Symbol für den Wandel

Zeche Zollverein am Abend
© Jochen Tack / Stiftung Zollverein

Ein stillgelegter Kühlturm wird zum weltgrößten Algen-Bioreaktor umfunktioniert. Dabei liefern die Algen nicht nur umweltfreundlichsaubere Energie, sondern können auch noch in der Lebensmittelindustrie, als Futtermittel oder für Pharmazeutika und Kosmetikartikel verwendet werden. Was schwer nach Science-Fiction klingt, soll schon in naher Zukunft Wirklichkeit werden – auf dem Gelände der als Unesco- Welterbe ausgezeichneten Zeche Zollverein in Essen.

Der Algenreaktor im Kühlturm ist Teil des rund 30.000 Quadratmeter großen EUREF-Campus, den der aus Krefeld stammende Investor Reinhard Müller auf dem Kokereigelände der Zeche plant. 50 Millionen Euro will der Unternehmer in das Projekt stecken. Neben den beiden Kühltürmen sind auch die Gebäude der Ventilatorenkühler sowie die Gasbodenfackel und verschiedene Neubauten Teil des Projektes. Auf dem Campus sollen sich Unternehmen und Start-ups ansiedeln, die sich mit den Zukunftsthemen Klimawandel, Energiewende und intelligenter Mobilität beschäftigen. 2000 Arbeitsplätze sollen auf dem Gelände entstehen. Vorbild für das kühne Vorhaben ist der in Berlin bereits bestehende EUREF-Campus.

Noch sind die Verträge für das Projekt nicht unterzeichnet, doch Professor Hans-Peter Noll, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein, ist zuversichtlich: „Wenn wir es jetzt schaffen, die besonderen Anforderungen des Welterbes und die geltenden denkmalpflegerischen Vorgaben mit den Planungen für den EUREF-Campus zu vereinen, dann entsteht hier in der einstigen Kohle- und Stahlstadt Essen ein internationales Best-Practice- Modell für den Umgang mit industriellem Erbe.“

Dass die ehemalige Zeche und Kokerei Zollverein nicht nur ein Ort der Erinnerung ist, sondern gleichzeitig ein Labor für elementare Zukunftsfragen, ist für einen Welterbe-Standort höchst ungewöhnlich. „Zollverein ist das Symbol für den Wandel der einstigen Kohle- und Stahlstadt Essen und des ganzen Ruhrgebiets“, erklärt Noll. „Erhalt durch Umnutzung ist unsere Devise.“

Der Architekt Rem Koolhaas entwarf dazu 2002 den Masterplan Zollverein. Hans-Peter Noll: „Die Stiftung Zollverein arbeitet seit Jahren daran, die ehemalige Industrieanlage einerseits als einmaliges industriehistorisches Welterbe zu erhalten und gleichzeitig neue Impulse für die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung dieses zentralen Standortes im Essener Norden zu verwirklichen.“

Ein wichtiger Schritt zur zukunftsorientierten Nutzung war auch die Ansiedlung des zweiten Campus der Essener Folkwang Universität der Künste auf dem Gelände. Seit genau einem Jahr ist der Fachbereich Gestaltung mit seinen Studienprogrammen Fotografie, Industrial Design, Kommunikationsdesign, Kunst- und Designwissenschaft im Quartier Nord auf dem alten Materiallagerplatz der Zeche zuhause. Werkstätten, Ateliers, Labors und Seminarräume für rund 500 Studierende und 70 Dozenten haben dort ihren Platz gefunden.

Während die Folkwang-Studierenden in ganz neuen Räumlichkeiten lernen und werken, zogen andere Neunutzer des Zollvereins in historische Bauwerke ein: In dem denkmalgeschützten Kammgebäude befinden sich seit der Instandsetzung 2016 Büros, Werkstätten und Showrooms. Die frühere Gassauger- und Kompressorenhalle ist seit 2017 eine Event-Location und das große Stellwerk, wo einstmals der Schienenverkehr auf Zollverein geregelt wurde, wurde von einem privaten Investor zum Unternehmenssitz eines Pflegedienstes umgebaut. Im kommenden Jahr soll außerdem ein Hotel in unmittelbarer Nachbarschaft der einstigen Gründerschachtanlage 1/2/8 eröffnet werden.

Neben solchen gewerblichen Nutzungen kommt auch der Kulturstandort nicht zu kurz – ein neues Schaudepot für das Ruhr Museum soll im Jahr 2020 in die ehemalige Salzfabrik der Kokerei einziehen. „Diese und alle anderen Investitionen auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein sind Bausteine des Entwicklungskonzeptes ZOLLVEREIN 2020!“, erläutert Hans-Peter Noll. Die Stiftung Zollverein, deren Vorsitzender Noll seit Mitte des Jahres ist, trägt die Verantwortung dafür.

Seit der Schließung im Jahr 1986 ist die Umgestaltung und Neuausrichtung der Zeche Zollverein das größte Transformationsprojekt des Ruhrgebietes. 400 Millionen Euro öffentlicher Gelder wurden dafür bislang investiert. Inzwischen, so bilanziert Noll stolz, gebe es mehr als 2000 neue Arbeitsplätze, 40 Unternehmen überwiegend der Kreativwirtschaft und 500 Studenten. Mit rund 1,5 Millionen Besuchern im Jahr ist die Zollverein überdies nicht nur die wohl schönste, sondern auch die meistbesuchte Zeche der Welt.

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Autorin
Tina Krauthausen
Über die Stiftung Zollverein
Die gemeinnützige Stiftung wurde 1998 von der Stadt Essen und dem Land Nordrhein-Westfalen gegründet. Sie fördert Kultur und Denkmalpflege. Zentrale Aufgabe ist es, die Bestandsgebäude und Anlagen des UNESCO-Welterbes Zeche und Kokerei denkmalgerecht zu erhalten und für eine künftige Nutzung zu entwickeln. Die Stiftung trägt auch das Ruhr Museum.
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Dieser Text erschien zunächst als Editorial unserer Sonderpublikation “Stiftungen und Kulturerbe”, die Anfang Dezember der Zeitung “Die Welt” und dem Magazin “Arsprototo” der Kulturstiftung der Länder beilag.

Förderer der Sonderpublikation „Stiftungen und Kulturerbe“ sind das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, die Kulturstiftung der Länder, die Volkswagen Stiftung und die Wüstenrot Stiftung.

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