Partizipation am Kneipentisch

Kneipengespräch
Checkpoint Demokratie
Foto: Gorodenkoff Productions OU

Bei staatlich initiierten Planungsprozessen wird Bürgerbeteiligung fast standardmäßig durchgeführt, um Protesten und Vertrauensverlust der Bevölkerung entgegenzuwirken. In Zeiten von Hassreden und Beleidigungen bieten Bürgerkonsultationen aber auch für Stiftungen eine ideale Möglichkeit, um Partizipation und eine konstruktive Dialogkultur zu stärken.

„Ich wünsche mir eine weitgehend autoberuhigte Stadt, die mehr Raum lässt für die Menschen, die mehr Flächen bietet zur Erholung, Entspannung, für Freizeitaktivitäten von Groß und Klein.“ Daniel Hauptmann nimmt an einem sogenannten Kneipengespräch beim Dialogprojekt „Hamburg besser machen“ in Hamburg-Rotherbaum teil. In einem anderen Stadtteil, in Hamburg-Eppendorf, meint Inga Vehling beim dortigen Kneipengespräch: „Als Hundebesitzerin fällt mir auf, dass viele Hundehalter ihre Tiere rücksichtslos auf andere Menschen und angeleinte Hunde zurennen lassen. Wieso gibt es keinen Hundeknigge, zehn Regeln für den Hund in der Stadt, den jeder Hundehalter unterschreiben muss?“ Und im Südosten Hamburgs, in Billstedt, schlägt Ralph Ziegenbarg seinen Tischnachbarn vor: „Billstedt liegt an der Bille, aber der Fluss ist fast unerreichbar, seit am Ufer die Bundesstraße 5 verläuft. Sie sollte überdeckelt werden, bei der A 7 geht das doch auch. Wenn Billstedt seinen Fluss zurückbekäme, könnten am Ufer Spazierwege und attraktiver Wohnraum entstehen.“

Kneipengespräche zur Beteiligung

Drei Stimmen aus fast drei Dutzend Kneipengesprächen, zu denen die Körber-Stiftung und die „Zeit“ im Rahmen ihres Bürgerdialoges „Hamburg besser machen“ im Februar und März 2019 in den Hamburger Bezirken eingeladen hatten. Die leitende Frage des Bürgerdialoges war themen- und bezirksübergreifend gestellt: Wie kann man die Lebensqualität in der Hansestadt verbessern, welche Wünsche und Ideen haben die Hamburgerinnen und Hamburger? Interessierte konnten sich unter selbst gewählten Hashtags zu den für sie besonders brennenden Themen für Kneipengespräche anmelden und saßen anschließend an entsprechend beschrifteten Tischen mit Nachbarn aus ihrem Quartier zusammen. Ins Gespräch wurden sie gebracht von freiwillig engagierten Bürgern, die sich dafür als Moderatoren hatten ausbilden lassen. Auch „Zeit“-Redakteure nahmen teil. Großplakate, Vorschlagssammlungen in allen öffentlichen Bücherhallen und Kampagnen auf Facebook begleiteten die Aktion. Gezielt einbezogen in den Dialog wurden Kinder und Jugendliche in fünf Workshops, arabisch- und persischsprechende Einwohner während zweier Gesprächsrunden sowie Beschäftigte von Unternehmen, die den Dialog durch Sponsoring unterstützten. Mehr als 3.100 Vorschläge wurden vor Ort diskutiert.

Foto: Claudia Hoehne
Sven Tetzlaff, leitet den Bereich Demokratie, Engagement und Zusammenhalt bei der Körber-Stiftung.

Wer für die Kneipenabende keine Zeit hatte, konnte sich online unter www.hamburgbessermachen.de beteiligen. Über 1.441 Vorschläge wurden auf der Beteiligungsplattform des Projekts geographisch im Stadtraum markiert und von den Nutzerinnen und Nutzern der Plattform bewertet und kommentiert. Zum Schluss der Ideenphase konnten die User beim Community-Voting über die für das Gemeinwohl wegweisendsten Vorschläge abstimmen, die ihnen in einer Zufallsauswahl vorgelegt wurden.

