Blick in die Glaskugel: Was wird Stiftungen, NGOs und die Philanthropie 2021 beschäftigen?

 Blick in die Glaskugel: Was wird Stiftungen, NGOs und die Philanthropie 2021 beschäftigen?
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Foto: Markus Winkler - Unsplash

Lässt sich vorhersehen, was 2021 auf uns zukommt? Nein! Doch es gibt Faktoren, die unseren Sektor in den nächsten Monaten prägen werden. Stiftungen haben es in der Hand mitzugestalten, wie unsere Zukunft aussieht.

2020 war ein furchtbares und doch sehr lehrreiches Jahr. Trotz der Warnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern traf uns die Covid-19-Pandemie überraschend und hart. Von heute auf morgen war Geplantes neu zu denken. Vieles haben wir gelernt und geändert, was wir zuvor in Tippelschritten angingen oder für unmöglich hielten. Sicher sind aufgrund der Unsicherheiten viele Stiftungen vorsichtig geworden, weitaus mehr aber risikofreudiger.

Trends 2021 

Der britische Thinktank GivingThought der CharityAidFoundation, der in seinem Podcast alle zwei Wochen globale Trends analysiert, hat eine lange Liste von Trends für die Philanthropie in 2021 erstellt. Übers Jahr werde ich in den von mir organisierten Veranstaltungsformaten einige dieser Trends zur Diskussion bringen. Zum Beispiel digitale Trends in der Webtalk-Serie Stiftungskommunikation, Soziale Bewegungen und Menschenrechte im Round Table mit Ariadne oder die Stiftung der Zukunft im Expertisekreis Transformative Philanthropie. Welche Trends vermissen Sie, welchen Themen sollten Stiftungen sich verstärkt widmen? Ich wünsche Ihnen viel Kraft sowie gute Entscheidungen in 2021 und bleiben Sie gesund! 
 

1. Strategisches Umdenken hin zu mehr Flexibilität und Resilienz

2021 ist das zweite Pandemiejahr. Gewöhnung und Ermüdung prägen den Alltag, doch die Parole heißt: Durchhalten! Ein Zurück gibt es nicht: Wir müssen unser Denken und Handeln dauerhaft anpassen und flexibilisieren. Selbst wenn hoffentlich in der zweiten Jahreshälfte unser soziales Leben wieder „normaler“ wird. Stiftungen sollten alle Aspekte ihrer Arbeit – auch und gerade die finanziellen, die strategisch wichtigen – in Bezug auf Lehren aus der Pandemie überdenken!  

2. Digitalisierung erreicht endlich den gesamten Stiftungssektor

Ab in die Cloud mit den (letzten) Daten? Sind die Arbeitsplätze zu Hause gut eingerichtet? In den nächsten Monaten bleiben unsere Veranstaltungen online. Hybride Formate sind schnell dreimal so teuer wie analoge Treffen. Großer Nachholbedarf besteht in Sachen technischer Ausstattung, neuen Online-Formaten und den dazugehörigen Fortbildungen. Höchste Zeit, über die Förderung von Alternativen zu bestehenden Plattformen nachzudenken, d.h. über gemeinwohlorientierte digitale Ökosysteme. Für gute digitale Kommunikation braucht es Kreativität, Fachkräfte und IT-Sicherheit. Die Online-Stiftung kommt, und das Homeoffice kam, um – zumindest teilweise – zu bleiben!

3. Bearbeitung von Querschnittsthemen wird wachsen

Die Pandemie hat uns die Begrenztheit der Ressourcen, Marginalisierung von Menschen und vorhandene Machtdimensionen sehr deutlich vor Augen geführt. Die Themen Ungleichheit und Gerechtigkeit – sei es in Bezug auf Herkunft, Geschlecht, Aussehen, Alter oder Bildung – werden Stiftungen in 2021 beschäftigen. Nicht (nationaler) Egozentrismus und Wachstum, sondern ganzheitliche Konzepte sind gefragt. Die Robert Bosch Stiftung arbeitet bereits mit dem Ansatz der Intersektionalität. Active Philanthropy wirbt sektoren- und länderübergreifend für Klimagerechtigkeit. Viele Stiftungen werden ihren Fokus weiten, neue Partner finden, neue Netzwerke und Plattformen entwickeln, strategisch politischer agieren. Ich bin überzeugt, dass der Wille zur Zusammenarbeit und für gemeinsame Lösungen in unserem Sektor nie so groß war wie aktuell!

