Erfolgsfaktoren von Agrarprojekten – ein Erfahrungsbericht der Stiftung Sabab Lou

Unternehmerisch ausgerichtet: Eine Gruppe von Frauen verkauft ihre Ernte auf einem Markt in Farafenni, Gambia
Stiftung Sabab Lou
Unternehmerisch ausgerichtet: Eine Gruppe von Frauen verkauft ihre Ernte auf einem Markt in Farafenni, Gambia

Entwicklungsprojekte nachhaltig aufstellen

Die Stiftung Sabab Lou fördert Agrarprojekte in Westafrika, derzeit in Gambia und Nordost-Ghana. Sie arbeitet direkt mit Dorfgemeinschaften zusammen, insbesondere mit Frauengruppen. Die örtlichen Partnerorganisationen der Stiftung steuern und überwachen die unternehmerisch ausgerichteten Projekte mit dem Ziel, Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten zu schaffen. Dabei sollen auch Ersparnisse gebildet werden, sodass sich die Projekte nach einer gewissen Zeit selbst tragen und in die Selbstverwaltung der Dörfer übergehen können.

Was passiert, wenn wir gehen?

Werden die Frauen im gambischen Upper Baddibu-Distrikt zukünftig auch ohne unsere Unterstützung inder Lage sein, genug Gemüse anzubauen? Wird der Verkaufserlös reichen, um ihre Familien zu ernähren und genügend Rücklagen für Wartung, Instandhaltung und Wiederbeschaffung der solaren Pump- und Bewässerungsanlagen zu bilden? Welche Sojaerträge werden die kargen Böden der Anoshe Women Group in Nordost-Ghana fünf oder zehn Jahren nach unserem Rückzug aus dem Projekt liefern? Werden sich die Bodenverbesserungsmaßnahmen, die wir eingeleitet haben, nachhaltig auswirken und den Frauen dauerhaft zu mehr Einkommen verhelfen? Und werden diese dann ihr Schicksal in die Hand nehmen und es schaffen, sich zukünftigen Herausforderungen zu stellen?

Wir wären verantwortungslos, wenn wir uns nicht permanent solche Fragen stellen würden. Wir würden den Menschen, denen wir helfen wollen, schaden, anstatt ihnen zu nützen. Denn sie stünden dann wieder da wie zuvor. Deshalb gilt: Entwicklungsprojekte müssen nachhaltig sein. Im Fall von Projekten, die sich der Bekämpfung von Armut verschrieben haben, gilt insbesondere: Sie müssen wirtschaftlich nachhaltig sein. Sie müssen genug abwerfen, damit die Menschen sich nicht nur ausreichend ernähren, sondern auch den Betrieb weiterführen können und nicht mehr von Zuschüssen abhängig sind. Die Herausforderungen, die sich dabei stellen, betreffen zum einen die Schaffung von Voraussetzungen für die nachhaltige Produktion der Erzeugnisse, zum anderen die Entwicklung des dafür notwendigen Selbstverständnisses der Projektpartner. Dazu zwei Beispiele.

Dem Boden Nährstoffe zuführen

Seit Jahren klagen die 450 Frauen der Anoshe Women-Group über rückläufige Sojaerträge auf ihren Feldern, die insgesamt über 300 Hektar ausmachen. Eine halbe Tonne Sojabohnen pro Hektar: Das ist nicht nur im internationalen Vergleich, sondern auch im Verhältnis zu den meisten anderen subsaharischen Staaten erschreckend wenig. Kein Wunder, denn die Böden sind völlig verarmt. Die Menschen nehmen von ihren Feldern, was sie kriegen können, aber es fehlt an Mitteln, um dem Boden wieder Nährstoffe zuzuführen. Um eine weitere Degradierung der Böden aufzuhalten, müssen wir wieder Nährstoffe zufügen und organischen und mineralischen Dünger einbringen, wir müssen nachhaltiger und aufwendiger pflügen sowie in Reihen und regelmäßigen Abständen anpflanzen. Insbesondere die Maßnahmen zur Düngung erfordern einen hohen Arbeits- und finanziellen Aufwand. Die Gruppe allein könnte dafür nicht aufkommen, deshalb unterstützen wir sie. Nachhaltigkeit, das lernen wir, stellt sich nicht von allein ein. Was man dem Boden nimmt, muss man ihm wieder zurückgeben. Vor allem aber lernen wir: Es reicht nicht, nur den aktuellen Betrieb eines Farmprojekts zu unterstützen. Man muss auch schauen, dass er noch viele weitere Jahre laufen kann. Es ist unsere Aufgabe, die Frauen bei den Bodenverbesserungsmaßnahmen so lange zu unterstützen, bis sie allein dafür aufkommen können.

