Public Crowdfunding im jüdischen Viertel in Budapest – ein Abend bei Elő Adás

Checkpoint Demokratie
Foto: László Sulyok

Ziel erreicht. Die ungarische Stiftung Gyökerek és Szárnyák Alapítvány veranstaltet seit anderthalb Jahren öffentliche Crowdfunding-Events. Drei Projekte verwirklichten im Mai 2019 ihre Spendenziele und unterstützen damit den Verein Parola (Handschlag), bedürftige Familien und eine von Roma-Frauen betriebene Bäckerei

Die ungarische Stiftung Gyökerek és Szárnyák Alapítvány (Wurzeln und Flügel, auch Roots & Wings) mit Sitz in Budapest ist Träger von drei größeren Projekten: KözösALAPON (auf gemeinsamer Basis), das die Gründung von Bürgerstiftungen in Ungarn berät und fördert, Kisvárosok (Kleinstädte), das gemeinwohlorientierte Akteure auf dem Land unterstützt, und schließlich Elő Adás, sprich: ehlö oddahsch, was als Wortspiel im Ungarischen zugleich „Liveübertragung“ als auch „Live-Spende“ bedeutet. Elő Adás ist eine Art „public crowdfunding“ – ein Spendenevent mit einer größeren Gruppe freigiebiger Menschen auf einer analogen und eben nicht virtuellen öffentlichen Plattform.  

Die Veranstaltung findet in einem gemütlichen Saal im ersten Stock des jüdischen Restaurants Köleves (Steinsuppe) inmitten des alten jüdischen Viertels in Pest statt. Während unten auf der Straße lärmende Touristen vorbeiziehen, wird drinnen im ersten Stock nach dem Begrüßungsbuffet für das Gemeinwohl gesammelt. Das Publikum ist bunt gemischt und wirkt überraschend normal: Frauen und Männer unterschiedlichsten Alters und Stils sind versammelt, alles sehr „casual“. Die Regeln sind einfach: Drei sozial engagierte, gemeinnützige Projekte stellen sich vor, „pitchen“ vor dem Publikum ihr Anliegen, wofür genau sie wie viel Geld brauchen, und die Gäste dürfen den Akteuren Fragen stellen.  

An diesem Abend bewerben sich drei sehr unterschiedliche Projekte: der Verein Parola (Handschlag) unterstützt gemeinschaftsbildende Projekte und gibt eine gleichnamige Zeitung heraus, deren Internet-Auftritt er neu lancieren möchte. Die Fönix-Bewegung „Dort sein“ sammelt Spenden, um den Kindern mittelloser Familien Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen, und die Elfogasás Sütöde (Akzeptanz-Backstube) in Monor, eine kleine Gemeinde südöstlich von Budapest, wird von Roma-Frauen betrieben und unterstützt mehrere Familien.  

Das Vorstellen der Projekte ist zeitlich begrenzt: Die Referierenden sind gut vorbereitet und präsentieren ihr Anliegen innerhalb von fünf Minuten. Die wohlmeinenden Gäste stellen einige Fragen, die ausführlich beantwortet werden. Diese erste Prüfung haben die Projektleiterinnen und Projektleiter überstanden, bevor sie den Raum verlassen müssen und sich in Geduld üben – erst gegen Ende des Abends dürfen sie wieder zur Ergebnisverkündung dabei sein.  

Währenddessen wird im Saal die jeweilige Zielsumme als Säulendiagramm auf die Leinwand gebeamt. Dann dürfen die spendewilligen Gäste finanziell loslegen: In der ersten Runde werden, für ein Projekt nach dem anderen, mindestens 10.000 HUF (ca. 30 Euro) per Handzeichen geboten und die Summe mit Namensnennung verkündet. Name und Summe der Spender werden notiert. Die addierten Summen wachsen langsam, aber stetig. Scheint die Versammlung einen Moment lang träge, meldet sich doch immer jemand, der den Schwung wiederaufnimmt, oder die gute Moderation motiviert das Publikum mit aufmunternden Kommentaren oder ergänzenden inhaltlichen Fragen an kundige Gäste. Das Publikum zeigt sich wohlwollend und kreativ. Eine Ansage: „Ich gebe 30.000 HUF, wenn sich noch drei andere Spender mit je 10.000 HUF finden, die gerne Kuchen essen“ – natürlich für das Konditorei-Projekt, und schnell fühlen sich drei Personen angesprochen und spenden mit. 

In der zweiten Runde „pitchen“ nun zu Beginn drei freiwillige Unterstützer der Projekte und erklären in lediglich einer Minute, warum sie das jeweilige Projekt für förderwürdig halten. Ab jetzt dürfen auch kleinere Summen unter 10.000 HUF gespendet werden sowie Sachmittel oder geldwerte Leistungen: „Ein Wochenende für 10 Personen in meinem Ferienhaus“, einen „Artikel in der Zeitung, für die ich schreibe“, „eine Kaffeemaschine für das Projekt“ und so weiter. 

Ein Schlüsselerlebnis für das Format ist der Moment, in dem eine kluge Frau anbietet: „Ich spende 30.000 HUF, wenn 30 Personen hier im Raum je 1.000 HUF (ca. 3 Euro) geben“ – sofort gehen gefühlt fast alle Arme hoch, am Ende werden die dreißig Spender locker erreicht und sogar übertroffen. 

Am Ende haben alle drei Projekte die projektierte Fördersumme erreicht bzw. übererfüllt. Über 6.000 Euro wurden insgesamt gespendet, pro Projekt um die 2.000 Euro. Das bedeutet bei ca. hundert Personen für jeden Gast einen Spendenbeitrag von um die 60 Euro – keine zu vernachlässigende Summe in einem Land mit einem Durchschnittslohn von 953 Euro im Jahr 2019 (in Deutschland sind es 3224 Euro).  

Schließlich werden die abwesenden Projektleiter wieder hereingeholt, dann blendet jemand mit retardierendem Effekt die Spendensäulen ein: Ungläubiges Staunen, Tränen und Umarmungen sind die Folge. Die Moderation bittet die jeweiligen Unterstützer und Unterstützerinnen nach Projekt, aufzustehen, damit die Projektleiter sie sehen können: Ein bewegender Moment, sehr viele haben für alle drei Projekte gespendet. Am Saalausgang wird eine große Spendenbox mit dem jeweils versprochenen Bargeld oder schriftlichen Überweisungserklärungen gefüllt. Einige Tage später wird eine E-Mail eintreffen, in der um die Überweisung der angekündigten Summen gebeten wird. Es ist ein Format, dass durch Effizienz, Wohlwollen und Gemeinschaftssinn überzeugt. 

Die britische Organisation The Funding Network führt diese Methode seit 2002 erfolgreich mit verschiedenen Partnern durch. Sie berät Interessierte in der Durchführung und begleitet die ungarische Stiftung Roots & Wings in ihrer Ausführung der Variante seit anderthalb Jahren. 

Elő Adás am 16. Mai 2019 in Budapest:

Und was hinter den Zahlen steht: 
Freudentränen, Händeschütteln, Lächeln und Umarmungen. Zusammenhalt, Solidarität, Glaube, Unterstützung, geistige Munition, GEMEINSCHAFT. Wir danken allen! 

Autor
Axel Halling

Referent Bürgerstiftungen Deutschlands
Programm "Chancenpatenschaften"
Telefon (030) 89 79 47-97

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