Wohlfahrtsverbände und Sozialunternehmen beschließen Kooperation

Kapital und Wirkung
Bundesverband Deutscher Stiftungen

Fünf große Wohlfahrtsverbände, das Social Entrepreneurship Netzwerk und der Bundesverband Deutscher Startups arbeiten zukünftig enger zusammen. Auch die Zusammenarbeit mit Stiftungen soll weiter ausgebaut werden.

Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Deutsche Caritasverband (DCV), das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Diakonie Deutschland (DD) und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) haben mit dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) und dem Bundesverband Deutscher Startups (Startup Verband) eine gemeinsame Erklärung verabschiedet. In dem mit „Gesellschaftlicher Fortschritt braucht soziale Innovation“ betitelten Papier werden eine vertiefte Kooperation der Verbände angekündigt und Forderungen an die Politik gestellt. Diese Form der Zusammenarbeit von traditionsreichen Wohlfahrtsorganisationen und Sozialunternehmen ist neu – trifft jedoch auch auf Kritik.

Wertorientierte Lösungen gesellschaftlicher Probleme 

Der demografische Wandel, die Digitalisierung und die Förderung des sozialen Zusammenhalts bedürfen „neuer Kooperationen und gemeinschaftlicher Lösungsansätze“, so die Einstiegsdiagnose des Positionspapiers (Quelle: https://bit.ly/2BiwsHd). Deshalb möchten die sieben Kooperationspartner ihre jeweiligen Stärken ins Spiel bringen und zusammen „wertorientierte Lösungen“ finden. Hierfür soll der Austausch zwischen den Partnern gestärkt und die gemeinsame Kommunikation ausgebaut werden. Geplant ist beispielsweise der Aufbau eines Netzwerkes zur Förderung sozialer Innovationen, ein intensivierter fachlicher Austausch und das Abhalten von nationalen und regionalen Konferenzen. 

Politik in der Pflicht 

Doch das Papier enthält nicht nur die Skizze einer Kooperationsvereinbarung, sondern auch einen politischen Appell: „Innovationen in der Sozial- und Gesundheitsbranche brauchen mehr als eine gute Idee“, so Peter Nehler, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, zum Positionspapier (Quelle: https://bit.ly/2SY2SxS). So seien neben strategischen Kooperationen und innovationsfreundlichen Kulturen in den Unternehmen „förderliche finanzielle Rahmenbedingungen“ nötig, um die Sozialwirtschaft in Deutschland zu stärken. Mit über 4,4 Millionen Beschäftigten und einer Bruttowertschöpfung von 165 Milliarden Euro stelle diese einen wichtigen Wirtschaftszweig dar.  

Gleichberechtigung des sozialen Sektors 

Die Wohlfahrtsverbände und Start-ups fordern letztlich den Staat dazu auf, die Förderbedingungen des sozialen Sektors an die der gewerblichen Wirtschaft anzugleichen. Konkret fordern die Kooperationspartner drei Dinge: 

  • Förderung sozialer Innovationszentren, die „Raum für Begegnung und Netzwerke schaffen, den Transfer von Ideen in die Praxis erleichtern und inter- und transdisziplinäre Ansätze fördern“ 
  • Den sozialen Sektor in die klassischen Innovationsprogramme einzubeziehen und „den Aufbau neuer Förderprogramme für den sozialen Sektor“ 
  • Ansprechstationen „in den verschiedenen Bundesministerien für das Thema soziale Innovationen und deren Vernetzung“ 

Kritik an strategischer Kooperation 

Mit dem Paritätischen Gesamtverband verweigert sich einer der großen deutschen Wohlfahrtsverbände der strategischen Kooperation. „Wir pflegen durchaus praktische Kooperationen mit Start-ups, wenn dies sinnvoll ist“, so Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider (Quelle: https://www.wohlfahrtintern.de/nc/koepfe/paritaeter/newsdetails/article/verband-schert-bei-kooperation-startup-sektor-aus/). Die Gemeinnützigkeit sieht er jedoch als wesentliches Unterscheidungsmerkmal vom gewerblichen Sektor an. Deshalb halte der Paritätische „abstrakte Grundsatzpapiere und Formalzusammenschlüsse oberhalb der Ebene praktischer Kooperationen nicht nur für überflüssig, sondern auch für wenig angebracht und zielführend“. 

