Wie Crowdfunding gelingen kann

Eignet sich Schwarmfinanzierung auch für Stiftungsprojekte? Die Hertie-Stiftung hat es bei ihrem Deutschen Integrationspreis ausprobiert – und zieht für die StiftungsWelt eine erste Bilanz.

Zum ersten Mal hat eine große deutsche Stiftung mit dem Deutschen Integrationspreis Stiftungsförderung und Crowdfunding verbunden. Es sind wenige Zahlen, die eine überraschende Erfolgsgeschichte markieren: rund 600.000 eingeworbene Euro, über 16.000 Unterstützer, 34 Projekte, die nun umgesetzt werden. Wie konnte es dazu kommen? Was waren die Erfolgsfaktoren? Ist Crowdfunding ein Schlüssel, um künftig Stiftungsarbeit zu finanzieren?

Fangen wir von vorne an. Ein Sprung zurück zum Ende des Jahres 2015. Seit Monaten kommen in Deutschland tausende Menschen an, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien, vor der gefährlichen Lage in Afghanistan oder vor den schwierigen Lebensbedingungen in Afrika geflohen sind. Viele Menschen helfen bereitwillig. In Flüchtlingsunterkünften oder mit Spenden.
Einigen wird rasch klar: Ersthilfe ist notwendig – aber was geschieht danach? Wie können die Geflüchteten, wenn sie in der Nachbarschaft angekommen sind, wirklich integriert werden?

Es entstehen Ideen. Manche davon landen in Form von Förderanfragen auf den Schreibtischen in der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Erst wenige, dann immer mehr. Der Tenor: "Wir haben eine tolle Idee, aber kein Geld für die Umsetzung." Anfang 2016 wird die Frage akut: Was kann, was soll gefördert werden? Es fehlen Kriterien, die Auswahl wäre willkürlich. Und selbst wenn man entschiede: Die Vielzahl der Anfragen birgt die Gefahr der Verzettelung, auch der Überforderung der Stiftung.

Richtiges Thema zur richtigen Zeit
In dieser Situation entsteht in einer kleinen Runde der erste Gedanke: ein Integrationspreis. Das ist nicht originell, liegt aber nahe, denn die Hertie-Stiftung hat Erfahrung mit Preisen und Wettbewerben. Eine erste Recherche ergibt: Tatsächlich gibt es Anfang 2016 keinen bundesweiten Integrationspreis. Die regionalen Preise zeichnen bereits laufende Projekte aus, und wenn überhaupt Geld fließt, dann geringe Summen. Aus dem Gedanken wird eine Idee: ein Wettbewerb, der Projekte vor allem finanzieren und ihnen somit zur Umsetzung verhelfen soll. Und dann: Wie wäre es, wenn nicht die Stiftung alleine finanziert, sondern den Weg unterstützt, den viele Startups nutzen: Crowdfunding?

Das zündet. Allen dreien im Raum ist sofort klar: Das hat viel Potenzial. Aber wie macht man das? Erste Gespräche helfen. In diesem Fall mit place2help.org, einem Anbieter für regionales Crowdfunding, und dem Team von startnext.com, der größten deutschen Crowdfunding-Plattform, über die bereits mehr als 5.000 Projekte erfolgreich finanziert wurden. Und mit der Aventis Foundation, die mit einem Kulturprojekt im Großraum Rhein-Main bereits erfolgreich Schwarmfinanzierung getestet hatte. Diese Gespräche machen Mut. Es ist das richtige Thema zur richtigen Zeit mit der richtigen Methode.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Wettbewerb kann weitestgehend über die Plattform von Startnext abgewickelt werden – von der standardisierten ersten Bewerbung bis hin zur Finanzierungsphase. Die Internetgemeinde ist zugleich der erste Test für die Projektideen: Wie viele Menschen glauben daran und sind bereit, dafür Geld zu geben? Das führt zum nächsten Punkt: Die Hertie-Stiftung muss nicht alles alleine finanzieren, sondern unterstützt mit ihren Mitteln in der Finanzierungsphase als ein (großer) Förderer unter vielen. Die Projekte sind somit eigenständig und keine "Hertie-Projekte", haben aber gleichwohl durch die Teilnahme am Wettbewerb das "Hertie-Siegel".

