Sinn stiften!

Deutscher StiftungsTag
Foto: Tim Ilskens

Fünf Thesen, wie gesellschaftliches Engagement wirksamer werden kann – und welche Rolle die Kommunikation dabei spielt.

Von Eckart von Hirschhausen

Erste These: Jeder ist vermögend.

Die altehrwürdige Idee der Stiftung ging von Vermögen als Grundstock an Kapital aus. Meine Definition von „Vermögen“ geht eher dahin, dass jemand etwas zu bewegen „vermag“. Mit Zeit, mit Ideen, mit Vernetzung. Und das geht in der digitalen Welt und in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie manchmal auch ohne Kapital. Gleichzeitig suchen Milliarden Euro in Deutschland neuen Sinn. Spendensummen und Stiftungsvermögen nehmen nicht zu, obwohl es mehr Stiftungen gibt. Wir hocken auf einem Privatvermögen von geschätzten 6.000 Milliarden Euro, und immer mehr Menschen wird klar: In den Himmel können sie es nicht mitnehmen. Gemessen daran ist das Geld, das in Gemeinnützigkeit investiert wird, peinlich gering. Denn wenn das Gemeinwesen zusammenbricht, nutzt einem auch das ganze Geld nichts mehr.

Wir sind als Menschheit gerade dabei, uns das Leben auf der Erde zur Hölle zu machen. Die großen Probleme, vor denen wir stehen, sind neben der Gefährdung der Demokratie in Europa und der steigenden Gefahr von Kriegen vor allem die ganz konkrete Überhitzung der Atmosphäre und die durch den Klimawandel drohende Vernichtung unserer Lebensgrundlagen. Wie die aktuellen Schülerproteste „Fridays for Future“ zeigen, entsteht in der jungen Generation derzeit ein Bewusstsein dafür, dass ihre Lebensgrundlagen durch die Art und Weise, wie wir wirtschaften, zerstört werden und dass sie die Entscheidungen, die ihre Zukunft betreffen, mitbestimmen wollen. Wenn die Zeit dafür reif ist, kann eine Schülerin aus Schweden eine weltweite Welle auslösen, die in dieser Form keiner vorhergesagt hätte.

Authentisches Engagement hat eine Kraft, die zu bewegen vermag. Und die sozialen Medien in all ihrer Zweischneidigkeit machen es möglich, Ideen ohne hohe Transaktionskosten zu verbreiten. Es muss heute niemand mehr auf das Wohlwollen der Lokalzeitung warten – Menschen werden im Digitalzeitalter selbst zum „Sender“, zum Medium und zum Beweger.

Zweite These: Die Menge an engagierten Menschen darf nicht konstant bleiben.

Wer einmal bekannt dafür ist, dass er sich engagiert, auf den wird sehr viel abgeladen. Das gilt in jedem kleinen Verein, in jeder Kirchengemeinde, und das gilt auch für die öffentlich engagierten Fernsehgesichter. In dem Moment, in dem man seinen kleinen Finger hebt, kommen viele, die sich mit der Hand nicht zufriedengeben wollen, sondern gleich beide Arme nehmen. Das macht schnell bewegungsunfähig.

Seit ich vor zehn Jahren meine Stiftung Humor hilft heilen gegründet habe, die sich für mehr Humanität in der Humanmedizin einsetzt, werde ich überschüttet mit Anfragen und Bettelbriefen. Ich schreibe dann sehr freundlich zurück, ob die Anfragenden das Naheliegende schon getan haben: in der Nähe zu suchen statt sich auf einen bundesweit Prominenten zu stürzen. Vor 20 Jahren wäre ich noch für sehr viele Projekte zu gewinnen gewesen. Daher mein Rat: Wer jetzt etwas aufbaut, sollte sich in der Szene unter den 30-Jährigen umschauen und sich überlegen, wer von denen das Potenzial hat, mit der Aufgabe – und in die Öffentlichkeit hinein – zu wachsen.

Der zweite Rat ist Mark Twains wunderbarem Buch „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ entlehnt: Als der Titelheld den Gartenzaun streichen muss, schafft er es, alle Kinder auf diese Aufgabe heiß zu machen, indem er es als etwas ganz Besonderes hinstellt, dabei sein zu dürfen. Ein tolles Ehrenamtsmanagement machen etwa die McDonalds-Kinderhäuser. Dort „dürfen“ die Ehrenamtlichen gar nicht mehr als eine bestimmte Stundenzahl in der Woche Dienst tun. Als Schirmherr eines dieser Häuser in Mainz habe ich Veranstaltungen mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen erlebt, die nicht zur „klassischen“ Engagement-Szene gehören. Menschen, die voll im Beruf stehen, aber gern eine begrenzte und planbare Zeit spenden, wenn sichergestellt ist, dass sie von ihrem Engagement nicht gleich „aufgefressen“ werden. Stiftungen müssen raus aus der „Elite“-Ecke, Ehrenamtliche raus aus der „Ich opfere mich auf“-Ecke. Und es braucht Plattformen, wo sich philanthropische Ideen und Menschen, die Zeit und Lust haben anzupacken, begegnen.