Rund 1.600 Hamburgerinnen und Hamburger beteiligten sich on- und offline an dem Bürgerdialog. Ihre Vorschläge wurden in drei Akademieveranstaltungen weiter vertieft, mit Experten diskutiert und zu Empfehlungen verdichtet, bevor sie im Juni in Form eines Bürgergutachtens Vertreterinnen und Vertretern der Hamburger Politik übergeben werden. Die „Zeit“ und die Körber-Stiftung begleiteten medial und mit Veranstaltungen den Prozess der Ideenfindung und führten eine repräsentative Befragung durch. Beide Initiatoren bleiben auch nach Abschluss der Aktion an dem Thema dran und verfolgen, wie die politischen Verantwortungsträger in der Stadt mit den Ergebnissen umgehen.

Ergebnisoffener Bürgerdialog

Die Teilnehmer in den Kneipengesprächen und auf der Plattform schätzten an dem Bürgerdialog besonders, dass er ergebnisoffen angelegt war. So konnten sie eigene Ideen und Vorstellungen zum Zusammenleben in der Stadt mit anderen diskutieren und mussten sich nicht – wie zumeist bei staatlichen Beteiligungsprozessen – in das Korsett vorgegebener Themen zwängen. Die Einladung „ums Eck“ in Kneipen, Cafés oder Gaststätten wurde als niedrigschwelliges Angebot wahrgenommen, das mit einem knapp dreistündigen Zeitaufwand in die Tagesplanung passte.

In den Kneipengesprächen trafen zudem Menschen mit ganz unterschiedlichen Wünschen aufeinander. Intensiv wurde etwa das Spannungsfeld von übergeordnetem Allgemeinwohl und Einzelinteresse diskutiert. Kanalisiert wurde das Gespräch durch die Anforderung, sich an den Tischen auf gemeinsame Vorschläge zu einigen. „Die Teilnehmer kamen mit ganz unterschiedlichen Meinungen, es wurde durchaus gerungen und debattiert“, so Mark Spörrle, stellvertretender Chef vom Dienst der „Zeit“. „Aber am Ende verlief der Abend zumeist sehr konstruktiv und mit gegenseitiger Wertschätzung.“ Als wichtigstes Thema kristallisierte sich über alle Quartiere hinweg die Frage der Mobilität in der Stadt heraus, aber auch die Bereiche Umwelt und Wohnen bewegten die Bürgerinnen und Bürger.

Das Konzept der aufsuchenden Konsultation in den Stadtteilen trifft spürbar auf ein gestiegenes Interesse der Menschen, in ihrem Quartier und mit ihren Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Eine im März 2019 veröffentlichte repräsentative Umfrage von infratest dimap im Auftrag der nebenan.de Stiftung unterstützt diesen Eindruck. Sie hat ergeben, dass über 60 Prozent der Deutschen das Bedürfnis haben, mit ihren Nachbarn in Kontakt zu kommen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsstand und Wohnort. In den Kneipengesprächen in Hamburg kamen die Nachbarn generationenübergreifend miteinander ins Gespräch, Mitglieder von Bürgerinitiativen, Parteien und Verwaltungen nahmen genauso teil wie Studierende oder Selbstständige. Menschen fanden zusammen, die zu ihren Themen anschließend gemeinsam weiterarbeiteten. Und auf der Plattform www.nebenan.de organisierten sich parallel Nachbarschaftsgruppen, um in ihrem Quartier ein zusätzliches, eigenes Kneipengespräch anzumelden und durchzuführen. Zieht man das Konzept der Bertelsmann Stiftung heran, nach dem gesellschaftlicher Zusammenhalt auf den Aspekten Verbundenheit, soziale Beziehungen und Gemeinwohlorientierung beruht, so haben die Gespräche in Hamburg der Bürgergesellschaft in allen drei Bereichen wertvolle Impulse geliefert.