"Das wird funktionieren"
Die Wahl fällt auf ein fünfstufiges Modell: Bewerbung mit Vorauswahl – Qualifizierung – Finanzierung – Umsetzung – Auszeichnung. Die Qualifizierung soll im ersten Schritt die Teilnehmer, die es durch die Vorauswahl geschafft haben, für ein Crowdfunding fit machen, im zweiten Schritt für die Umsetzung ihrer Projektidee. In der Finanzierungsphase soll es für die 20 Projekte, die die meisten Unterstützer gewinnen, insgesamt 140.000 Euro der Hertie-Stiftung geben. Diese Gelder würden in der Mitte der Phase fließen, also dann, wenn erwartungsgemäß nach der ersten Begeisterung die Spendenbereitschaft nachlässt. Dieser Schub soll die Crowd nochmals motivieren, die Projekte bis in ihr Finanzierungsziel zu tragen. Der eigentliche Preis nach einer ersten Phase der Umsetzung ist schließlich nochmals mit 50.000 Euro für den ersten, 30.000 Euro für den zweiten und 20.000 Euro für den dritten Platz dotiert.

Vor dem Start des Deutschen Integrationspreises im Sommer 2016 sind jedoch zahlreiche Fragen zu klären und interne Skeptiker zu überzeugen. Was, wenn sich kaum Projekte bewerben? Was, wenn es viel zu viele Bewerber gibt? Kann man den Begriff "Deutscher Integrationspreis" schützen? Wie klärt man im Vorfeld die Qualität der Vorhaben? Gibt es Möglichkeiten des Missbrauchs oder gar des Betrugs beim Crowdfunding? Wie kann sichergestellt werden, dass die Fördergelder auch bestimmungsgemäß
verwendet werden? "Die Fragen der Verwendung der Gelder waren knifflig", sagt Stefanie Kreyenhop, Leiterin der Revision der Hertie-Stiftung. "Ein Preisgeld für die erfolgreichen Crowdfunding-Projekte auszuloben, war für uns schließlich das richtige Format."

Als ungemein hilfreich erweist sich der Kontakt zu Norbert Kunz, Gründer und Geschäftsführer von Social Impact, einer Agentur für Gründungsberatung mit Fokus auf Social Start-ups. Mit seinen Erfahrungen und Ratschlägen wird das Konzept weiter verfeinert. Im Herbst 2016 sind alle Vorbereitungen abgeschlossen, alle Fragen und Eventualitäten, so gut es geht, geklärt. Ein Kriterienkatalog, was im Rahmen des Deutschen Integrationspreises gefördert werden kann und was nicht, steht. Ebenso Teilnahmebedingungen, Kommunikationskonzept, Qualifizierungsprogramme für die Teilnehmer. Dennoch bleibt es Neuland. Bange Fragen: Würden sich genügend Förderer finden? Würden sich viele, teilweise gleichartige Integrationsprojekte gegenseitig Konkurrenz machen, sich gar kannibalisieren? Doch Markus Sauerhammer, einer der hellwachen Köpfe hinter Startnext, wiederholt mantraartig seine felsenfeste Überzeugung: "Das wird funktionieren."

250 Bewerbungen in sechs Wochen
In der Bewerbungsphase werden über Startnext und alle verfügbaren Kontakte und Kanäle der Hertie-Stiftung Projekte zur Teilnahme aufgefordert. Klar ist von der ersten Minute: Crowdfunding steht und fällt mit der Kommunition. Soziale Medien spielen eine wichtige Rolle, ebenso institutionelle und persönliche Netzwerke. Sechs Wochen lang können Projekte auf der eigens eingerichteten Seite bei Startnext ihr Vorhaben, das Team und den Mittelbedarf vorstellen. Innerhalb einer Woche liegen mehr als 20 Bewerbungen vor. Immer mehr kommen dazu, in den letzten vier Tagen der Bewerbungsphase alleine nochmals gut 70. Am Ende haben 250 Projekte ihren Hut in den Ring geworfen – das war die Idealvorstellung.

Fünf interne Jurys, bestehend aus jeweils drei Personen, sichten die Bewerbungen: Welches Projekt ist innovativ? Welches bezieht Geflüchtete aktiv ein? Welches ist nachhaltig, welches übertragbar? Ist die Verwendung des Budgets schlüssig? Und: Welches hat das Potenzial, in einem Crowdfunding-Contest zu überzeugen? 54 Vorschläge schaffen es durch diesen Filter. Die Macher hinter den Projekten treffen sich Ende Januar 2017 zum "Hertie-Camp" in Frankfurt. Dort geht es vor allem um eine Frage: Was braucht eine Crowdfunding-Kampagne, um erfolgreich zu sein? Vom Festlegen eines realistischen Fundingziels über das Erstellen eines Projektvideos bis hin zur alles bedeutenden Kommunikation: Experten geben in Workshops Anleitungen und Antworten.

