Agenda 2030: "Die Uhr tickt – es bleiben 12 Jahre, um die Hebel umzulegen"

Maja Heinrich, BMW Foundation Herbert Quandt, im Interview mit Anke Pätsch, Bundesverband Deutscher Stiftungen.

© Marc Beckmann / Ostkreuz

Die Sustainable Development Goals (SDGs), also die 17 globalen Ziele der Vereinten Nationen in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, sind ein starker Treiber für die BMW Foundation Herbert Quandt. Was war der Grund, die SDGs in die Stiftungsarbeit zu integrieren?

Als globale Netzwerkstiftung arbeiten wir mit Führungspersönlichkeiten zusammen, die positiven Wandel vorantreiben. Wir inspirieren sie, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und sich als Responsible Leader für eine friedliche, gerechte und nachhaltige Zukunft einzusetzen. Jeder auf seine ganz eigene Weise und in den verschiedensten Teilen der Welt. Und doch lässt sich ein Bogen spannen, denn die drängendsten Probleme betreffen uns alle: Ungerechtigkeit, gewalttätige Konflikte, Armut, Klimawandel.

Die 17 Sustainable Development Goals bieten einen zeitlich und inhaltlich klar strukturierten Rahmen, an dem wir unsere Leadership-Programme ausrichten können. Es ist geradezu ein historisches Ereignis, dass sich die Weltgemeinschaft auf diese Global Goals eingeschworen hat und sich immer mehr Organisationen auf sie beziehen. Die Ziele sind gleichzeitig universell, aber auch ganz handfest. Und sie geben uns die Möglichkeit, als deutsche Stiftung einen bescheidenen Beitrag in der internationalen Gemeinschaft zu leisten.

Wie sieht dies ganz konkret aus?

All unsere Aktivitäten zahlen zunächst einmal ganz klar auf das zentrale Thema Responsible Leadership ein. In den kommenden Jahren werden wir uns dabei auf eine Reihe von SDGs konzentrieren, zum Beispiel Industry, Innovation and Infrastructure (SDG 9) und Peace, Justice and Strong Institutions (SDG 16).

Das gilt für die Leadership-Programme, unser Netzwerk wie auch unsere Aktivitäten im Bereich Impact Investing. In unserem globalen Netzwerk gibt es viele Responsible Leaders, die Organisationen leiten, die großartige Arbeit im Sinne der Agenda 2030 leisten.

Die Auseinandersetzung findet direkt vor Ort statt, wie zuletzt beim Responsible Leaders Forum in Santiago de Chile oder demnächst beim BMW Foundation Global Table in Kapstadt. Gemeinsam mit der Nelson Mandela Foundation werden wir uns dort mit der Überwindung von Ungleichheiten beschäftigen. In Südafrika ist dies im Jahr des 100-jährigen Geburtstags von Nelson Mandela leider wieder ein brandaktuelles Thema, das nach neuen Arten von Führungsverantwortung ruft.

Straßenszene in Ruanda
© Espen Eichhöfer / Ostkreuz
Straßenszene in Ruanda

Euer neuer Blog heißt passenderweise TwentyThirty. Was steckt dahinter?

Ausschlaggebend für den Titel ist die Dringlichkeit der Agenda 2030. Die Uhr tickt. Es bleiben aktuell 12 Jahre, um die Hebel radikal umzulegen. Hin zu einer gerechten, nachhaltigen und friedvollen Welt. Wir glauben, dass dies nur gemeinschaftlich gelingen kann. Grenzübergreifend und grenzüberschreitend. Wobei die Initialzündung stets vom Einzelnen ausgeht. Dies ist unsere Theory of Change, der Dreh- und Angelpunkt aller Aktivitäten. Deshalb fördern wir als Stiftung Responsible Leadership, also die gesellschaftliche und politische Verantwortung von Führungspersönlichkeiten. Nicht nur in ihrem Job, sondern auch darüber hinaus.

Dieser analoge Ansatz spiegelt sich digital in unserem Blog wieder. Wir erzählen inspirierende Storys von Menschen, die den Wandel im Sinne der Agenda 2030 vorantreiben. Das kann ein Pastor in einem komplett abgehängten Viertel von Baltimore sein, eine ehemalige Diplomatin aus Singapur, die sich gegen Kindesmissbrauch einsetzt, ein Sozialunternehmer aus Chile, der dem Papst dabei hilft, seine Reisen nachhaltiger zu gestalten oder ein Comic-Zeichner aus Jordanien, der sein Leben im Kampf gegen Terror und Ungerechtigkeit aufs Spiel setzt.

