Sigrid und Sema
Foto: Lena Guntenhöner
Sigrid und Sema

Name der Mentees: Sema und Arif Yüzübenli 

Name der Mentorin: Sigrid Heinrich 

Wann und wo habt ihr euch kennengelernt? 
Sigrid: Das war ziemlich genau vor einem Jahr hier im Ausbildungscampus. Herr Doğan [Anm. D. Red. der Projektkoordinator des Mentorenzentrums] hatte mich angerufen und gefragt, ob ich bereit wäre, auch ein Ehepaar zu begleiten. Die ersten beiden Male haben wir uns im Ausbildungscampus getroffen und dann immer abwechselnd bei Sema und Arif oder bei mir. Oder jetzt eben auch öfter in der Stadt, seit das Wetter besser ist. 

Wie seid ihr auf den Ausbildungscampus aufmerksam geworden? 
Sigrid: Ich über private Kontakte und den Bedarf, Menschen zu finden, die unterstützen können. Ich hatte Kontakt zur Berufsberatung und wurde dort angesprochen, ob ich Mentorin sein kann. 

Sema: Im September 2020 habe ich mit einem Deutschkurs begonnen, aber der war wegen der Corona-Regeln nicht immer geöffnet. Ich habe daher versucht, die Zeit selber zuhause produktiv zu verbringen und im Internet viele Übungsvideos angeschaut. Aber das war für das Sprechen-Üben nicht genug. Mit meinem Mann habe ich überlegt, mit wem und wo wir Deutsch sprechen könnten. Ein Freund meines Mannes hat uns dann den Ausbildungscampus empfohlen. Da haben wir sofort angerufen, Herr Doğan hat uns eingeladen, wir haben ein Formular ausgefüllt und dann haben wir uns mit Sigrid getroffen. 

Was macht ihr, wenn ihr euch trefft? 
Sigrid: Festgelegt hatten wir im Kennenlerngespräch, dass wir miteinander Deutsch sprechen wollen. Am Anfang haben wir auch für die B1-Prüfung Themen besprochen. Wir haben ganz viele Rollenspiele gemacht, das war ganz lustig. Denn am Anfang konnten sie beide noch nicht so gut Deutsch und da habe ich viel mit Gestik und Mimik gemacht. In letzter Zeit reden wir eigentlich immer über das, was uns einfällt. Wir waren auf dem Markt oder im Alten Schloss, in verschiedenen Parks, weil ich festgestellt habe, dass Sema und Arif die Parks in Stuttgart überhaupt nicht kannten. Sie haben zwei Töchter und es war dann für sie schön, am Wochenende so etwas machen zu können. Jetzt führe ich sie sozusagen durch die Stadt zu den Dingen, die sie noch nicht kennengelernt haben. Sema hat aber schon gesagt, dass sie für die B2-Prüfung wieder mehr Prüfungsvorbereitung braucht. 

Machst nur du die Prüfung, Sema? 
Sema: Ja, mein Mann hat den B1-Kurs wiederholt und macht die B1 Prüfung nochmal.

Sigrid: Arif spricht nicht so gut Deutsch wie Sema und am Anfang habe ich schon überlegt: Wie kriegen wir das hin, diese Dreier-Konstellation auszubalancieren? Aber da haben wir, glaube ich, einen ganz guten Weg gefunden, obwohl das Niveau eher noch weiter auseinander gegangen ist. Sema ist eine sehr fleißige Lernerin. (lacht) Vielleicht ist es auch gut, dass Arif seinen eigenen Sprachkurs hat, wo nicht die Übersetzerin an seiner Seite sitzt. Denn normalerweise guckt er sofort zu Sema, wenn er etwas nicht versteht. Ich sage manchmal auch, wenn ich mit Arif sprechen möchte: Sema, du hältst dich jetzt mal zurück! (lacht) 

Gab es noch andere Herausforderungen, die ihr zu bewältigen hattet? 
Sema: Als ich nach Deutschland gekommen bin, konnte ich gar kein Deutsch sprechen. Wir waren etwa sechs Monate in Flüchtlingscamps untergebracht und sind mehrmals verlegt worden. Wegen Corona konnten wir auch nicht gleich mit einem Deutschkurs anfangen. Die Corona-Zeit war sehr schwer für uns, weil wir nur zu Hause waren und keinen Kontakt zu anderen Menschen hatten. Wir haben auch viele Papiere bekommen und hatten keinen Übersetzer. 

Sigrid: Wenn ich so überlege, hatten wir keine ganz schlimme Krise, die wir bestehen mussten. Sema und Arif sind anerkannt, das macht es natürlich einfacher. Die sozialen Verhältnisse sind gut geklärt, sie erleben keine extremen Härten, wie das zum Teil bei anderen Geflüchteten der Fall ist. Aber natürlich haben beide in der Türkei einen guten Beruf gehabt, Sema war Chemielehrerin, Arif Schulleiter, sie hatten ein schönes Zuhause, mit sozialen Kontakten und Familie - und dann hierher zu kommen und auf Null zurückgeworfen zu werden, das ist natürlich nicht einfach.  

Wie sehen eure Pläne für die Zukunft aus? 
Sigrid: Sema hatte mal gesagt, dass sie gerne im Labor arbeiten und vielleicht eine Ausbildung machen möchte. Da haben wir sie jetzt mal bei so einem Schnuppertag angemeldet. Auf jeden Fall möchte ich die beiden noch weiter begleiten. Ich glaube nicht, dass wir nach zwei Jahren sagen: So, das war’s. Tschüß! Oder Sema? 

Sema: Natürlich nicht! Wenn ich Sigrid nicht gesehen habe, vermisse ich sie sehr. Wir können über lustige Dinge zusammen lachen und über traurige Momente gemeinsam trauern. Sie ist für mich nicht nur Mentorin. Manchmal ist sie meine große Schwester, manchmal meine Freundin. Es gibt keine Distanz.  

Über die Mitgliedsorganisation:

Der Ausbildungscampus Stuttgart als Projekt in Kooperation mit der Bürgerstiftung Stuttgart unterstützt mit seinem Mentorenzentrum junge Menschen mit Flucht- und/oder Migrationsbiografie in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung. Mögliche Themen der Begleitung durch die Mentor:innen sind z.B. interkultureller Austausch, Unterstützung bei Bewerbungen oder das Erweitern von Deutschkenntnissen.

Weitere Informationen: https://homepage.ausbildungscampus.org/mentorenzentrum/
Text: Lena Guntenhöner

Lachende und fröhliche Menschen
Foto: Kzenon - adobe.stock

Programm Chancenpatenschaften

Der Bundesverband schreibt Kontingente für Mitgliedsorganisationen aus, die neue Patenschaftsprojekte durchführen möchten.

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