Fii alături heißt: sei dabei

Die Bürgerstiftung Barnim Uckermark arbeitet mit zugewanderten Roma. Auch wenn der Zugang zu den Gruppen nicht immer leicht ist, gelingt er am besten über konkrete Angebote für Frauen und Kinder. Einblicke in ein Patenschaftsprojekt für Roma-Familien

„Die Roma werden seit Jahrhunderten ausgebeutet, diskriminiert, vertrieben und verfolgt. Das hat diese Menschen geprägt.“
Kai Jahns - Geschäftsführer der Bürgerstiftung Barnim Uckermark
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Den Bedarf, zugewanderten Roma mehr Sichtbarkeit zu verschaffen, erkannte Kai Jahns, als sich vor einigen Jahren immer mehr Roma-Familien in der brandenburgischen Kleinstadt Eberswalde niederließen. In Berlin zu Dumpinglöhnen auf Baustellen oder in Hotels beschäftigt, wurden sie in renovierungsbedürftigen Immobilien am Rand der Hauptstadt untergebracht. Jahns ist Geschäftsführer der Bürgerstiftung Barnim Uckermark und seit Jahren in der Antidiskriminierungs- und Integrationsarbeit aktiv. Mithilfe von rumänischstämmigen Roma-Aktivistinnen, die sich selbst Romnja nennen, kam er mit den Menschen ins Gespräch. „Die Roma werden seit Jahrhunderten ausgebeutet, diskriminiert, vertrieben und verfolgt. Das hat diese Menschen geprägt“, sagt Kai Jahns. „Allein der Zugang zu den einzelnen Gruppen stellt deshalb ein großes Problem dar.“

Während die schnelle und nachhaltige Integration von Geflüchteten den öffentlichen Diskurs bestimmt, stehen andere Gruppen von Zuwandernden weniger im Fokus. Dies gilt auch für die Gruppe der Roma, welche insbesondere als Folge des Freizügigkeitsabkommens verstärkt aus Südosteuropa nach Deutschland kommen. Zwar sind die Roma, zusammen mit den Sinti, als ethnische Minderheit in Deutschland und in Europa anerkannt, in ihren Herkunftsländern sind sie jedoch nach wie vor Diskriminierung ausgesetzt.

Es herrscht große Unkenntnis

Doch auch hierzulande bestehen gegenüber den Roma nach wie vor starke Vorurteile, was ihre Integration zusätzlich erschwert. So handelt es sich um diejenige Zuwanderungsgruppe, gegenüber welcher seitens der deutschen Bevölkerung die größte Ablehnung besteht – noch vor der Gruppe der muslimischen Eingewanderten, wie eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigte. Gleichzeitig gibt es keine andere Gruppe, über deren Geschichte und Kultur in Deutschland größere Unkenntnis herrscht.

Als eine von vielen Stiftungen, die sich die Chancengleichheit der neu einwandernden Roma zum Ziel gesetzt hat, hat die Bürgerstiftung Barnim Uckermark ein Patenschaftskonzept gewählt. In diesem Format findet ein direkter Austausch zwischen Einheimischen und Zuwandernden statt, der das interkulturelle Verständnis auf beiden Seiten fördert. Seit zwei Jahren betreut das Team aus hauptamtlichen Koordinatorinnen sowie ehrenamtlichen Patinnen und Paten eine Gruppe von 20 rumänischen Roma in Eberswalde und seit Kurzem eine Gruppe von rund 60 bulgarischen Roma im benachbarten Bernau.

Die Skepsis der Roma gegenüber Fremden könne nur mit konkreten Angeboten und mithilfe der dolmetschenden Romnja überwunden werden, weil die Roma „eine sehr eingeschworene und verschlossene Gruppe“ seien. Dabei müsse zunächst der Wert von Bildung an sich vermittelt werden. Der erste und wirksamste Anknüpfungspunkt zwischen den Engagierten und den Roma-Familien seien deshalb immer die Kinder, erzählt Kai Jahns. Durch Angebote wie Hausaufgabenbetreuung, Spiel- und Freizeitaktivitäten oder einem Jugendtheater würden alle Mitglieder der Community erreicht. Eine weitere Herausforderung stelle das patriarchalische Rollenverständnis der Roma dar. Mädchen würden schon früh in Haushaltsaufgaben eingebunden, ihre Perspektive auf ein unabhängiges Leben sei in der Folge gering. Der Fokus der Bürgerstiftung liegt deshalb explizit auf der Bildung der Kinder und Jugendlichen sowie auf dem Empowerment der Frauen.