Und wer erstellt die Inhalte?

Das machen wir in unserem eigenen Newsroom. Zentrale Schaltstelle ist das Kommunikationsteam mit vier Mitarbeitern. Hinzu kommen Freelancer: Fotografen, Filmemacher, Journalisten, Designer. Zudem sind in unserem Netzwerk viele medienaffine Mitglieder, die Inhalte liefern. Leute, die verstanden haben, wie digitale Kommunikation funktioniert. Diese Arbeitsweise ist – zumindest für eine Stiftung in Deutschland - keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis eines längeren Prozesses.

Wie kam es dazu?

Im Zuge der strategischen Neuaufstellung der BMW Foundation Herbert Quandt vor gut zwei Jahren haben wir auch die Kommunikation neu ausgerichtet. Wir wollten weg von der für unseren Sektor typischen absendergetriebenen Kommunikation hin zu breitenwirksamen Formaten. Also knackige, relevante, streitbare Stories mit dem Potenzial, auch für Menschen außerhalb der eigenen Filterblase interessant zu sein. Das heißt zum Beispiel: Wir langweilen niemanden mit Veranstaltungsberichten. Die Aktivitäten und die Wirkung der Stiftung schwingen eher subtil mit. Dabei nutzen wir sämtliche Möglichkeiten modernen Storytellings: Von Videos, Podcasts, Tutorials, Interviews, Portraits bis hin zu opulenten Fotoreportagen.

Diese Freiheit können wir uns auf TwentyThirty nur deshalb herausnehmen, weil wir zudem mit einer Stiftungswebsite online sind. Und die beantwortet ganz klassisch die wichtigen Fragen: Was macht die BMW Foundation Herbert Quandt und warum? Die beiden Websites sind quasi zwei Seiten einer Medaille.

Wen wollt Ihr mit dem Blog erreichen?

Alle Menschen, die gesellschaftlichen und politischen Wandeln wollen und bereit sind, sich selbst dafür zu engagieren. Wer dabei Inspiration sucht, ist auf TwentyThirty genau richtig. Ein weiteres strategisches Ziel ist es, den aktuell rund 2500 Mitgliedern unseres stetig wachsenden Responsible-Leaders-Netzwerks eine digitale Plattform zu bieten, auf der sie ihre Ideen und Initiativen einer breiten Öffentlichkeit vorstellen können – und im besten Fall Unterstützung finden.

Wie wird die Stiftungslandschaft 2030 (idealerweise) aussehen?

Im Sinne der Agenda 2030 haben nicht nur Stiftungen wirkungsvolle Partnerschaften auf die Beine gestellt, sondern Politik und Wirtschaft gleich mit ins Boot geholt – und zwar auf internationaler Ebene. Das passende SDG heißt „Global Partnerships for the Goals“. Kooperationen über Sektoren-, Kulturen- und Ländergrenzen hinweg sind nicht die Ausnahme, sondern der Standard.

Was ratet ihr anderen Stiftungen in Bezug auf die globalen Nachhaltigkeitsziele? Welche Themen sollten deutsche Stiftungen kurzfristig in den nächsten drei Jahren angehen und wie?

Wir sehen uns nicht in der Rolle, anderen Stiftungen Ratschläge zu geben, denn wir laufen ungern mit erhobenem Zeigefinder durch die Welt. Für uns hat die Integration der SDGs Sinn gemacht, weil wir als globale Netzwerkstiftung mit dem zentralen Thema Leadership natürliche Schnittmengen haben. Ähnliches trifft auf viele andere Stiftungen in Deutschland zu. Zum Beispiel, weil sie im Bereich Bildung, Umweltschutz oder soziale Gerechtigkeit arbeiten. Hier lohnt es sich auf jeden Fall, die Agenda 2030 genauer unter die Lupe zu nehmen. Wie gesagt: Die Uhr tickt und die Nachhaltigen Entwicklungsziele lassen sich nur in einer gigantischen gemeinsamen Kraftanstrengung erreichen.

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