Nicht alle bleiben dabei, als klar wird, welcher Aufwand mit Crowdfunding verbunden ist. Schließlich gehen 40 Projekte in den Contest, kontinuierlich begleitet durch das Team des Deutschen Integrationspreises in der Hertie-Stiftung. Täglich sind Fragen zu klären, täglich muss die Facebook-Seite, über die der Großteil der Kommunikation läuft, gepflegt werden. Es ist eine sehr intensive Zeit für das dreiköpfige Team und viel mehr Arbeit als gedacht.

Nach wenigen Tagen der Finanzierungsrunde überschlagen sich die Ereignisse: Die Summe der  eingeworbenen Förderung ist auf über 100.000 Euro gestiegen. Damit ist klar: Es ist ein Erfolg. Und es kommt noch besser – Tag für Tag gehen zwischen 10.000 und 20.000 Euro auf den Konten der Projekte ein. Nach drei Wochen schüttet die Hertie-Stiftung ihre Förderung aus, und obwohl spätestens dann sicher ist, dass viele es geschafft haben, gehen weiter Spenden ein.

Positive Zwischenbilanz
Am Ende haben 34 Projekte ihr Finanzierungsziel von mindestens 10.000 Euro erreicht oder übertroffen und insgesamt von über 16.000 Unterstützern fast 600.000 Euro eingeworben, plus 140.000 Euro Hertie-Förderung, insgesamt also mehr als 700.000 Euro. Nur in wenigen Fällen waren dabei große Einzelspenden im Spiel.

Umgesetzt werden nun unter anderem eine Job- und Ausbildungsvermittlung für Geflüchtete; eine Werkstatt, in der Möbel entstehen; ein Kleinbus, in dem gemeinsam Musik  roduziert wird; eine Schneiderei, in der geflüchtete Frauen eine Ausbildung machen können;  Fahrradkurse für Mädchen. Alle haben die Chance, den Deutschen Integrationspreis zu erhalten, der Ende Oktober in Frankfurt nach Auswahl durch eine hochkarätige Jury vergeben wird.

Daher ist erst eine Zwischenbilanz für den Deutschen Integrationspreis möglich. Sie fällt positiv aus. Nicht nur, weil die Hertie-Stiftung mit einem Einsatz von 140.000 Euro 34 Projekten zur Umsetzung verhelfen konnte. Sondern auch, weil die Methodik des Crowdfundings eine produktive Dynamik entwickelt hat. Innerhalb kürzester Zeit haben sich die Initiatoren professionalisiert und enorm entwickelt. "Für uns war der Deutsche Integrationspreis ein Glücksfall", sagt Vera Günther von mimycri. In dem Berliner Hilfsprojekt stellen Geflüchtete aus kaputten Schlauchbooten, mit denen sie übers Mittelmeer nach Europa gekommen sind, Rucksäcke und Taschen her, die dann online verkauft werden. "Wir haben nicht nur das Geld, um starten zu können, sondern wir haben auch viel gelernt", so Günther. Allerdings war es für alle Beteiligten auch eine große Anspannung: "Die Contestphase war sehr stressig, aber die harte Arbeit hat sich ausgezahlt", sagt Shahrzad Mohammed von "bike bridge", einem Fahrradprojekt für weibliche Geflüchtete in Freiburg. Ziel des Projektes ist es, die Mobilität der Mädchen und Frauen durch Fahrradlernkurse und gemeinsame Radtouren zu erhöhen und damit zu ihrer Integration beizutragen.

Die Mühe hat sich also gelohnt. Fest steht schon jetzt: In diesem Jahr geht der Deutsche Integrationspreis in die zweite Runde.

 

 

Autoren
John-Philip Hammersen
ist seit drei Jahren Geschäftsführer der Hertie-Stiftung und u.a. verantwortlich für den Deutschen Integrationspreis, das Hertie-Innovationskolleg, Bildungsprojekte, aber auch Kommunikation und Personal. Er war Initiator des Deutschen Integrationspreises.

Kirsten Keppeler
ist Leiterin des Deutschen Integrationspreises und hat diesen wesentlich mit entwickelt. Zuvor war sie langjährige Co-Leiterin des Wettbewerbs "Jugend debattiert".

Weitere Informationen
www.ghst.de
www.ghst.de/deutscherintegrationspreis
StiftungsWelt 03-2017
Der Artikel wurde in der StiftungsWelt 03-2017 mit dem Schwerpunkt "Die Zukunft im Blick — Stiftungen entdecken globales Engagement" veröffentlicht.
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