Interview mit Amel Karboul, Generalsekretärin Maghreb Economic Forum

Amel Karboul
Nikki Hill

Institution Development und Capacity Building

Stiftungen fördern auch Institution Development. So wird die Stärkung gesellschaftlich wichtiger Organisationen oder Plattformen genannt, die neue Ideen verbreiten, sich um dringende gesellschaftliche Aufgaben kümmern – und deshalb gerade in instabilen Regionen wichtig sind. Oft geht es dabei um den Aufbau demokratischer, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Strukturen, wie etwa in den Ländern Nordafrikas nach dem Arabischen Frühling. In Tunesien stellt sich das 2011 gegründete Maghreb Economic Forum dieser Aufgabe und wird dabei von der BMW Foundation Herbert Quandt gefördert. Die Stiftung vernetzt tunesische mit internationalen Akteuren und organisiert Coachings. Dieser Aufbau von Wissen und Fähigkeiten wird Capacity Building (Kapazitätsbildung) genannt.

Im folgenden Interview berichtet die Generalsekretärin des Maghreb Economic Forum, Amel Karboul, wie genau die BMW Foundation Institution Development und Capacity Building in Tunesien unterstützt.

Amel Karboul ist ein Global Citizen. Die Tunesierin studierte Maschinenbau in Karlsruhe, gründete ihre eigene Unternehmensberatung mit Büros in London, Tunis sowie Köln und war – nach dem Arabischen Frühling – ein Jahr lang Tourismusministerin in ihrem Heimatland. Nun will sie den wirtschaftlichen und sozialen Wandel in den Maghreb-Staaten vorantreiben.

Frau Karboul, beim Maghreb Economic Forum arbeiten Sie mit der BMW Foundation Herbert Quandt zusammen. Welche Vorteile ziehen beide Seiten aus dieser Kooperation?
Für die BMW Foundation sind wir ein wichtiger Partner in der Region. Denn hier gibt es nur wenige zivilgesellschaftliche Organisationen, die „liefern“ können. Für uns ist die Kooperation einmalig, denn die Stiftung investiert in Institution Building. In unseren Ländern – den Emerging Economies – ist oft das größte Problem, dass es nicht genug stabile Institutionen gibt. Das gilt für den Staat und auch im Non-Profit-Bereich. Oft finanzieren internationale Stiftungen aber nur für die Zeit eines Projektes. Mit dem Ergebnis, dass sich keine Institutionen der Zivilgesellschaft entwickeln. Wenn eine Region nicht mehr „in“ ist, wie es in Osteuropa der Fall war, bleibt dann leider wenig zurück.

Wie genau unterstützt Sie die BMW Foundation?
Mit Mitarbeitern, Strategie, Know-how und Coaching. Wir sind ein Think-and-Do-Tank, der wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Initiativen in der Region unterstützen will. Die BMW Foundation schafft uns Räume, wie etwa beim Responsible Leaders Forum. Wir hatten Impact Sessions, wo wir ein Problem einbringen und die Stiftung lädt Leute ein, die Feedback geben. Und die Stiftung stellt natürlich Kontakte zu potenziellen Geldgebern her.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Coffin Corner“, dass es – aus wirtschaftlicher Perspektive – noch viele mentale Blockaden gibt, wenn es um Kooperationen zwischen Süden und Norden geht. Gilt das auch für den Non-Profit-Sektor?
Teilweise ja, denn man sollte erst einmal zuhören und zuschauen, was dem Land wirklich hilft. Das dauert aber. Es geht darum, nicht einfach mit eigenen Projekten zu kommen, weil sie funktionieren. Die Frage ist: Nimmt man sich wirklich die Zeit, das Land kennenzulernen, mit den Menschen zu reden und nimmt man auch ein Stück Risiko in Kauf? Oft wollen Förderpartner alles bis zum letzten Punkt beschrieben haben. Aber vieles entsteht erst im Tun. Hier bräuchte es eine Art iteratives Projektmanagement.

Welchen praktischen Tipp haben Sie, um solche Prozesse zu unterstützen?
Die Amerikaner haben dafür den „Planning Grant“. Oft ist es ja so: Für ein Projekt muss man eine ganz tolle Beschreibung liefern, dafür muss man aber die Kompetenzen haben. Wenn man aber als Stiftung in ein Land geht und helfen will, die Zivilgesellschaft aufzubauen, dann muss man erst mal die Kompetenz für diese Planung aufbauen. Wir machen jetzt bei einer großen deutschen Stiftung einen Antrag und haben dafür schon fast 5.000 Euro ausgegeben. Wir mussten jemanden holen, der uns hilft, das zu schreiben. Wir haben mit den Stakeholdern ein Focus-Group-Dinner gemacht. D.h. wir haben acht Monate Planungsphase investiert, um einen guten Projektantrag zu schreiben. Von der Idee über die Analyse bis zum Konzept. Solche Phasen zu unterstützen, wäre für Stiftungen spannend!

Wo sollten Stiftungen aus Ihrer Sicht in Nordafrika aktiv werden?
Der Vorteil – und der gleichzeitige Nachteil – bei uns ist: Es gibt unendlich viele Baustellen. Aber Institution Building ist wirklich wichtig. Nicht nur von NROs, sondern insgesamt im Land. Dann ist das Thema Leadership wichtig, auf allen Ebenen: Staat, privat, Zivilgesellschaft, Medien – wir haben einen großen Mangel an Leadership. Und Critical Thinking müsste gefördert werden. Für Stiftungen wäre auch ein wichtiger Bereich: Wie stärkt man nationale Philanthropie? Denn wir können nicht von internationalen Spendern abhängig bleiben, wir müssen lokales Geld für soziale Innovationen generieren. Aber zurzeit ist das fast auf Null. Das wäre ein richtig spannendes Projekt, denn bei jedem Euro, den eine Stiftung reinsteckt, kommen vielleicht 1.000 bei raus.

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Der Beitrag erschien zuerst im StiftungsReport Entwicklungszusammenarbeit: Wie Stiftungen weltweit wirken im April 2017.
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