Die wohl schönste Botschaft unseres Landes

Thomas Mann mit seiner Tochter Elisabeth im Garten des Hauses in Pacific Palisades in den 1940er Jahren.
© Thomas-Mann-Haus-Pacific-Palisades
Thomas Mann mit seiner Tochter Elisabeth im Garten des Hauses in Pacific Palisades in den 1940er Jahren.

Frau Mertens, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt als Geschäftsführerin der Villa Aurora und des Thomas Mann House in Kalifornien. Hatten Sie bereits Gelegenheit, das Haus des Romanciers, das ihm von 1942 bis 1952 als Zufluchtsort im amerikanischen Exil diente, zu besuchen?

Heike Catherina Mertens: Ich war vor einem Jahr zu Gast in der Villa Aurora, in der Thomas Manns Schriftstellerkollege Lion Feuchtwanger von 1943 bis zu seinem Tod lebte, und habe eine Ausstellung für die Schering Stiftung, meinen damaligen Arbeitgeber, vorbereitet.

Das Thomas Mann House war damals, im Dezember 2017, noch eine Baustelle. Ich bin durch die Räume gelaufen und habe gedacht: Das kann doch niemals ein Residenzhaus werden, das ist doch viel zu klein – anders als die Villa Aurora, die doppelt so groß ist. Und auch der Garten des Thomas Mann House hat etwas sehr Privates. Doch es ist den Architekten gelungen, das Haus mit wenigen Eingriffen in eine komfortable Residenz zu verwandeln.

Das Thomas Mann House stand 2016 zum Verkauf, und eine breite Allianz aus Auswärtigem Amt, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie mehreren Stiftungen war sich rasch einig: Das Anwesen ist von nationalem Kulturerbe-Rang; wir müssen es erwerben. Was verkörpert dieses Haus?
Politisch und international betrachtet ist es der wichtigste Ort, an dem Thomas Mann gelebt hat. Hier entstand nicht nur sein Roman „Doktor Faustus“, sondern hier hat er in über 300 Artikeln und seinen berühmten, von der BBC ausgestrahlten Radioansprachen an „Deutsche Hörer“ als „Wanderprediger der Demokratie“ gewirkt. Er hat die drängenden politischen Probleme seiner Zeit thematisiert und die Werte der freiheitlichen Demokratie verteidigt. Das Thomas Mann House war ein Ort, an dem zeitgleich zur Barbarei des Nationalsozialismus deutsches Exil-Kulturleben stattfinden konnte. Hier ging die Elite der deutschen Intellektuellen und Kulturschaffenden ein und aus, und dieser lebendige Austausch findet hier heute wieder statt. In diesem geistigen Sinne muss man das Haus als nationales Kulturerbe betrachten. Und auch architektonisch steht es ja in der Tradition des Bauhauses und ist heute mit deutschen Designklassikern ausgestattet. Es ist die wohl schönste Botschaft unseres Landes.

Das Haus und die Stipendien der Fellows, die dort forschen und leben, werden von privaten Stiftungen und der Bundesrepublik gemeinsam finanziert. Welche Lernerfahrungen aus dieser Kooperation können Sie teilen?
Der im Oktober dieses Jahres verstorbene Berthold Leibinger hat sich als großer Thomas-Mann-Fan persönlich eingesetzt. Seine Stiftung finanziert großzügig die Innenausstattung sowie den Wiederaufbau der Bibliothek, denn die Original-Bände sind verloren. Neben der Berthold Leibinger Stiftung übernehmen die Robert Bosch Stiftung und die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung Fellowships. Ich glaube, aus dieser Kooperation kann man lernen: Wenn alle das gemeinsame Ziel haben, etwas von kulturellem Wert zu neuem Leben zu verhelfen, kann dies ganz unbürokratisch und schnell vonstattengehen.

Kann man sich den Wiederaufbau der Bibliothek als Detektivarbeit vorstellen?
Ja, schon. Für den Aufbau der Bibliothek – wir haben bereits 600 Bände erworben – ist unser Vorstandsmitglied Marianne Heuwagen in Kontakt mit vielen Menschen, die sich mit Thomas Mann beschäftigen. Erst kürzlich hat der Journalist und langjährige US-Korrespondent der ARD Wolf von Lojewski seine Sammlung an Erstausgaben, die teilweise mit Originalwidmung versehen sind, dem Thomas Mann House geschenkt. Es gibt zudem eine Liste von Büchern, die Thomas Mann besessen hat, und nach dieser Liste wird in Antiquariaten gesucht und gekauft.

