Democracy Dies in Darkness

21.01.2020
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Welche journalistische Enthüllung hat Sie in letzter Zeit besonders beeindruckt? War es die Ibiza-Affäre, die die österreichische Regierungskoalition zum Platzen brachte? Oder waren es die Panama Papers, die gigantische Steuerschlupflöcher aufdeckten?

Diese Beispiele sind Glanzlichter des investigativen Journalismus. Aufgedeckt von großen Redaktionen und Rechercheverbünden. Doch eine lebendige Demokratie benötigt ebenso einen engagierten Journalismus im Lokalen, der mutig über Machtmissbrauch und Korruption in seiner direkten Umgebung berichtet. Denn: Demokratie entwickelt sich von unten. Ihre Wurzeln liegen in den Gemeinderäten und Stadtparlamenten – und in der Kontrolle dieser.

Journalistinnen und Journalisten bieten überdies Orientierung, ermöglichen Teilhabe im gesellschaftlichen und politischen Raum und tragen zur Identitätsbildung bei. So verwundert es kaum, dass mit dem Verschwinden von Lokaljournalismus die Wahlbeteiligung, der soziale Zusammenhalt und das zivilgesellschaftliche Engagement sinken. Wo Journalismus Missstände nicht sichtbar machen kann, geht die Demokratie ein. „Democracy dies in Darkness“ mahnt deshalb der Slogan der „Washington Post“ seit der Trump-Wahl.
 

Gegen Nachrichtenwüsten

Doch trotz dieser Befunde werden immer mehr Stellen im lokalen Journalismus gestrichen, Redaktionen zusammengelegt oder gar aufgelöst. Die lokale Medienvielfalt ist bedroht. Eine Entwicklung, die in den Vereinigten Staaten bereits fortgeschritten ist. Seit 2004 mussten dort mehr als 1.800 Lokalzeitungen schließen. Die Medienmärkte in Deutschland und den USA sind nicht direkt vergleichbar. Und doch sollten wir uns fragen: Wie können wir „news deserts“, also Nachrichtenwüsten, vorbeugen?

Diese Frage geht Stiftungen unmittelbar an. Denn Stiftungen können ihre eigenen Ziele nur erfolgreich verfolgen und bürgerschaftliches Engagement fördern, wenn Bürgerinnen und Bürger Handlungsoptionen kennen. Dafür braucht es Qualitäts­journalismus.

Wie also lassen sich Vielfalt und Berichterstattung im Lokalen in Zeiten wegbrechender Erlöse stärken? Wie können Fördermodelle aussehen, die präzise auf Schwachstellen und ­Innovationshilfe in Zeiten der digitalen Transformation fokussieren – ­ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen? Aber auch: Wofür sollten sich Stiftungsakteure auf der Policy-Ebene ­engagieren? Diese Fragen werden im Expertenkreis Stiftungen und Qualitätsjournalismus diskutiert.
 

Für einen zeitgemäßen rechtlichen Rahmen

Trotz seiner demokratierelevanten Rolle zählt der Journalismus bis heute nicht zu den gemeinnützigen Zwecken der Abgabenordnung. Zeit, das zu ändern. Die Aufnahme ins Gemeinnützigkeitsrecht würde für gemeinwohlorientierte, nicht kommerzielle Angebote neue Finanzierungsmöglichkeiten erschließen. Die Medienvielfalt ließe sich stärken, vor allem in Bereichen, die kostenintensiv und nicht skalierbar sind – wie Investigativ- oder Lokaljournalismus. Spenden wären steuerlich absetzbar. Und gemeinnützige Stiftungen könnten sich leichter zugunsten einer informierten Öffentlichkeit einbringen. Um den Prozess zu befördern, setzen sich die Rudolf Augstein Stiftung und die Schöpflin Stiftung mit einer Allianz journalistischer und zivilgesellschaftlicher Akteure im neu gegründeten Forum Gemeinnütziger Journalismus für die Anerkennung ein.