Dritte These: Stiftungen dürfen Forderungen an die Politik stellen – und sollten es auch deutlicher tun.

Wer sich um sozial benachteiligte Gruppen kümmert, darf und sollte sich durchaus die Frage stellen, warum es so viele davon gibt. Und wie etwas daran zu ändern wäre. Es ist toll, wenn sich Naturschützer in ihrer Freizeit dafür einsetzen, Insekten zu zählen, und dadurch offenbar wird, wie weit wir das Artensterben durch unsere Art der Landwirtschaft schon getrieben haben. Aber dann müssen auch die großen und schwerfälligen Forschungseinrichtungen greifen, dann müssen politische Prozesse in Gang kommen.

Bei allen großen Umweltfragen reicht es nicht, seinen Müll zu trennen und nur im Privaten an seinem ökologischen Fußabdruck zu arbeiten. Ja, ich kann weniger Fleisch essen, weniger Essen wegwerfen und weniger Flugreisen machen. Aber dass es bis heute oft billiger ist, innerhalb Deutschlands zu fliegen als mit der Bahn zu fahren, ist einfach himmelschreiender Schwachsinn. Das kann ich als Einzelner zwar nicht ändern. Aber ich kann darauf hinarbeiten, dass Kerosin besteuert wird, dass die Wende hin zu hundert Prozent erneuerbare Energien schnellstens vorangetrieben wird und dass die Braunkohle in der Erde bleibt, statt uns in der Atmosphäre zu ersticken.

Stiftungen sollen die Lücken aufdecken, beschreiben, Leid lindern und Freude mehren. Aber sie dürfen nicht als Alibi-Veranstaltung instrumentalisiert werden, als „Ja, wir tun doch was“. Sie dürfen nicht das Trostpflaster oder Feigenblatt sein, sondern der Finger in der Wunde. Und die heilt man am besten ganzheitlich.

Vierte These: Wer mit Projekten nicht scheitert, macht die falschen.

Seit ich Visiten von Clowns im Krankenhaus fördere, mag ich die Metaphorik in diesem Tun: Der Clown scheitert stellvertretend für uns. Gerade bei behinderten, alten oder palliativ kranken Menschen erleben wir kleine „Wunder“, wie entlastend und befreiend es ist, wenn sich jemand blöder anstellt als man selbst. Und es jedes Mal schafft, einmal mehr aufzustehen, als er hingefallen ist.

Auf Stiftungen übertragen, bedeutet dies: Sie müssen sich mehr trauen! Viele Projekte werden gemacht, weil sie „sicher“ funktionieren. Weil sie kritiklos sind. Weil sich alle einig sind, dass das eine „gute Sache“ ist. Wenn zu viel Einigkeit herrscht, ist das ein Zeichen für zu viel Mittelmaß. Stiftungen können Pioniere sein, in Felder gehen, wo das Terrain noch nicht so klar beschrieben und abgesichert ist. Stiftungen dürfen mit Projekten scheitern – für mich ist das ein Kriterium, dass sie auch dorthin gehen, wo es weh tut. Klar macht Musikförderung für benachteiligte Kinder viel Sinn. Von dieser Art von Projekten gibt es aber schon sehr viele, sehr gut finanzierte und langfristige. Aber vielleicht spielt die Musik auch mal auf einem anderen Feld? Es gibt nicht mehr das, was sowieso richtig ist. Stiftungen sollen ihr Geld konservativ anlegen – und so haben sie Wagniskapital für das Sinnvolle!

Fünfte These: Humor verhindert den moralischen Beigeschmack der „Gutmenschen“.

Mark Twain hat mein Dilemma, diesen Artikel zu schreiben, einst so pointiert: „Im Himmel gibt es keinen Humor.“ Der Schriftsteller stellte sich das Paradies wohl als ewige Tugendparade vor, so wie der Münchner im Himmel aus der gleichnamigen Satire des bayerischen Schriftstellers Ludwig Thoma bei dem fortwährenden Frohlocken auch nicht lachen durfte. Eine aktuelle psychologische Studie belegt, was wir schon immer ahnten: Moral und Humor vertragen sich schlecht. „Spaßbefreit“ trifft es gut, denn wer sich auf einer ethisch uneinholbar überlegenen Position wähnt, dem kommt das Subversive und Ambivalente des Humors bedrohlich vor. Es könnte ja jemand bemerken, dass die Ehrfurcht vor der Autorität nicht die einzige Möglichkeit der Betrachtung ist. Oder um in der Welt der Märchen und der entlarvenden Kraft des Kindermundes zu bleiben: Womöglich ist der Kaiser nackt. Wer an sich selbst hohe ethische Standards anlegt, wandelt als impliziter moralischer Vorwurf an alle anderen durch das Leben. Beliebt macht das nicht. Fragen Sie mal Jesus.