Diese Bibliothek wie auch das gesamte Thomas Mann House sind – anders als die benachbarte Villa Aurora – für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wie werden Sie das, was dort gedacht und erarbeitet wird, der Öffentlichkeit zugänglich machen?
Die Homeowner Association, also die Nachbarschaft, hat sich dafür stark gemacht, dass die Privatsphäre ihrer Wohnregion erhalten bleibt. Wir respektieren dies und sind froh, das Thomas Mann House überhaupt als Residenzhaus öffnen zu können. Wir machen aber die geistige Arbeit des Hauses öffentlich. Unsere Fellows haben den Auftrag, ihre Gedanken, ihre Forschungsergebnisse zu publizieren – in den USA und hier. Zudem organisieren wir Vortragsreisen und Symposien rund um den transatlantischen Dialog zu den Themen, die die Fellows mitbringen. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und eine der Fellows 2018, hat Forschungsreisen zu Universitäten absolviert, sie hat für die „Washington Post“ und die „Zeit“ geschrieben. Wir erstellen Videos, planen eine Podcast- und vielleicht eine Fernseh- Serie live aus dem Thomas Mann House.

Ich stelle mir vor, wie der Germanist und Lyriker Heinrich Detering und die Soziologin Jutta Allmendinger beim abendlichen Grillen im Garten über den Zustand von Demokratien in der Welt plaudern. Was erhoffen Sie sich von der bewussten Interdisziplinarität?
Aus den Forschungsthemen der Fellows versuchen wir Oberthemen zu clustern. Das werden im Jahr 2019 Obdachlosigkeit, Künstliche Intelligenz und Thomas Mann als amerikanischer Intellektueller sein. Dazu veranstalten wir Konferenzen und Programme, zu denen wir dann gezielt auch andere Personen einladen. An den Schnittstellen dieses interdisziplinären Dialoges entsteht eigentlich immer etwas Neues. Interdisziplinarität ist Inspiration.

Kalifornien ist ein traditionell demokratischer Bundesstaat. Wen genau wird der transatlantische Dialog adressieren?
Es ist hehr und zugleich vermessen, zu glauben, dass man mit einem sehr intellektuellen Programm alle Bevölkerungsschichten eines Landes erreichen kann. Um möglichst viele und vor allem auch junge Menschen nicht nur in Kalifornien, sondern auch im Mittleren Westen anzusprechen, arbeiten wir mit Universitäten und Radiostationen zusammen. Auch über Social Media werden wir Geschichten erzählen. Zudem überlegen wir, wie wir mit politischen und kulturellen Aktivistengruppen vor Ort Kontakt aufnehmen können.

Das „Weiße Haus des Exils“ nannte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Thomas Mann House. Wie nähern Sie sich dem Begriff des Exils heute?
Exil ist einer der ganz wichtigen Oberbegriffe für unsere Arbeit, weil sich aus den Exilerfahrungen Lion Feuchtwangers und Thomas Manns natürlich Themen und Fragen ergeben, die bis heute relevant sind. Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht! Der Geschichts-Switch ist interessant: Damals war Deutschland der Ort, aus dem die Menschen flüchten mussten, und heute sind wir ein Land, in dem Menschen Zuflucht suchen, vor totalitären Systemen, vor Armut und Krieg. Diese Rolle müssen wir reflektieren.

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Das Interview führte:
Katrin Kowark

Pressesprecherin
Telefon (030) 89 79 47-77

Mobil (0176) 24 02 45 49

Twitter @Katkowa

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Dieser Text erschien zunächst als Editorial unserer Sonderpublikation “Stiftungen und Kulturerbe”, die Anfang Dezember der Zeitung “Die Welt” und dem Magazin “Arsprototo” der Kulturstiftung der Länder beilag.

Förderer der Sonderpublikation „Stiftungen und Kulturerbe“ sind das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, die Kulturstiftung der Länder, die Volkswagen Stiftung und die Wüstenrot Stiftung.

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