In dem breit angelegten Projekt namens „Fii alături! – sei dabei!“ erhalten sie ein systematisches Coaching und werden über die Geschichte der Verfolgung der Roma sowie über Menschen- und Kinderrechte aufgeklärt. Zudem wird ihnen wirtschaftliches Basiswissen vermittelt. Für die Männer der Gruppen sei gerade die Aussicht auf ein Einkommen relevant. „Die Erkenntnis, dass auch die Frauen dazu beitragen können, ist ein wesentlicher Faktor für die Offenheit aller Beteiligten“, sagt Jahns.

Über den gesamten Zeitraum hinweg werden die Familien von ehrenamtlichen Patinnen und Paten begleitet. Über einen Gesamtzeitraum von zwei Jahren hinweg sei allmählich ein stabiles Vertrauen innerhalb der Tandems gewachsen, erzählt Kai Jahns. Bei der Auswahl der Paten kommt dem Team der Bürgerstiftung die jahrelange Erfahrung mit der stiftungseigenen Freiwilligenagentur zugute. Dabei sei die zusätzliche Unterstützung durch die Romnja unerlässlich. „Der Aufwand ist insgesamt wirklich enorm“, sagt Jahns. „Zu sehen, welche Potenziale in der Arbeit mit den Roma-Familien verborgen liegen, ist es aber wert.“

Patenschaften als Erfolgsprinzip

Nicht nur in ihren Projekten setzt die Bürgerstiftung auf Kooperation. Auch das Förderkonzept ist breit aufgestellt und setzt sich aus Mitteln der Freudenberg Stiftung und des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen – Chancenpatenschaften“ zusammen. Das vom Familienministerium finanzierte Programm fördert Projekte, die für die Erhöhung von Teilhabechancen benachteiligter Personengruppen auf das Prinzip Patenschaften setzen. Auch aus Kai Jahns’ Sicht stellt dieses Format das geeignetste Instrument zur Integration der Roma-Familien dar. „Ohne individuelle Begleitung geht es nicht. Und die hier aktiven Romnja könnten diese allein nicht leisten.“

„Wenn wir von Vielfalt in der Gesellschaft sprechen, müssen wir immer auch die Diversität innerhalb einzelner Gemeinschaften beachten.“
Kai Jahns - Geschäftsführer der Bürgerstiftung Barnim Uckermark
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Und so haben er und sein Team trotz aller Herausforderungen Erfolg: Innerhalb der letzten zwei Jahre konnten alle Mitglieder der in Eberswalde lebenden Roma-Community erreicht und aktiviert werden. Zwei von ihnen sind über die Bürgerstiftung sogar angestellt worden. Für das Gesamtziel aller Aktivitäten, nämlich ein nachhaltiges Selbstmanagement aller Roma-Familien, braucht es Jahns zufolge jedoch einen langen Atem. „Wenn wir von Vielfalt in der Gesellschaft sprechen, müssen wir immer auch die Diversität innerhalb einzelner Gemeinschaften beachten. Die Geflüchteten aus Syrien, Somalia und anderen Ländern kann man ebenso wenig miteinander vergleichen wie die Roma aus Rumänien mit jenen aus Bulgarien“, erläutert Jahns. Wenngleich die Wirksamkeit von Patenschaften mittlerweile von der Politik erkannt wurde, fällt die finanzielle Förderung noch immer kaum nachhaltig aus. So könnte das Budget des Familienministeriums für die Chancenpatenschaften im kommenden Jahr um mehr als die Hälfte gekürzt wird. Doch Kai Jahns, da ist er sich sicher, wird mit seinem Team auch dann eine Lösung finden. Getreu dem Motto der Bürgerstiftung: „Menschen verbinden, Zukunft gestalten“.

Autor
Kristina Bauerreiß

Referentin Programm "Chancenpatenschaften"
Telefon (030) 89 79 47-83

Alle Beiträge von Kristina Bauerreiß
Beitrag aus: Stiftungswelt Herbst 2019

Magazin Stiftungswelt

Geschlechtergerechtigkeit
Foto: Halfpoint - stock.adobe.com

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