Mein Jahr im Amt

Die Pressesprecherin des Bundesverbandes, Katrin Kowark, hat 13 Monate lang die Seiten gewechselt und im Auswärtigen Amt an der besseren Verständigung von Ministerium und Stiftungen gearbeitet. Wie das zustande kam, warum es mehr Austausch zwischen den Sektoren braucht und wie das gelingen kann, erzählt sie hier.

Im November 2018 landete eine interne Stellenausschreibung bei den Kolleginnen und Kollegen der Geschäftsstelle des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen im Postfach. Gesucht wurde eine Person, die im Rahmen eines Personalaustauschs im Strategischen Dialog mit privaten Stiftungen im Auswärtigen Amt mitwirken wollte. Als Kulturmanagerin und Kulturjournalistin mit Kommunikationsexpertise für ein Jahr in der Kultur- und Kommunikationsabteilung des Auswärtigen Amtes arbeiten? Ich wollte.

Strategischer Dialog mit privaten Stiftungen

Im Februar 2019 begann mein Einsatz im Referat Strategie und Planung, der Abteilung Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amtes. Dort ist der Strategische Dialog mit privaten Stiftungen angesiedelt. Er wurde 2015 vom damaligen Außenminister Frank Walter Steinmeier (SPD) ins Leben gerufen. „Von einer Außenpolitik der Staaten zu einer Außenpolitik der Gesellschaft“ lautet die Überlegung dahinter. Auftakt des Dialogs war ein Symposium zum Austausch über intersektorale Netzwerke. Die dort gehaltenen Workshops mündeten in die Gründung von Arbeitsgruppen zu Afrika, MENA (Middle East & North Africa), Russland/Ukraine sowie Europa (angeschlossen an das Stiftungsnetzwerk Engagierte Europäer*innen). Seitdem tauschen sich zwei weitere Arbeitsgruppen regelmäßig zu internationaler Netzwerk- und Alumniarbeit und der Weiterentwicklung des Dialogs (Governance) aus. Geleitet werden die AGs dabei paritätisch von Mitarbeitenden aus dem AA und unterschiedlichen Stiftungen. Aus dem Strategischen Dialog sind gemeinsame Projekte wie Kick for Europe oder Music in Africa connects entstanden.

Ein weiterer Baustein ist der Personalaustausch. Vor mir waren eine Kollegin der Robert Bosch Stiftung und ein Kollege der VolkswagenStiftung zum Seitenwechsel im Ministerium. Aus dem Amt arbeitete eine Kollegin bei der Robert Bosch Stiftung und aktuell ist ein Kollege in den Bundesverband Deutscher Stiftungen, Bereich Internationales, entsendet.

Meine Aufgaben im Strategiereferat waren vielfältig. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Referats entwickelte ich den Dialog bezogen auf neue Inhalte, Formate, Methoden sowie Zielgruppen weiter. Daneben war ich in den Alltag des Strategiereferats eingebunden, setzte Projekte um, moderierte den Abteilungstag oder war an der Konzeption von Strategien für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik beteiligt.

Mein Fazit nach 13 Monaten: Eine lehrreiche Zeit, die mir ein tieferes Verständnis für das Verwaltungshandeln gegeben hat. Ich habe eine große Offenheit gegenüber zivilgesellschaftlichen Ansätzen festgestellt. Die Einbindung von Stiftungen, Think Tanks und anderen in die Außenpolitik gehört mittlerweile zum Standardrepertoire. Gleichwohl bleibt es herausfordernd von Austausch und Netzwerken zu Kooperationen zu gelangen. Gerade hier kann Personalaustausch, verstanden als Transmissionsriemen zwischen Verwaltungs- und Stiftungslogik, einen wesentlichen Beitrag leisten.

Wissenstransfer möglich machen: Die Geschichte einer guten Idee

Seit 2004 sind Wechsel zwischen den Sektoren formalisiert. Der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) rief das Programm „Seitenwechsel“ ins Leben, um „die bestehenden Grenzen zwischen den Sektoren abzubauen und Wissenstransfer zu ermöglichen“. Als externe Personen werden jene bezeichnet, die außerhalb des öffentlichen Dienstes in einem Arbeitsverhältnis stehen und vorübergehend in der Bundesverwaltung tätig sind. Dabei bleibt das Arbeitsverhältnis zum entsendenden Arbeitgeber bestehen. Schon die Definition macht deutlich, dass die Entsendung häufig nur in eine Richtung geht. Echte Personalaustauschformate sind meiner Erfahrung nach selten.

