Stiftungsvermögen – Zeit für neue Wege

Felix Oldenburg und Dieter Lehmann
Felix Oldenburg und Dieter Lehmann

„Stiftungsvermögen“ – dabei denken die meisten erstens an Geldvermögen, zweitens an Kapitalstockstiftungen, drittens an eine wohlhabende Stifterpersönlichkeit im Hintergrund. Die Wirklichkeit ist vielfältiger. Mit welchem Kapital Stiftungen ausgestattet sind, ist so vielfältig wie ihre Geschichte. Es gibt sie, seit Menschen aus Überschüssen der Landwirtschaft dauerhafte Einrichtungen für ihre Gemeinschaft bauten. Im Mittelalter entstanden kirchliche und auch erste säkulare (Anstaltsträger-) Stiftungen, von denen einige bis heute überdauern. Und Stiftungsvermögen kommen auch nicht nur von wohlhabenden Einzelpersonen. Nicht wenige unserer Ururgroßeltern waren Anstifter von Zoos oder Wohnungsbaugesellschaften im Kaiserreich, und heute gibt es mit den Bürgerstiftungen wieder eine Bewegung von Gemeinschaftsstiftern in fast jeder größeren Stadt.

Neue Verbindungen von "Kapital und Wirkung"

Wegen dieser Vielfalt liegt auch falsch, wer vermutet, dass alle Stiftungsvermögen heute angesichts anhaltend niedriger Zinsen in großen Schwierigkeiten sein müssten. Viele insbesondere der größeren Stiftungen, die direkt aus Gewinnen mit ihnen verbundener Unternehmen gespeist werden oder die eben selbst als Träger sozialer Unternehmungen wie Krankenhäusern wirtschaften, sind nicht von Kapitalmarktrenditen abhängig. Dennoch: Seit dem Sommer 2016, also auch dem Zeitpunkt, an dem die zehnjährige Bundesanleihe erstmals negativ rentierte, suchen mehr Stiftungen denn je nach neuen Wege in der Vermögensanlage, nach neuen Verbindungen von „Kapital und Wirkung“. Die Zeit drängt: Nach einer Befragung des Bundesverbands Deutscher Stiftungen von 2017 fürchteten über ein Drittel, die aktuelle Inflationsrate nicht zu übertreffen.

Patentrezepte gibt es keine, denn auch wenn für die meisten (je nach Rechtsform) der Kapitalerhalt aus dem Stiftungsrecht gilt, wird es schnell individuell. Oft machen die Satzungen zwingende Vorgaben, viele Anlagen sind von Größe und Kompetenz abhängig, und auch die Vorstellungen der regionalen Stiftungsaufsichten können sehr unterschiedlich sein. Die Niedrigzinsphase ist dennoch keineswegs ausweglos. Sie erfordert aber vielerorts ein Umdenken. Aktien und alternative Anlagen verdrängen alte Staatsanleihen, Pooling-Strategien nehmen an Bedeutung zu, aber auch die Kosten der Vermögensverwaltung können etwa mit passiven Instrumenten reduziert werden.

Stehen Wirkungen im Widerspruch zum Stiftungszweck?

Im Bundesverband glauben wir aber, dass die Zeit gekommen ist, weitere Fragen zu stellen, die international bereits eine breitere Resonanz haben. Kapitalanlagen sollten nicht nur nach ihrer Rendite, ihrem Risiko und ihrer Volatilität (die oft für Stiftungen weniger problematisch ist als für andere Anleger) beurteilt werden, sondern sie haben auch Wirkungen auf Gesellschaft und Umwelt. Wie die meisten institutionellen Investoren sehen es auch immer mehr Stiftungsentscheider als selbstverständlich an, mögliche negative oder gar im Widerspruch mit dem Stiftungszweck stehende Wirkungen so weit wie möglich zu verstehen und zu vermeiden. Dazu gibt es mittlerweile ein großes Universum an nachhaltigen Geldanlagen, die eine Divestition von einzelnen Titeln oder ganzen Branchen leicht machen.

Darüber hinaus können sie aber auch mit ihrer Vermögensanlage eine positive Wirkung anstreben. Dafür ist der Werkzeugkasten meist größer als die Verantwortlichen denken, und für Viele ist die Niedrigzinsphase ein Auslöser, neue Wege zu suchen – freilich nicht als kapitulierende Reaktion gegenüber der Niedrigzinsphase, nicht als Aufgabe von Ertragszielen, sondern um ein „mehr“ an Wirkung zu suchen, das man zusätzlich zu den Erträgen auch aus dem Vermögen selbst erwarten kann. Deutsche Stiftungen können bestehende und bewährte Anlagestrategien mit einer Ideenwelt ergänzen, die zumindest im deutschsprachigen Raum noch nicht diesen Stellenwert im Bewusstsein der Anlegergemeinschaft – und damit sind nicht nur Stiftungen gemeint – einnimmt, wenn man dies mit anderen Regionen dieser Welt vergleicht. Und natürlich sollen diese Ideen auch in einer Periode wieder höherer Zinsen fortgeführt und weiter ausgebaut werden.

