"Es gibt keinen Grund für Angst oder Pessimismus"

70 Jahre Grundgesetz. Wie stark ist unser demokratisches Fundament? Klare Kante von Prof. Dr. Dr. h. c. Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

„Stiftungen müssen sich – noch stärker als bisher – der sachlichen Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen sowie deren Diskussion widmen.“
Prof. Dr. Dr. h. c. Karl-Heinz Paqué
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In diesem Jahr feiern wir 70 Jahre Grundgesetz. Ein Grund zum Feiern! Gleichzeitig – so scheint es – steht unsere Demokratie unter Druck wie selten zuvor. Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen: Wie stark ist unser demokratisches Fundament? Sind wir auch für die kommenden 70 Jahre gut gerüstet?
Selbstverständlich ist das ein Grund zum Feiern. Unser demokratisches Fundament ist stark, stärker als jemals zuvor in der deutschen Geschichte. Es gibt keinen Grund für Angst oder Pessimismus. Aber: Es gibt große Herausforderungen. Das sind beispielsweise der Aufstieg des Populismus, der Siegeszug der sozialen Medien und die Spaltung der Gesellschaft.   

Parteinahe Stiftungen setzen sich vielseitig und umfassend für unsere Demokratie ein. Auch mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen: Welche (neuen) Schwerpunkte setzen Sie in den kommenden Jahren? Wo braucht es (auch) neue Ansätze, um Antworten auf die aktuellen Fragen zu geben?
Die neuen Schwerpunkte ergeben sich aus den genannten Herausforderungen. Wir müssen dem Populismus engagiert entgegentreten – und zwar nicht durch arrogantes Moralisieren, sondern durch Erarbeiten und Diskutieren politischer Konzepte, die überzeugen und konkrete Lösungen anbieten. Es muss klar sein: Es gibt Wege in eine freiheitliche Zukunft ohne Angst, aber nicht ohne Selbstverantwortung. Der Staat kann begleiten und helfen, aber nicht den Weg vorgeben.    

Zudem können wir die Menschen nur in ihrer Welt abholen. Deswegen müssen wir die Sprache sprechen, die sie sprechen, und die Bilder verwenden, die ihnen vertraut sind. Bei jungen Menschen bedeutet das vor allem: Die Botschaften der politischen Stiftungen müssen digitale Wege suchen – über attraktive Kampagnen, anregende Diskussionsformate und klug gestaltete digitale Angebote. 

 Ein weiteres zentrales Anliegen ist das Arbeiten in der Fläche. Viele Menschen – gerade in entlegenen Regionen und bildungsfernen Milieus – fühlen sich abgehängt von der politischen Diskussion, die sie von den urbanen Zentren und vom Hochschulmilieu dominiert sehen. Das gilt auch für die Wahl der Themen: Wir dürfen nicht nur globale Herausforderungen beschreiben, sondern müssen vor allem deren Rückwirkungen auf das tägliche Leben der Menschen vor Ort analysieren.   

Der Deutsche Stiftungstag steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Unsere Demokratie“. Wir wollen zeigen, wo und wie sich Stiftungen für unsere Demokratie einsetzen und wo wir uns noch stärker einbringen müssen. Was sind Ihre Wünsche, Ihre Vorstellungen an den Stiftungssektor? Wo können und wo sollen sich Stiftungen stärker für unsere Demokratie engagieren?
Was für die politischen Stiftungen gilt, das hat auch für private gemeinnützige Stiftungen Bedeutung – soweit sie gesellschaftliche, kulturelle und/oder soziale Aufgaben wahrnehmen. Dabei ist es gut und wünschenswert, dass der Stiftungssektor sehr vielgestaltig ist, denn das zeichnet ja eine vitale Zivilgesellschaft aus. Deshalb ist es schwierig, allgemeine Empfehlungen auszusprechen. Naheliegend ist die Erwartung, dass die Stiftungen sich – noch stärker als bisher – der sachlichen Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen sowie deren Diskussion widmen. Das gilt insbesondere für die Ansprache junger Menschen. 

Zur Person:

Prof. Dr. Dr. h. c. Karl-Heinz Paqué ist seit 2018 Vorsitzender des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Der ehemalige Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt lehrt außerdem seit 1996 an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Über die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Aufgabe der Stiftung ist es, allen Interessierten, insbesondere der heranwachsenden Generation, Wissen im Sinne der liberalen, sozialen und nationalen Ziele Friedrich Naumanns zu vermitteln, Persönlichkeitswerte lebendig zu erhalten und moralische Grundlagen in der Politik zu festigen.

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