Dass stiftungs- und spendenfinanzierte Angebote wichtige Impulse setzen können, zeigen Projekte wie Correctiv.Lokal und Amal (s. Interviews unten) eindrücklich. Sie stehen für partizipativen, diversen und innovativen Journalismus und weisen Wege in die Zukunft. 

Projektbeispiele für diversen und innovativen Journalismus

„Investigativ und lokal“

Justus von Daniels, Leiter von Correctiv.Lokal, im Interview mit Stephanie Reuter über die Notwendigkeit datengetriebener Recherchen im Lokalen


Wodurch zeichnet sich Correctiv.Lokal aus?
Justus von Daniels: Wir zeigen mit unserem kollaborativen Ansatz, dass datengetriebene oder investigative Recherchen keine Fremdkörper für Lokalzeitungen sein müssen. Und wir können durch koordinierte Veröffentlichungen mit mehreren Redaktionen deutlich machen, dass lokale Themen bundesweit relevant sind.

Weshalb brauchen wir ein solches Angebot?
Die Bürger wollen wissen, was sie konkret betrifft. Wir sind überzeugt, dass die besten Recherchen und innovative Formate deshalb auf lokalen Seiten stattfinden müssen. Aber das ist gerade für kleinere Redaktionen oft zu aufwendig. Daher bieten wir unsere kostenlose Zusammenarbeit, bei der jeder Partner seine Stärken einbringt.

Wie finanziert sich ­Correctiv.Lokal?
Seit dem Start werden wir zu großen Teilen von der Rudolf Augstein Stiftung finanziert. Die Förderung stellt den Aufbau eines Teams sicher, das in der Aufgabenverteilung zwischen Reporter, Datenjournalist und Community-Manager eine neue Form der redaktionellen Zusammenarbeit entwickelt. Das Recherchezentrum Correctiv finanziert ebenfalls mit. Perspektivisch sollen sich weitere Förderer daran beteiligen, Correctiv.Lokal auszubauen.

„Amal heißt Hoffnung“

Cornelia Gerlach, Projektleiterin von Amal, im Interview mit  Lukas Harlan (Schöpflin Stiftung) über die Medienlandschaft im Einwanderungsland Deutschland

 

Wodurch zeichnet sich Amal aus?
Cornelia Gerlach: Amal informiert täglich auf Arabisch und Farsi/Dari über das, was in Berlin und Hamburg los ist. Der Samen der Pusteblume in unserem Logo – das sind die Nachrichten, die sich von Amal aus in die arabischen, afghanischen und iranischen Communities in Deutschland verbreiten. Sie binden sie in das öffentliche Leben ein.

Warum ist lokale Berichter­stattung für Ihre Zielgruppe wichtig?
Die hiesige Medienlandschaft trägt der Tatsache keine Rechnung, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Neuankömmlinge haben kaum Zugang zu lokalen Nachrichten, solange sie nicht Deutsch können. Gerüchte und Propaganda machen über Social Media schnell die Runde. Der Bedarf an solide recherchierten und verlässlichen Nachrichten ist deshalb groß.

Wie finanziert sich Amal?
Den Start hat die Evangelische Kirche in Deutschland ermöglicht. Jetzt unterstützen auch die Körber-Stiftung, die Stiftung Mercator und die Schöpflin Stiftung und ermöglichen mit ihren Netzwerken neue Kollaborationen.

Vor welcher Herausforderung stehen Sie aktuell?
Gerne würden wir auch in anderen Städten Amal-Lokalredaktionen gründen und ein Netz dezentraler Redaktionen unter einer gemeinsamen Marke schaffen.  

Über die Autorin

Stephanie Reuter ist Geschäftsführerin der Rudolf Augstein Stiftung, Sprecherin des Forums Gemeinnütziger Journalismus und Steering-Committee-Mitglied des Expertenkreises Stiftungen und Qualitätsjournalismus.

Beitrag aus: Stiftungswelt Winter 2019
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