Einbeziehung, Mitwirkung, Gehörtwerden

Der lokale Raum, das Quartier und die Nachbarschaft spielen in Zeiten größerer Unsicherheit angesichts der Umbrüche durch Globalisierung, Migration und Digitalisierung eine zunehmend wichtige Rolle. Der Ort im Nahbereich stiftet Vertrautheit, gibt Halt und bietet Identifikation. Folgt man der These, dass Demokratien in die Krise geraten, wenn die Bürger sich nicht mehr für öffentliche Angelegenheiten und das Gemeinwohl interessieren, dann bilden die Kommunen und Städte einen unmittelbaren Erfahrungsraum für den demokratischen Interessenausgleich, eröffnen Mitwirkungsmöglichkeiten zur konkreten Veränderung des Lebensumfeldes und unterstützen auf diese Weise die Ausprägung demokratischer Einstellungen.

Auf das immer deutlicher artikulierte Bedürfnis nach Einbeziehung und Mitwirkung bei der Gestaltung der Zukunft und des Zusammenlebens gehen aufsuchende und quartiersbezogene Dialogformate besonders ein. Als erstes Flächenland hat Baden-Württemberg vor Kurzem ein landesweites Förderprogramm „Nachbarschaftsgespräche: Zusammenleben – aber wie?“ gestartet, das Städten, Landkreisen und Gemeinden offensteht. In diesem Programm spielt die Zufallswahl der Bürger eine wichtige Rolle, die möglich wird, weil die Kommunen Projektträger sind und auf Melderegister zur Einladung von Bürgerinnen und Bürgern zugreifen können. „Hier kommen vor Ort Menschen miteinander ins Gespräch, die sich sonst nicht austauschen. Dafür müssen die Teilnehmenden zufällig ausgewählt werden. Die Nachbarn kommen mit Politikerinnen und Politikern ins Gespräch, die ihnen in erster Linie zuhören. Es geht um Themen aus der Nachbarschaft, nicht um bundes- oder landespolitische Fragen. Das schafft die Grundlagen für ein Miteinander“, so Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, der das Programm der Nachbarschaftsgespräche wissenschaftlich begleitet. Bei der Qualifizierung von Moderatoren für Runde Tische und ganzer Einrichtungen als Orte von Beteiligung ist seit vielen Jahren die Breuninger Stiftung aktiv und bietet ein breites Spektrum an Fortbildungsmöglichkeiten an.

Wie groß das Potenzial für Konsultationsformate ist, hat eine Umfrage von pollytix im letzten Jahr gezeigt. Nach dem Stellenwert informeller Bürgerbeteiligung befragt, gaben von 124 auskunftswilligen Kommunen 94 Prozent an, dass sie Informationsveranstaltungen – also die beteiligungsschwächste Form – anbieten. Mit dem Format der Zukunftswerkstatt haben 62 Prozent und mit Online-Dialogen erst 41 Prozent Erfahrungen gesammelt. Ray Nher, Teilnehmer eines Kneipengesprächs im Hamburger Schanzenviertel, formuliert seinen Wunsch an die Hamburger Politik so: „Wenn man ehrenamtliche Gremien in jedem Stadtteil finanziert, kann die Stadt nicht nur von viel lokaler Expertise profitieren, die man sich sonst teuer einkaufen müsste; umgekehrt werden durch die garantierte Finanzierung Engagierte ermutigt, sich nachhaltig einzubringen. Für alle wäre das eine Win-win-Situation.“ 

Über den Autor

Sven Tetzlaff 

Stiftungswelt Sommer 2019

Der Artikel wurde in der Stiftungswelt Sommer 2019 mit dem Schwerpunkt "Unsere Demokratie" veröffentlicht.

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