Wenn schon die Moralisten wenig Humor haben, tröstet es ein wenig, dass Ideologen und Fundamentalisten erst recht keinen kennen. Es gibt rechte Popmusik, aber keine rechten Comedians. Kann das daran liegen, dass Rechte generell keinen Humor haben? „Es gibt keinen offen AfD-nahen Comedian, keine neurechte Titanic, keinen rechtspopulistischen Postillon“, schreibt Till Rae­ther im Juli 2017 im SZ-Magazin. Nach einer halbjährigen Recherche in rechten Publikationen, auf entsprechenden Internetseiten und Social-Media-Auftritten stellt der Autor und Journalist fest: „Rechte können keinen Humor.“

Was allen von ihrer Position maßlos Überzeugten fehlt, nennen Psychologen „Ambiguitätstoleranz“. Gemeint ist die Fähigkeit, es für möglich zu halten, dass man irrt. Dass es nie die eine Wahrheit gibt, sondern wir nur Teile davon erhaschen und erkennen können, und dass deshalb jemand anderes auf seine Art und aus seinen eigenen guten Gründen auch recht haben könnte. Der Lyriker Erich Fried hat das in einem Gedicht sehr gut auf den Punkt gebracht:

Angst und Zweifel

Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst

aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel

Erich Fried, Angst und Zweifel, aus: Erich Fried, Gegengift, © 1974 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin

Weil Humor Zweifel eben nicht ausräumt, sondern betrachten kann und sogar die Uneindeutigkeit genießt, ist er so ein wunderbares Mittel in der Kommunikation von schwierigen Themen. Und auch, wenn man über viele Dinge, die in Deutschland und der Welt gerade schieflaufen, wirklich den Humor verlieren kann, halte ich mich an Karl Valentin: „Wenn es regnet, freue ich mich. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

Ein wunderbarer Coach und Freund, Jens Corssen aus München, übt mit den Menschen „gehobene Stimmung“. Denn Veränderungen werden nicht aus der Verbiesterung heraus geschehen. Wenn wir die Welt retten wollen, dann sollten wir den Zeigefinger nicht so oft zum Drohen nutzen, sondern öfter zum Kitzeln. Und betonen, dass wir niemandem etwas „wegnehmen“ wollen, sondern nur mit radikalen Änderungen Lebensqualität erhalten können. Wir können es uns nicht leisten, es uns heute nichts kosten zu lassen. Und: Wir brauchen positive Ziele. „Nichtraucher“ klingt wie „Nichtschwimmer“ – das ist doch kein attraktives Ziel! Wenn wir über Luftschadstoffe und aussterbende fossile Mobilitätskonzepte reden, fühlen sich die Raser bedroht und verhalten sich wie trotzige kleine Kinder, denen man ihr Spielzeug wegnimmt. Und automatisch sind die Lebensschützer die Spielverderber. Deshalb habe ich meinen Facebook-Post zu dem Thema überschrieben: „Warum ich lieber die Abgase von einem Radfahrer einatme als die von einem Auto …“ Nicht alle fanden das lustig. Ich schon.

Leicht ist schwer. Aber möglich. Es ist doch paradox: Jeder Mensch meint von sich, er habe Humor. Gleichzeitig kennen wir viele, die keinen haben. Das geht nicht auf. Wollen Sie wissen, zu welcher Gruppe Sie gehören? Ein kleiner Test: „Statistisch ist jeder dritte Deutsche hässlich. Wenn Sie jetzt einmal unauffällig rechts und links schauen, und die beiden neben Ihnen sehen ganz okay aus – ja dann – haben Sie Humor!“ 

Über den Autor

Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus in Berlin, London und Heidelberg und ist seit über 20 Jahren als Komiker, Autor und Moderator in den Medien und auf der Bühne präsent. Hinter den Kulissen engagiert sich Eckart von Hirschhausen mit seiner Stiftung Humor hilft Heilen für mehr gesundes Lachen im Krankenhaus sowie für Forschungs- und Schulprojekte. Als Botschafter und Beirat ist er unter anderem für die Deutsche Krebshilfe, die Deutsche Bahn Stiftung und die Stiftung Deutsche Depressionshilfe tätig. Auf dem Deutschen StiftungsTag 2019 in Mannheim hält er am 7. Juni die Festrede.

www.hirschhausen.com

Stiftung Humor hilft heilen

Die Stiftung Humor hilft heilen hat es sich zur Aufgabe gemacht, das therapeutische Lachen zu fördern, wo immer es gebraucht wird: in der Medizin, der Arbeitswelt und der Öffentlichkeit. Oberstes Ziel der Stiftung ist es, das Humane in der Humanmedizin zu stärken. Dazu hilft sie unter anderem, professionell ausgebildete Clowns in Kliniken und Pflegeheimen deutschlandweit zu etablieren, und fördert die stetige Fortbildung von Klinikclowns durch Seminare, Workshops sowie Supervision.

www.humorhilftheilen.de

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Dieser Text stammt aus der Stiftungswelt Frühling 2019.

Stiftungswelt Frühling 2019

Europas größter Stiftungskongress

Der Deutsche StiftungsTag findet unter dem Motto "Unsere Demokratie" vom 5. bis 7. Juni 2019 in Mannheim statt.

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