, wie Willemsen sie einst sortierte. Es war ihm wichtig, dass sie genau so erhalten bleibt. Man stellt sich vor, wie der hochgewachsene Willemsen vor all diesen Werken steht und für ein Buch recherchiert, das irgendwann ebenfalls Eingang in seine Sammlung finden wird. Heute dient sie den Künstlern als Präsenzbibliothek.

Und dort an der Wand, etwas versteckt neben der knarzenden Holztreppe, hängt er plötzlich: Roger Willemsen. Aus schwarzem Off blickt er uns mit seinen verträumten Augen entgegen. Wir grüßen und steigen die Stufen hinauf ins erste Obergeschoss. Im Treppenhaus hängt eine über­dimensionale Lampe, die wirklich nur in ein Haus wie dieses passt.

Vor einer Woche hatte ich eine Begegnung beim Arzt mit einer etwas mürrischen Schwester. Als sie sah, dass ich „Das Hohe Haus“ las, erwärmte sich plötzlich ihre Art. Wie sich herausstellte, war sie vor Jahren bei einer Lesung von Roger Willemsen und seitdem überzeugter Fan. Die Frau war wie ausgewechselt. Woran genau lag es, dass dieser Mann die Menschen so nachhaltig begeisterte?
Schiedeck:
 Seit er nicht mehr da ist, bemerke ich immer mehr, wie besonders sein Interesse am anderen war. Und wie wenig Kapazität viele Menschen doch haben, sich auf ein Gegenüber wirklich einzulassen. Roger war immer beim anderen, war an ihm interessiert, ohne zu bewerten. Gepaart mit seiner Intelligenz und seinem Scharfsinn ergab das eine einzigartige Kombination.

Wittgens: Viele Menschen, mit denen wir sprechen, erzählen, dass die Begegnung mit ihm einen Einschnitt in ihrem Leben darstellt. Das gab vielen Mut, plötzlich ungewohnte Wege zu gehen. Er hallt bei den Menschen bis heute nach.

„Das schönste Zimmer im Haus muss immer das Arbeitszimmer sein“, zitiert Julia Wittgens Roger Willemsen, als wir dieses Heiligtum betreten. Hier steht der zweite Teil der Bibliothek, vor ihr ein fast zu normaler Schreibtisch, wie er in jedem Büro stehen könnte. Die Aufmerksamkeit beansprucht ein anderes Detail, eine Bilderwand mit Fotos von Menschen aus seinem Leben.

Frau Schiedeck, als Hausleiterin leben Sie selbst dauerhaft in der Villa. Wie fühlt es sich an, ständig dem Roger-Willemsen-Kosmos ausgesetzt zu sein?
Schiedeck:
 Dieser Kosmos lässt einem so viel Freiraum, dass er einen nicht einschließt. Darum geht es ja auch der Stiftung: Würde man es museal machen und hätte hier eine Statue von ihm stehen, würde es sich befremdlich anfühlen. Roger hätte keinesfalls gewollt, dass Menschen sich an diesem Ort selbst aufgeben oder eine Art Verehrung entsteht. Sein Ziel war es, anderen Flügel zu verleihen, in ihrer ganz eigenen Art. Es fühlt sich aber überhaupt nicht einengend an, sondern es atmet, und zwar immer mehr. Das liegt auch an den Stipendiaten.

Etwa alle zwei Monate wechseln diese Stipendiaten und Sie bekommen neue Mitbewohner. Wie erleben Sie die Künstlerinnen und Künstler, die für eine gewisse Zeit in das Haus einziehen?
Schiedeck:
 Die Leute sind so dankbar dafür, dass sie diesen Freiraum haben. Es ist nicht selbstverständlich, zwei Monate Raum und Zeit ohne finanziellen Druck geschenkt zu bekommen. Ich erlebe die Künstler als fast hungrig auf diese Arbeitszeit und es ist sehr schön zu sehen, wie sie sich hier entfalten.

Wie sieht ihr Alltag aus, wie und wo arbeiten sie?
Schiedeck:
 Das ist ganz unterschiedlich. Manche kochen jeden Abend zusammen, andere genießen die Stille. Einer kam immer genau eine Viertelstunde lang runter in die Küche, um ein Salamibrot zu essen. Es gibt Runden, da arbeitet jeder eher zurückgezogen, manchmal auch mitten in der Nacht. Im ersten Jahr war das Arbeitszimmer von Roger mit seinem Schreibtisch sehr beliebt. In einem anderen Jahr traute sich niemand in diesen Raum hinein. Ein Stipendiat arbeitete am liebsten an einem kleinen Tisch in seinem Zimmer, mit Blick auf die Wand vor ihm. Andere arbeiten zu dritt in einem Raum: einer am Kamin, einer am Tisch, einer auf der Couch. Für alle diese Varianten bietet das Haus genügend Orte.

Verändert dieser Ort das Schaffen der Künstler? 
Schiedeck:
 Die Musikerin Catharina Schorling, alias CATT, hat sich in unserem Gartenhaus ein Studio mit Keyboards, Blechblasinstrumenten und Bildschirmen eingerichtet. Zuvor hatte sie immer für andere gespielt, doch hier bekam sie zum ersten Mal die Möglichkeit, ausschließlich ihre eigene Musik zu machen. Am Ende hat sie hier fast ihr ganzes Album aufgenommen. Dabei hat sie Geräusche aus dem Haus – ein Trommeln auf dem Tisch, ein klimperndes Glas – in ihre Lieder mit einfließen lassen. Ein Autor vom Berliner Maxim Gorki Theater hat unsere Gespräche so stark in sein Stück eingebaut, dass mir beim ersten Lesen die Tränen kamen. Und eine Schriftstellerin hatte sich vorgenommen ein ganz trauriges Buch zu schreiben. Kaum war sie hier, hat plötzlich die Leichtigkeit in ihre Arbeit Einzug gehalten.

