Kunst ist für alle da

Rudolf Schlichter, Bertold Brecht, 1926 | Rudolf Schlichter, Helene Weigel, 1928
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Fotos: Viola Roehr-v. Alvensleben, München

Allzu oft verschwinden herausragende Kunstwerke in privaten Sammlungen – für die Öffentlichkeit sind sie damit verloren. Dem stellt sich seit über 30 Jahren die Ernst von Siemens Kunststiftung entgegen – nicht nur mit Geld, sondern auch mit überaus raschem Stiftungshandeln

Der Schock sitzt noch immer tief: Insgesamt 63 Kunstwerke wurden am 3. Oktober 2020 in vier Häusern der Berliner Museumsinsel mit einer öligen Flüssigkeit verunstaltet. Ein seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland unbekanntes Ausmaß an Kunstvandalismus, von dem die Öffentlichkeit erst rund zwei Wochen später erfuhr.

Wie tief sie dieser Angriff auf die Kunst getroffen hat, ist Christina Haak, stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin, deutlich anzusehen, als sie am 21. Oktober auf einer Ad-hoc-Pressekonferenz auf dem berühmten Kolonnadenhof vor der Alten Nationalgalerie über das Ausmaß der Schäden und den Stand der Ermittlungen informiert. Doch zumindest eine positive Nachricht kann sie den anwesenden Journalisten überbringen: Die Ernst von Siemens Kunststiftung habe sich kurzfristig bereit erklärt, bei Bedarf 100.000 Euro Soforthilfe für die notwendigen Restaurierungs- und Reinigungsarbeiten an den beschädigten Objekten zur Verfügung zu stellen.

Von diesem Hilfsangebot hatte Haak selbst erst am Rande der Pressekonferenz erfahren: Der Generalsekretär der Stiftung Dr. Martin Hoernes war auf dem Weg zu seinem Büro im Magnus-Haus am Kupfergraben nahe der Museumsinsel zufällig am Kolonnadenhof vorbeigekommen und hatte sogleich die Gelegenheit genutzt, der Museumschefin die erfreuliche Neuigkeit mitzuteilen.

Rasche und unbürokratische Hilfe

Es ist eine Szene, die typisch ist für die Ernst von Siemens Kunststiftung und ihr Selbstverständnis, Museen in Deutschland „großzügig, rasch und unbürokratisch zu helfen“. Dass das mehr ist als ein Lippenbekenntnis, hat die 1983 gegründete Stiftung in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder unter Beweis gestellt.

Jüngst etwa beim Ankauf eines berühmten Selbstporträts der lange zu Unrecht vergessenen und in den vergangenen Jahren glücklicherweise wiederentdeckten Malerin Lotte Laserstein für das Potsdam Museum. Seine Erwerbungsgeschichte steht an Spannung und Tempo keinem Krimi nach – Gott sei Dank einem mit glücklichem Ende.

Der englische Sammler, in dessen Besitz sich das Selbstporträt befand, bot es der Neuen Nationalgalerie in Berlin zum Kauf an – gleichzeitig aber auch einem Auktionshaus. Bereits zehn Jahre zuvor war aus seinem Privatbesitz Lasersteins Hauptwerk „Abend über Potsdam“ aus dem Jahr 1930 an die Neue Nationalgalerie gegangen – mit finanzieller Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung. Das großformatige Gemälde zeigt Freunde Lasersteins aus ihrer Berliner und Potsdamer Zeit, die sich auf der Dachterrasse eines Hauses in Potsdam zum gemeinsamen Essen versammelt haben. Dabei scheint jeder für sich seinen Gedanken nachzuhängen. Im Hintergrund ist die Silhouette der Stadt mit dem Turm der Garnisonskirche zu sehen. Die düster-unheilvolle Atmosphäre des Bildes, das drei Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten entstand, gibt ihm etwas Irritierendes und zugleich Prophetisches.

Eben dieses Bild ist auch im Hintergrund des zwanzig Jahre später im schwedischen Exil Lasersteins entstandenen Selbstporträts zu sehen, das der Sammler der Neuen Nationalgalerie im Herbst dieses Jahres zum Kauf anbot. Es ist eine Reminiszenz der Künstlerin an ihre Jugend in der Weimarer Republik, in der ihr eine glänzende Karriere als Malerin bevorzustehen schien – eine Karriere, die durch die Machtergreifung der Nazis und der darauf folgenden Flucht nach Schweden abrupt beendet wurde.