Machen Sie den Selbstcheck 

Vorhersagen für den philanthropischen Sektor 2021 von Giving Thought: Die ersten 9 Punkte auf der Liste eignen sich gut zum Selbstcheck. 10 bis 16 für Fortgeschrittene, Geeks und Nerds. Wo steht Ihre Organisation? Worauf sind Sie vorbereitet? Was wollen Sie verändern?  
 
1. Wirtschaftliche Aspekte 

  • Auswirkung der Pandemie: Nachfrage nach Förderungen wird steigen, Stiftungsfinanzen sind betroffen, weniger Spenden, Chance neue Spenden zu generieren? 
  • Schließungen/Fusionen von Organisationen? 
  • Widerstandsfähigkeit/Flexibilität: Resilienz neu denken? 

2. Politische Aspekte 

  • anhaltende Spaltung der Gesellschaft und Politik? 
  • weitere Politisierung oder drohende Entpolitisierung des Sektors? 
  • weitere Schließung von Räumen für die Zivilgesellschaft (Shrinking/Closing Spaces)/Beschränkungen der Auslandsfinanzierung in anderen Ländern? 

3. Nationalismus/Globalismus/Lokalismus 

  • Wird uns die Pandemie dazu bringen, lokal, national oder global zu denken? 
  • Werden wir weitere Schritte in Richtung Regionalisierung/Dezentralisierung machen, wächst der Philanthro-Lokalismus? 
  • Wächst der Mitteleinsatz für internationale Zusammenarbeit? 

4. Der Arbeitsplatz nach der Pandemie 

  • Wie werden sich Veränderungen, die in der Zeit der Pandemie oft aus der Not heraus umgesetzt wurden, längerfristig auf die Arbeitsplätze in unserem Sektor auswirken? 
  • Werden mehr Organisationen über das Austarieren von offline und online in der Arbeit nachdenken? Vor allem, da wir uns der Stärken und Schwächen von beidem nun bewusster sind (z.B. geringe Kosten, Effizienz/Schnelligkeit, Möglichkeit, online ein größeres geografisches Gebiet zu erreichen, im Vergleich zum Wert persönlicher menschlicher Begegnungen bei analogen Treffen) 
  • Wird die Akzeptanz von mobiler Arbeit bestehen bleiben oder zumindest ein Mix aus Büro und Homeoffice? Werden Organisationen den Zweck von Büros überdenken? Wird dies zu einer geografischen Neuverteilung der Beschäftigten in unserem Sektor führen?  

5. Die Landschaft für gute Taten wächst 

  • Werden die Formen - "Gutes zu tun" – weiterwachsen, mehr vernetzte Bewegungen entstehen, informelle Peer-to-Peer-Spenden (wie die Wohnzimmerspende), mehr Gruppen für gegenseitige Hilfe und Sozialunternehmen usw.  
  • Wie verändert sich dadurch die Rolle von Stiftungen und gemeinnützigen Vereinen?  
  • Führt das zu einer neuen Gewichtung der Beziehungen zwischen Sozialunternehmen, gemeinnützigen Stiftungen, Vereinen und anderen Organisationen? 

6. Querschnittsthemen 

  • Wird der Fokus auf Gerechtigkeit/Ungleichheit in der gesamten Gesellschaft zunehmen, bleibt die Dynamik rund um Black-Lives-Matter erhalten?  
  • Wird sich der Fokus auf das Klima verstärken? 
  • Wird die Zivilgesellschaft eine führende Rolle bei der Aufrechterhaltung dieser Themen übernehmen? Werden sie zunehmend nicht mehr als "Problembereiche", sondern als Querschnittsthemen gesehen werden, die alle zivilgesellschaftlichen Organisationen in ihrem Handeln berücksichtigen? 
  • Was bedeutet das in der Praxis, z.B. in Bezug auf Investitionen, Nachhaltigkeitsstrategien, Führungspositionen in der Zivilgesellschaft und die Zusammensetzung der Belegschaft etc.? 