Gibt es Vorgaben, die die Stipendiaten erfüllen müssen?
Schiedeck:
 Jeder kann es so machen, wie es für ihn funktioniert. Wir hatten mal einen Stipendiaten, der am Anfang ganz nervös war und nicht so richtig aus sich herauskam. Irgendwann habe ich dann gesagt, dass es übrigens keinen festen Tagesablauf gibt und jeder in seinem Tun frei ist. Da plumpste ihm ein riesiger Stein vom Herzen und alles war gut. Das rührt mich dann sehr zu sehen, wie jemand sich langsam öffnet. Und ich wundere mich immer darüber, wie fleißig alle sind. Keiner macht hier einfach nur Ferien und nutzt die Zeit nicht, wobei auch das natürlich erlaubt wäre. (lacht)

Wittgens: Die Stipendiaten fragen mich oft, was sie am Ende abliefern sollen. Aber genau das wäre nicht in Rogers Sinn und auch nicht in dem der Stiftung. Es gibt keinerlei Auflagen, im Gegenteil, jeder darf und soll sich künstlerisch treiben lassen. Eine Grundvoraussetzung für Kreativität.

An den Wänden der Musikbibliothek stehen CD-Regale, alphabetisch und von Roger Willemsen noch eigenhändig sortiert. Daneben, zwischen Küche und Bibliothek, liegt das Veranstaltungszimmer, in dessen Ecke ein schwarz glänzender Flügel steht. Wenn Musiker unter den Stipendiaten sind, erfüllt sich von hier aus das ganze Haus mit Musik. Bis zu 60 Gäste passen in den kleinen Raum.

Ist die Villa allein den Stipendiaten vorbehalten oder ist sie auch für die Öffentlichkeit geöffnet?
Wittgens: 
In unserem Veranstaltungsraum führen wir nach Abschluss einer Stipendiaten-Runde oft Konzerte oder Lesungen durch, in denen die Stipendiaten etwas präsentieren. Nicht weil das Auflage ist, sondern weil alle unheimlich viel Lust dazu haben. Die Karten dafür sind meist nach einer Stunde ausverkauft. Durch die Pandemie wurden wir zwar etwas lahmgelegt, allerdings sind wir sehr stolz darauf, dass wir im letzten Jahr ein kleines Open Air im Garten des mare-Künstlerhauses durchführen konnten.

Auf dem Absatz zum Keller liegt ein Teppich, in den die Widmung „To Mr. Roger Willemsen“ gestickt wurde. Ein Dankeschön für sein Engagement in Afghanistan. Vorbei an der Speisekammer führt der Rundgang in die helle Küche und hinein in den Garten, die letzte Station der Führung. Im hinteren Teil des Grundstücks steht ein Gartenhaus, in das sich einzelne Künstler – vor allem Musiker, die hier ungestört sind – zurückziehen können. In einer anderen Ecke des Gartens ist im Rasen ein runder Fleck zu erkennen, in dem das Gras ganz gelb steht. Die Vorbesitzer hatten hier ein Trampolin für ihre Kinder aufgestellt. Das Trampolin könne weg, meinte Willemsen noch, die Reckstangen daneben allerdings sollten bitte für immer bleiben. Falls es wieder einmal Bedarf gäbe. Den Garten umgeben dicht bepflanzte Kirschlorbeersträucher, auch diese hat Willemsen selbst ausgesucht.

Wittgens: Ich dachte immer, er blufft, aber Roger kannte sich mit Botanik sehr gut aus. Wenn er sich mit etwas beschäftigte, dann richtig. Man konnte irgendeine Pflanze pflücken, ihm hinhalten, und er wusste, was das ist.

Schiedeck: Wir haben glücklicherweise noch Rogers alten Gärtner, der sich um das Grundstück kümmert. Mit ihm lief Roger immer in Socken im Garten umher und hat alles Mögliche besprochen. Nach seinem Tod haben wir mal zusammen überlegt, ob wir das Moos im Rasen entfernen sollten, aber Roger mochte das immer. Deshalb lassen wir das jetzt so.

Über Roger Willemsen

Der Schriftsteller, Talkshowmaster und Zeitbeobachter Roger Willemsen zählte zu Deutschlands bekanntesten Intellektuellen. Einem breiten Publikum wurde er durch Fernsehsendungen wie „0137“ oder „Willemsens Woche“ bekannt, in denen er weit über 1.000 Interviews mit großen und kleinen Zeitgenossen führte. Im Jahr 2000 zog er sich abrupt vom Fernsehen zurück und konzentrierte sich auf seine schriftstellerische Arbeit. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Bücher wie „Der Knacks“, „Die Enden der Welt“ oder „Das Hohe Haus“, die er mit einer Vielzahl öffentlicher Lesungen verband. 2016 verstarb Willemsen an einer Krebserkrankung in dem Haus in Wentorf.

Über die Gesprächspartnerinnen

Julia Wittgens ist Vorständin der Roger Willemsen Stiftung. Sie begleitete Roger Willemsen seit Abschluss ihres Studiums und betreute Produktionen wie „Willemsens Woche“. Zuletzt leitete sie Willemsens Büro.

Annette Schiedeck ist die Hausleiterin des mare-Künstlerhauses und wohnt als solche dauerhaft dort. Sie begleitete Willemsen unter anderem auf seiner Lesereise zu dem Werk „Das Hohe Haus“. Schiedeck bildet zusammen mit sechs weiteren „Komplizen“ das Stiftungskuratorium.

Beitrag aus: Stiftungswelt Sommer 2021
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