Der Erwerb des Selbstbildnisses kam für die Neue Nationalgalerie allerdings nicht infrage. Doch ihr Kurator Dr. Dieter Scholz schaltete schnell und informierte Jutta Götzmann, die Leiterin des Potsdam Museums, das sich in seiner Ständigen Ausstellung der Geschichte der Stadt widmet. Und der war sofort klar: Dieses Bild gehört in ihr Museum! Flugs bat sie den Sammler, mit dem Verkauf noch etwas zu warten, und wandte sich an Martin Hoernes mit der Bitte, das Potsdam Museum beim Erwerb des Bildes zu unterstützen. Gefragt, getan: Innerhalb von Tagen stellte die Ernst von Siemens Kunststiftung einen fünfstelligen Betrag bereit. Ab 2023 wird das Selbstporträt Lasersteins in der neuen Dauerausstellung des Potsdam Museums zu sehen sein.

Coup in der Villa Grisebach

Wer also geglaubt hat, Kunstförderung sei ein geruhsames und bedächtiges Geschäft, der sieht sich eines Besseren belehrt. Gerade bei Auktionen kommt es auf Schnelligkeit, Insiderwissen und gute Kontakte an – und natürlich auf die Möglichkeit, binnen kurzer Zeit große Geldsummen zur Verfügung stellen zu können. Wie etwa beim Erwerb des berühmten Helene-Weigel-Porträts, das der Maler Rudolf Schlichter 1928 von der Schauspielerin und Brecht-Geliebten angefertigt hatte. Ziemlich genau drei Jahre ist das her, und wenn Hoernes von diesem Coup erzählt, blitzt ihm die Freude darüber immer noch aus den Augen.

Damals stand das Meisterwerk der Neuen Sachlichkeit, „eine exemplarische Ikone des 20. Jahrhunderts“, wie es im Katalog hieß, auf der Herbstauktion der in Berlin-Charlottenburg ansässigen Villa Grisebach zur Versteigerung. Schätzwert: 200.000 bis 300.000 Euro. Eine einmalige Chance für das Lenbachhaus in München. Denn dort hing bereits das Pendant des Weigel-Porträts – ein ausdrucksvolles Porträt von Bert Brecht, das Rudolf Schlichter zwei Jahre zuvor gemalt hatte und dessen stilistische Ähnlichkeit mit dem Weigel-Bildnis unverkennbar ist. „Zwei, die zueinander gehören“, brachte die „Augsburger Allgemeine“ die Sache kurz vor der Auktion auf den Punkt. Und weiter: „Man sollte beide Bilder künftig nebeneinander betrachten können“, um schließlich die alles entscheidende Frage zu stellen: „Ob sich jemand für das Lenbachhaus engagieren wird?“

Martin Hoernes erinnert sich: „Wir hatten erst kurz zuvor von der geplanten Versteigerung des Gemäldes erfahren – zu kurz, um noch eine Finanzierungskoalition mit anderen Geldgebern zu schmieden, wie wir es etwa bei ‚Abend über Potsdam‘ gemacht haben. Und dann sind wir voll reingegangen – inkognito natürlich. Wir hatten einen Kollegen, der für uns geboten hat. Bei Auktionen treten wir nie selbst auf.“ Bei 480.000 Euro fiel der Hammer – und natürlich gab die Ernst von Siemens Kunststiftung ihren gerade erworbenen Schatz als Dauerleihgabe nach München ins Lenbachhaus, wo das einstige Liebespaar seitdem einträchtig nebeneinander hängt.

Ein wenig möchte man Hoernes um seinen Job beneiden: Was kann es Schöneres geben, als im Einvernehmen mit den Stiftungsgremien so viel Geld für den Erwerb großer Kunstwerke ausgeben und sie damit vor dem Verschwinden in Privatsammlungen bewahren zu dürfen?

Zu verdanken ist der Ansatz, bedeutende Kunstwerke der Öffentlichkeit zu erhalten, dem Stifter Ernst von Siemens. Der Industrielle und jüngste Enkel von Werner von Siemens, dem Erfinder und Gründer der heutigen Siemens AG, war ein Liebhaber der schönen Künste. Vor allem der Musik galt seine Leidenschaft, aber auch der bildenden Kunst war der 1990 verstorbene Unternehmer, der unverheiratet und kinderlos blieb, sehr zugetan.

