„Bürgerstiftungen sind ein wichtiger Gegenspieler der Kommunalpolitik“

Die Bürgerstiftung Hannover war die erste Bürgerstiftung Deutschlands. Der Gründer und Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer (75) erzählt im Interview über seine Idee einer Stiftung, in der sich Bürger lokal vor Ort engagieren – und wie er Menschen überzeugte, selbst Bürgerstiftungen zu gründen.

Portrait von Prof. Dr. Christian Pfeiffer
Foto: Kerstin Wendt
Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Stiftungswelt: Herr Pfeiffer, wie kamen Sie auf das Thema Bürgerstiftungen, wo es doch damals noch keine solche in Deutschland gab?

Christian Pfeiffer: 1995 habe ich Projekte für Gewaltopfer in New York besucht. Die wurden aber von der Stadt nur teilfinanziert. Der Rest kam von einer „Community Foundation“. Aus Interesse fuhr ich zur Adresse der Organisation. Dort lernte ich einen Mitarbeiter der Stiftung kennen, der mir viel zu den US-Bürgerstiftungen erzählte und Mut machte.
Und dieses Konzept wollten Sie dann in Deutschland umsetzen? Genau. Kurze Zeit darauf saß ich mit meiner Frau und drei Freunden zusammen und bat jeden um 5.000 D-Mark. Ich erzählte ihnen von New York und konnte sie überzeugen. Alle versprachen, zum nächsten Treffen jeweils einen Freund mitzubringen, der auch Stifter werden möchte. Und so wurden aus vier dann acht, aus acht dann 16 …

Gab es große Hürden bei der offiziellen Gründung?
Rein rechtlich war eine Bürgerstiftung ja möglich. Man musste nur 100.000 D-Mark Kapital vorweisen können und eine akzeptable Satzung haben. Das hatten wir. Doch bis wir öffentlich anerkannt wurden, hat es lange gedauert. Die Bezirksregierung muss einer Gründung gesetzlich zustimmen. So etwas hatte aber keiner der Beamten zuvor gemacht.

16 Jahre später haben Sie bei einer medienwirksamen Radtour 35 Bürgerstiftungen besucht. Warum?
Erstens war das eine Werbetour. Zweitens wollte ich begreifen und vermitteln, was bei Bürgerstiftungen Erfolgswege sind und wie man aus Fehlern lernen kann. Drittens war es eine Riesenfreude, all diesen engagierten Bürgerstiftlern zu begegnen.

Welchen Anteil haben Bürgerstiftungen denn an einer funktionierenden Gesellschaft?
Einen sehr großen! Bürgerstiftungen sind Kraftquellen der Zivilgesellschaft. Sie sollten sich mit ihren eigenen Ideen aus dem außerparlamentarischen Bereich in ihre Kommune einbringen. Darum setze ich mich auch dafür ein, dass Kommunalpolitiker nicht im Vorstand einer Bürgerstiftung sitzen.

Inwiefern unterstützen Bürgerstiftungen eine Demokratie?
Bürgerstiftungen haben einige Vorteile gegenüber Parteien: Sie sind eine unabhängige, stabile Kraft, müssen keine politischen Gegner attackieren und alle vier Jahre gewählt werden. Sie bieten Menschen an, gemeinsam etwas in ihrer Kommune zu gestalten, bieten Teilhabe an. So genießen sie einen Vertrauensvorschuss, den sich Parteien erst erarbeiten müssen.

Haben Bürgerstiftungen an Bedeutung gewonnen?
Ja, denn in Zeiten von Populismus und Migrationsströmen steht der Zusammenhalt der Gesellschaft auf dem Spiel. Genau hier können Bürgerstiftungen ansetzen. Besonders im Bereich der Arbeit mit Jugendlichen und Flüchtlingen würde einiges ohne Bürgerstiftungen nicht funktionieren. Um eine Gesellschaf konstruktiv voranzubringen, braucht es Ideen, Zeit und Geld. Diese drei Faktoren kann eine Bürgerstiftung bündeln und gezielt einsetzen.

Stiftungswelt Sommer 2019

Der Artikel wurde in der Stiftungswelt Sommer 2019 mit dem Schwerpunkt "Unsere Demokratie" veröffentlicht.

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