Stiftungen in der Vorreiterrolle

Sollten Stiftungen dabei eine Vorreiterrolle einnehmen? Ja, denn als gemeinnützig tätige Institutionen sind gerade sie prädestiniert dafür. Die Erträge, die sie erwirtschaften, kommen gemeinnützigen Zwecken zugute. Kann das parallel dazu auch für das anzulegende Kapital selbst gelten? Warum nicht? Hier muss allerdings differenziert werden. Je spezifischer der Stiftungszweck festgelegt ist, desto leichter kann es sein, sogenanntes Mission Investing, also die Ausrichtung der Vermögensanlage selbst auf den Stiftungszweck, zu betreiben. Ein bekanntes historisches Beispiel hierfür sind Hospiz-Stiftungen, deren Vermögen oft ausschließlich im Hospiz-Gebäude selbst lag bzw. auch heute noch liegt. Moderne Beispiele, die diese Tradition fortführen, sind z.B. Stiftungen, die sich nach ihrem Stiftungszweck der Hilfe von Bedürftigen verschrieben haben und deshalb ihr Vermögen z.B. in soziale Wohnanlagen investieren. Was sich also manchmal neu und fremd anhört, kann man auch als Rückbesinnung auf die Stiftungstradition verstehen.

Für andere Stiftungen, die einen allgemeiner gefassten Stiftungszweck verfolgen, ist das oft nicht so leicht. Es fällt z.B. schwer, adäquate Anlagen in diesem Kontext für eine Stiftung zu finden, die Wissenschaft im Allgemeinen fördert. Hier passt dann eher das Impact Investing, also Anlagen, die vor allem bestimmten ethischen, moralischen oder auch ökologischen Wertvorstellungen entsprechen und auf diese Weise ihre gesellschaftliche Wirkung entfalten. Selbstverständlich darf dabei aber nicht der Auftrag der möglichst ertragreichen Vermögensanlage vernachlässigt werden, weil eine Stiftung der bestmöglichen Verwirklichung des durch die Satzung definierten Stiftungszwecks vor allem anderen verpflichtet ist.

Gesammelte Fallbeispiele: ein Werkzeugkasten für Stiftungen

Unbeschadet dessen ist es aber ein herausforderndes und reizvolles Ziel, dies mit einer zusätzlichen Rendite, sei sie durch Mission oder Impact Investing erzielbar, zu verbinden und somit die Wirkung der Kapitalanlage zu verdoppeln. In den vom Bundesverband Deutscher Stiftungen gesammelten Fallbeispielen und Expertenbeiträgen finden sich viele geeignete Instrumente, die aufzeigen, wie man das angehen kann. Sei es aus bereits gesammelten praktischen Erfahrungen anderer Stiftungen oder aus einer Sammlung der unterschiedlichsten Ideen und Anregungen sowie – nicht zu vergessen – der breiten Palette bereits vorhandener nachhaltiger Anlageprodukte. Am besten wäre es, einfach mal in den Werkzeugkasten hineinzuschauen und nach dem Werkzeug zu suchen, welches sich am besten zur Lösung meines ganz speziellen Anliegens eignet.

Es geht bei dieser Frage um noch mehr als die Perspektive des bereits in Stiftungen gebundenen Vermögens. Es geht auch darum, das freie Vermögen zu gewinnen, das sozusagen „vor der Tür“ der Stiftungen steht. Diesem kann die Stifterin oder Stifter eigene und neue Regeln geben.

Auch wenn nicht jedes Werkzeug in jede Hand passt: Der Werkzeugkasten des Stiftens ist viel größer als die meisten annehmen, und immer mehr Stiftungen interessieren sich dafür, ihre Freiräume zu erweitern. Dafür braucht das Stiftungswesen aber nicht nur mehr und neue Kompetenzen, es fordert auch seine Dienstleister heraus, neue Angebote zu entwickeln - und die Politik, den Rahmen für die Vermögensanlage weiter zu entwickeln: als Unterstützung für die bereits bestehenden Stiftungen genauso wie als Einladung an eine nächste Stiftergeneration.

Autoren

Felix Oldenburg, von 2016 bis 2020 Generalsekretär im Bundesverband Deutscher Stiftungen

Dieter Lehmann ist Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter der Vermögensanlage der Volkswagen Stiftung in Hannover. Er leitet den Arbeitskreis Stiftungsvermögen im Bundesverband Deutscher Stiftungen.
Volkswagen Stiftung
Arbeitskreis Stiftungsvermögen

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