Markus Sauerhammer, Vorsitzender des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland, bedauert diese Entscheidung. SEND sei wie der Paritätische Gesamtverband primär gemeinwohlorientiert. Der Deutsche Social Entrepreneurship Monitor, der Ende 2018 erstmalig erschien, zeigt zudem, dass 95 Prozent der Sozialunternehmer soziale Ziele für bedeutsamer erachten als ökonomische (Quelle: https://www.send-ev.de/uploads/dsem-2018_web.pdf).  

Neue Wege für Stiftungen? 

Gegenüber dem Bundesverband Deutscher Stiftungen betonte Sauerhammer zudem, die Zusammenarbeit mit dem Stiftungssektor ausbauen zu wollen: „Gerade im Hinblick auf die aktuellen und die vor uns liegenden gesellschaftlichen Herausforderungen sollten Akteure mit einem ähnlichen Werteverständnis und gleichen Zielen enger zusammenarbeiten“. Bereits die Aufbauarbeit des Social Entrepreneurship Netzwerks sei inhaltlich und finanziell durch Stiftungen gefördert worden. Mitte März finde zudem ein gemeinsamer Workshop von Social Entrepreneurs und Stiftungsvertretern statt. Eine vertiefte Zusammenarbeit könne aus Sicht von Sauerhammer darin bestehen, „gemeinsam bei der Politik darauf hinzuwirken, dass Gestalterinnen und Gestalter sowie Fördernde Sozialer Innovationen bessere Rahmenbedingungen bekommen“, so Sauerhammer. 

Autor
René Thannhäuser

Volontär Newsroom
Telefon (030) 89 79 47-32

Alle Beiträge von René Thannhäuser
Aktuelle Beiträge
Stiftungsrecht

Stiftungsrechtsreform: Referententwurf ist im Frühjahr 2020 zu erwarten

Die Stiftungsrechtsreform hat es in die Halbzeitbilanz der Bundesregierung geschafft. Zu den Hintergründen und den nächsten Schritten sprachen wir mit Marie-Alix Frfr. Ebner von Eschenbach, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiterin Recht und Politik des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

Mehr
Globales Engagement

„Die SDGs sind unsere Messlatte“

Michael Beier, Vorstandsvorsitzender der Heinz Sielmann Stiftung, über Fridays for ­Future und die Bedeutung von Stiftungen für den Klimaschutz.

Mehr
Impuls

Blinde Flecken: Die Macht der Konzerne

Stiftungen haben blinde Flecken, Aspekte, die sie nicht wahrnehmen können oder wollen. Dr. Thilo Bode, Geschäftsführer von Foodwatch International, benennt die Macht der Konzerne als Blinden Fleck der Stiftungen.  

Mehr
Stiftungs-News

Kürzungen für Chancenpatenschaften in 2020 abgewendet

Das Patenschaftsprogramm „Menschen stärken Menschen. Chancenpatenschaften“ soll in 2020 mit 18 Millionen Euro in gleicher Höhe wie in 2019 weiter gefördert werden.

Mehr
Geschlechtergerechtigkeit

„Nicht frühzeitig kapitulieren“

Im Interview erklärt Prof. Dr. Berit Sandberg, wieso es noch immer geschlechter­spezifische Ungleichheiten in der Bezahlung von Führungspersonen gibt. Und was Frauen und Stiftungen dagegen tun können.

Mehr

Mehr zum Thema

Kapital und Wirkung

Finanzdokumentation leicht gemacht

Interview mit Dr. Stefan Fritz, Geschäftsführer der Erzbischöflichen Stiftungen und Entwickler vom "Stiftungscockpit". Dieses Tool zur sicheren Planung und Dokumentation des Finanzmanagements Ihrer Stiftungen können Sie hier herunterladen.

Mehr
Grundlagen beim Stiftungsvermögen
Theo Starck

Grundlagen Stiftungsvermögen

Rendite-Risiko-Profil, Anlagestrategie, Gesamtportfolio: Was muss man beachten, wenn man sich mit dem Vermögen der eigenen Stiftung auseinandersetzen möchte?

Mehr
Kapital und Wirkung

Die Fallen der Benchmarkorientierung

Viele Anleger begeben sich freiwillig oder unfreiwillig in eine Art Gefangenschaft und verpflichten sich, ein gewisses Anlageziel zu verfolgen. Welche Gefahren liegen in dieser Orientierung an einem "Benchmark"?

Mehr