7. Philanthropische Finanzierungstrends nach der Pandemie 

  • Flexible Fördermittel ohne Restriktionen, Übernahme von Kernkosten, wie Personal- oder Verwaltungskosten / treuhänderische Vergabe von Fördermitteln – werden diese Trends sich fortsetzen? 
  • Wird es mehr Kooperation in der Projektfinanzierung geben, einen stärkeren Bedarf an Wirkungsmessung, mehr partizipative Ansätze? 
  • Entdecken mehr Stiftungen neue Förderschwerpunkte wie soziale Bewegungen, Ungleichheiten, Infrastrukturförderung, Digitales, Zukunftsforschung, Journalismus? 

8. Philanthropie unter Beschuss 

  • Bleibt es bei der laufenden Kritik, beispielsweise zu fehlgeleiteten Spenden, mangelnder Transparenz, der anti-demokratischen Natur von Stiftungen, besonders der sogenannten Big Philanthropy und dazu, dass Philanthropie Teil des Problems von Ungleichheiten ist? 
  • Entzündet sich neuere Kritik, beispielsweise am langsamen Tempo, wenig langfristiger Wirkung oder kommen gar neue Verschwörungsmythen auf? 

9. Spendenvolumen und Großspenden 

  • Wie entwickelt sich das Spendenvolumen? Langfristiger Rückgang oder Aufschwung? Hat sich das Spendenaufkommen als Reaktion auf die Pandemie erhöht, hat es insgesamt zugenommen? 
  • Wird es mehr Großspenden geben? 

10. Plattform-Philanthropie 

  • Wird das aufgrund der Pandemie wachsende Online-Spendenwesen Plattformen stärker in den Fokus rücken? Wird auch die Verantwortung dieser Plattformen (Neutralität von Plattformen/Beratern) stärker hinterfragt? 
  • Verlagern sich die Spenden: weniger an spendensammelnde Organisationen, die weiterleiten, und mehr Direktspenden, auch über Crowdfunding? Werden Zahlungs-Apps stärker genutzt? 

11. Bewusstsein für Risiken von Plattformabhängigkeit 

  • Werden noch mehr kommerzielle Plattformen Spendenfunktionen anbieten? 
  • Werden Organisationen sich stärker darüber bewusst, dass Plattformen kein digitaler öffentlicher Raum sind (Beispiele für Risiken der Plattformabhängigkeit: Änderungen der Nutzungsbedingungen, Zensur)? 

12. Engagement der Zivilgesellschaft in technischen Fragen 

  • Wird die zwangsweise Hinwendung zur digitalen Welt während der Pandemie zu einem größeren Bewusstsein für Engagement in Technologiefragen führen? 
  • Wächst das Interesse an zivilgesellschaftlichen Alternativen zur kommerziellen digitalen Infrastruktur? (also an Open Source, Open Data etc.) 
  • Steigt die Nachfrage nach ethischer Gestaltung von Technologie? 

13. Künstliche Intelligenz (KI) 

  • Weitere Entwicklung des Spendens über KI-Schnittstellen (bei wachsendem Bewusstsein für Chancen & Herausforderungen) 
  • Mehr Beispiele für den Einsatz von KI zur Prozessautomatisierung, z.B. im Förderprozess? 

14. Zukunftsorientierte Technologien 

  • Mehr Fundraising mit kurzen Videoinhalten (im Stil von TikTok)? 
  • Wird computergestützte Erweiterung der Realität ( Augmented Reality) populärer, gibt es mehr Beispiele für den Einsatz im Fundraising? 
  • Weitere Vorstöße in Gaming und E-Sports für Fundraising? 

15. Kryptowährung & Blockchain 

  • Wiedererwachen des Interesses an Krypto-Philanthropie? 
  • Mehr Beispiele für praktische/ethische Herausforderungen (z. B. anonyme Spenden aus möglicherweise dubiosen Quellen, Volatilität von Krypto-Assets)? 

16. Cybersecurity & RegTech-Herausforderungen 

  • Werden Ransomware (Trojaner/ Schadsoftware)-/Cyber-Angriffe auf gemeinnützige Organisationen zunehmen (verbunden mit der Zunahme von mobiler Arbeit)? 

Autorin
Anke Pätsch

Mitglied der Geschäftsleitung
Leiterin Internationales

Telefon (030) 89 79 47-27

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