Menschen in die Verantwortung bringen

Die Felder müssen so viel abwerfen, dass die Frauen genügend Ersparnisse bilden können, um das Unternehmen nachhaltig zu betreiben. Dafür müssen sie Verantwortung übernehmen. Wir helfen ihnen, entsprechende Fähigkeiten zu entwickeln und den Betrieb eines Unternehmens wahrzunehmen. Wir haben Komitees – wir nennen sie „Angels“ – gebildet, die in die Projektentscheidungen eingebunden werden. Die Angels informieren ihre Subgruppen über die einzelnen Maßnahmen, sie legen Demo-Felder an und führen die Mitglieder in nachhaltige Methoden der Pflanzung, Feldbearbeitung und Düngung ein. Es beginnen sich neue Strukturen zu bilden, parallel zu den herkömmlichen hierarchischen Strukturen.

Der nächste und entscheidende Schritt liegt bei uns: Um Verantwortung aufzubauen, muss man Vertrauen schenken. So überlassen wir wichtige Entscheidungen den Frauen, z.B. in der Frage, wie lange sie die Felder, die den Männern gehören, bewirtschaften dürfen. Es wäre nicht in ihrem und unserem Interesse, wenn die Männer die gedüngten fruchtbaren Felder nach ein oder zwei Jahren wieder an sich nehmen würden. In unserem Fall haben die Frauen den Männern das Zugeständnis abgerungen, dass sie die Felder über fünf Jahre behalten dürfen. Schließlich haben sie klar zum Ausdruck gebracht, dass sie von nun an selbst in die Verantwortung für das Projekt gehen. Von ihrer Ernte werden sie so viele Säcke der Kooperative zur Verfügung stellen, dass mit ihrem Verkaufserlös Erhalt und Fortführung des Unternehmens gewährleistet sind. Haltung und Selbstverständnis der Frauen haben sich verändert. Sie treten selbstbewusst und stark auf. Es ist ihr Projekt geworden.

Harte und weiche Faktoren

Nachhaltige Entwicklungsarbeit weist harte und weiche Erfolgsfaktoren auf. So muss man zunächst harte Fakten schaffen, welche die Voraussetzungen dafür bilden, dass sich ein Projekt wirtschaftlich tragen kann. Der Boden etwa muss fruchtbar sein und entsprechende Erträge abwerfen. Neben den harten spielen weiche Faktoren eine ebenso wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang haben wir es etwa mit traditionellen Einstellungen und dem Rollenverständnis von Mann und Frau, aber auch mit von Armut geprägten Verhaltensweisen zu tun. Menschen z.B., die kaum das Allernötigste im Leben hatten und nun plötzlich etwas mehr in den Händen halten, ist schwer zu vermitteln, dass sie etwas davon für ein Unternehmen zurücklegen sollten. Dabei ist Geduld angesagt. Die Übernahme von Verantwortung ist in der Regel ein mehrjähriger, auch iterativer Prozess, bei dem die Hilfsorganisation bereit und willens sein sollte, eine gehörige Portion Vertrauen und Geld vorzuhalten. Kurz gesagt: Vorhalten muss sein, damit Nachhaltigkeit erreicht wird.

Text: Dr. Friedrich Keller-Bauer

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Autor
Dr. Friedrich Keller-Bauer
ist Stifter und Vorstandsvorsitzender der 2009 gegründeten Stiftung Sabab Lou.
E-Mail
www.sabab-lou.de
StiftungsWelt 03-2017
Der Artikel wurde in der StiftungsWelt 03-2017 mit dem Schwerpunkt "Die Zukunft im Blick — Stiftungen entdecken globales Engagement" veröffentlicht.
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