Seit 2008 wird der Einsatz externer Personen zumindest quantitativ – qualitative Untersuchungen stehen bisher aus – dokumentiert: Während im zweiten Halbjahr 2011 noch 70 Externe in Bundesministerien beschäftigt waren, gab es 2018/19 lediglich zwölf. Die meisten, so das Bundesministerium des Inneren (BMI), das jährlich dem Haushalts- und Innenausschuss des Deutschen Bundestages berichtet, stammen aus bundesnahen, gemeinnützigen oder wissenschaftlichen Einrichtungen. Das war nicht immer so. Der Rückgang der Zahlen hängt auch damit zusammen, dass in einigen Fällen Interessenskonflikte bestanden und vor allem die Entsendung aus Wirtschaftsunternehmen zunehmend kritisch gesehen wurde. 

Multistakeholder-Ansatz gerade jetzt!

Das ist schade. Denn wie erfolgreich Organisationen, Stiftungen und Ministerien, agieren, hängt damit zusammen, wie erfolgreich sie sich in einer komplexen, volatilen und vielstimmigen Welt positionieren und mit Lösungen beitragen können. Multistakeholder Management oder Multistakeholder Governance heißen die Gebote der Stunde. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Input aus verschiedenen Akteursgruppen – staatlichen, zivilgesellschaftlichen, wirtschaftlichen – nötig ist, um Herausforderungen anzugehen. Und – fast noch wichtiger – diese auf breitem Wissen basierenden Ansätze dadurch eine höhere Legitimation in der Gesellschaft erlangen. Die evidenz- und wissenschaftsbasierte Politik zur Bekämpfung von Covid-19 ist hierfür aktuell ein gutes Beispiel.

Was also tun, wenn die Notwendigkeit auf der Hand liegt, das Modell des Seitenwechsels, als EIN Instrument innerhalb des Multistakeholder Managements, aber ins Abseits zu geraten droht?

Hier drei Lösungsansätze:

1. Transparenz und Augenhöhe
Bereits jetzt ist der Einsatz externer Personen streng reglementiert in der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zum Einsatz von außerhalb des öffentlichen Dienstes Beschäftigten (externen Personen) in der Bundesverwaltung. Die Vorschriften dort regeln Einsatzgebiet und Darstellung und schaffen Klarheit und Transparenz. Förderlich für noch mehr Transparenz und das Bewusstsein, dass da Gutes entsteht, ist, wenn wir verstärkt davon berichten, welche positiven Effekte der Einsatz von Wissenschaftlerinnen oder Vertretern gemeinnütziger Organisationen hatte. Auch eine qualitative Untersuchung könnte dieses Vakuum füllen. Wichtig auch: Je mehr der Seitenwechsel als echter Personalaustausch organisiert wird, umso eher wird Augenhöhe zwischen den Organisationen hergestellt. Ein 1-zu-1-Austausch ist zudem auch für viele gemeinnützige Einrichtungen eine finanziell machbare Option.

2. Themenbezogener Personalaustausch
MINT-Bildung für Schüler und Jugendliche, die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement oder die Bekämpfung der Klimakrise könnten weitere intersektorale Themenfelder und damit Einsatzdestinationen für einen wechselseitigen Personalaustausch auch mit und in anderen Ministerien der Bundesregierung sein. Die Notwendigkeit der Bearbeitung dieser Themen unterliegen einem breiten gesellschaftlichem Konsens und gleichzeitig sind die Herausforderungen zu komplex, um nur von Verwaltung oder nur von Stiftungen geschultert zu werden.

3. Projektbezogene und kuratierte Mitarbeit
Spezifische Bedarfe der Verwaltung mit externer Digital-Expertise zusammenbringen. Dies ist das Erfolgsmodell von Tech4Germany. Das Fellowship-Programm Tech4Germany matcht Expertinnen und Experten aus Technologie, Produktentwicklung und Design für drei Monate mit Ministerien. Diese konnten zuvor Projekte, bei denen zusätzliche Digitalkompetenz nötig ist, zur Auswahl einreichen. Entstanden ist auf diese Weise zum Beispiel das neue Rotationsportal des Auswärtigen Amtes, eine Datenbank mit individuellen Planungsangeboten für die rund 2.000 Kolleginnen und Kollegen des Außenministeriums, die jeden Sommer ihren Posten wechseln. Hinter Tech4Germany steht 4Germany, ein unabhängiges, aber staatlich finanziertes Non-Profit. Die Fellows erhalten für die Dauer ihres Einsatzes ein Stipendium und können von ihren Arbeitgebern freigestellt werden. Für die nächste Runde können sich Techies – auch aus Stiftungen! – noch bis zum 19. April bewerben.

Wie erfolgreich diese Idee einer digital(er)en und vernetzen Verwaltung bereits ist, zeigte sich Ende März, als eine der Gründerinnen von Tech4Germany gemeinsam mit anderen Organisationen und dem Bundeskanzleramt mit WirvsVirus den weltweit größten Hackathon, einen digitalen Beteiligungsprozess in der Corona-Krise, geschaffen haben.

Kontakt:

Katrin Kowark: katrin.kowark[at]stiftungen[punkt]org

Strategischer Dialog: strategischer-dialog[at]diplo[punkt]de

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