Drei große Stiftungen hat der Mann, der von 1949 bis 1971 Vorsitzender des Aufsichtsrats von Siemens war, ins Leben gerufen und mit einem beträchtlichen Stiftungskapital aus seinem Privatvermögen ausgestattet: Neben der Ernst von Siemens Kunststiftung auch die Ernst von Siemens Musikstiftung und die nach seinem Vater benannte Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung zur Förderung der Wissenschaften. Auch die Siemens-AG beteiligte sich an der Errichtung der Ernst von Siemens Kunststiftung und unterstützt sie bis heute mit regelmäßigen Zuwendungen.

Damit verfügt die Stiftung über beträchtliche Mittel, die sie neben dem Erwerb von Meisterwerken der bildenden Kunst in die Finanzierung von Ausstellungen – und vor allem deren Kataloge – steckt. Dabei fördert sie nicht nur publikumswirksame Blockbuster, sondern auch Ausstellungsprojekte, die es schwer haben, die Massen zu erreichen, wie etwa im vergangenen Jahr eine Ausstellung des Diözesan-Museums in Frankfurt, in der Ausgrabungsfunde aus einer Frankfurter Kirche gezeigt wurden.

Kunst auf Lager

Weniger spektakulär, aber nicht weniger wichtig als der Erwerb von Meisterwerken der bildenden Kunst oder die Förderung großer Ausstellungen ist ein weiteres Wirkungsfeld der Stiftung: die Unterstützung von Museen bei der Erschließung, Erforschung und beim Erhalt ihrer Sammlungen. Denn die Sammlung ist das Herzstück eines jeden Museums, ohne das die glanzvollen Schauen in seinen repräsentativen Ausstellungsräumen gar nicht denkbar wären. Leider aber kommt ihre Pflege aus Zeit- oder Kostengründen oft zu kurz.

Ziel der Initiative „Kunst auf Lager“, in der sich auch die Ernst von Siemens Kunststiftung engagierte, war es, dies zu ändern. In dem Bündnis zur Erschließung und Sicherung von Museumsdepots hatten sich im Jahr 2014 16 Kulturstiftungen zusammengefunden. Gemeinsam und überraschend öffentlichkeitswirksam machten sie darauf aufmerksam, wie wichtig der Erhalt der den Museen anvertrauten Schätze ist, die unbeachtet von der Öffentlichkeit in Depots schlummern. 2018 ging die Initiative zu Ende – ihr Anliegen aber bleibt allen Museen als Kernaufgabe erhalten. Und auch wenn es schwer ist, die Wirkung eines solchen Bündnisses jenseits der reinen Anzahl von Pressemeldungen oder bewilligten Förderprojekten zu messen: Das Thema Sammlung scheint in den vergangenen Jahren in ganz neuer Weise in den Fokus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung gerückt zu sein und von dort seinen Weg in die Medien und damit in die Öffentlichkeit zu finden.

Stolz ist Hoernes auch auf die jüngste Initiative der Stiftung: die sogenannte Corona-Förderlinie. Sie unterstützt freiberufliche Wissenschaftler und Restauratoren, die durch die Corona-Pandemie in ihrer beruflichen Existenz bedroht sind, indem sie die für die Restaurierung der Kunstwerke nötigen Geldmittel zur Verfügung stellt. So hilft die Stiftung nicht nur der Kunst, sondern auch den Menschen, denen die Kunst Arbeit und damit ihr Auskommen gibt.

Interview von
Nicole Alexander

Chefredakteurin Stiftungswelt
Telefon (030) 89 79 47-70

Alle Beiträge von Nicole Alexander
Über die beiden Werke:

Rudolf Schlichter, Bertolt Brecht, um 1926. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © Viola Roehr-v. Alvensleben, München

Rudolf Schlichter, Helene Weigel, 1928. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung, © Viola Roehr-v. Alvensleben, München

Beitrag aus: Stiftungswelt Herbst 2020
Magazin Stiftungswelt

Auf Kurs. Wie der Sektor durch Gesetzesreformen und gutes Stiftungshandeln Fahrt aufnehmen kann.

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