Klischeefrei für MINT begeistern – wie geht das?

Vorstandsvorsitzender Michael Fritz (links) und Vorständin Angelika Dinges (rechts)
Geschlechtergerechtigkeit
Foto: Heidi Scherm/Stiftung „Haus der kleinen Forscher“

"Das ist nur etwas für Jungs." – "Das ist doch Mädchensache!" Kinder werden häufig mit Geschlechterstereotypen konfrontiert. Mal sind es Floskeln, die ihren Bezugspersonen unbedacht über die Lippen rutschen. Mal tiefer ankernde Vorstellungen eines veralteten Rollenbildes, die noch nicht überwunden sind. Viel zu oft wirken sich derartige Klischees auf die schulische und sogar berufliche Laufbahn der Mädchen und Jungen aus.

Die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ – Deutschlands größte Initiative für frühe MINT-Bildung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) für nachhaltige Entwicklung – fördert eine klischeefreie Lernumgebung. Wie das gelingt und welche Rolle dabei Vorbilder und eine geschlechtersensible Kommunikation spielen, verraten Michael Fritz, Vorstandsvorsitzender und Angelika Dinges, Vorständin der Bildungsstiftung im Interview.

Neugier und Entdeckergeist bewahren

Seit 2006 qualifiziert die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ pädagogische Fach- und Lehrkräfte dafür, Mädchen und Jungen von der Kita bis zur Grundschule beim Entdecken und Forschen zu begleiten. Über Themen aus dem MINT-Bereich wird somit das natürliche Interesse der Kinder gefördert, ihre komplexe Welt Schritt für Schritt zu verstehen. Was genau heißt das?
Michael Fritz: Mädchen und Jungen bringen Neugier und Entdeckergeist mit. Sie wollen ihre Umwelt erkunden und begreifen. Aus jeder neuen Entdeckung ergeben sich unzählige neue Fragen. Mit unserem Fortbildungsprogramm tragen wir dazu bei, dass Kinder diesen Fragen auf forschende Weise nachgehen können und dabei immer wieder ihre Selbstwirksamkeit erleben.

Nun sind es jedoch gerade jene MINT-Fächer, die vor allem in der Schule und späteren Berufswahl bei Mädchen unbeliebter scheinen als bei Jungs. Noch immer klafft eine Lücke zwischen den Anteilen von Männern und Frauen in MINT-Berufen, oft als „Gender Gap“ bezeichnet. Müssen Mädchen denn anders für Mathe oder Physik begeistert werden als Jungs?
Angelika Dinges:
Wir unterscheiden nicht zwischen Mädchen und Jungen, denn alle Kinder erforschen gleichermaßen ihre Umwelt und sind von mathematischen Phänomenen oder Phänomenen der Natur fasziniert. Dieses Interesse, diese Neugierde, diese Freude an MINT wollen wir bewahren, da wir davon ausgehen, dass spätere geschlechtsabhängige Interessenunterschiede vor allem durch die unterschiedliche Sozialisation beeinflusst sind. Ein Beispiel dafür? Studien zeigen, dass geschlechterstereotype Überzeugungen von Vätern gegenüber Mathematik ("Zahlen sind mehr was für Jungs") sich hemmend auf das Interesse ihrer Töchter an Mathematik auswirken. Und wir wollen allen Kindern die Erfahrung ermöglichen: "Ich kann MINT!"

Tatsächlich ist das Interesse von Vorschulkindern an MINT-Themen – insbesondere mit Blick auf Geschlechtsunterschiede – bisher nicht ausreichend erforscht. Es ist jedoch davon auszugehen, dass eine sozial beeinflusste Selbstwahrnehmung häufig dazu führt, dass Mädchen einen anderen Berufsweg einschlagen als ihre männlichen Mitstreiter. Laut einer Studie zu Geschlechtsunterschieden in der frühen MINT-Bildung werden MINT-Fächer bereits in der Grundschule mit Männlichkeit assoziiert, wenn die entsprechenden Lehrberufe von Männern dominiert werden. Ebenso wirkt sich eine ängstliche Haltung gegenüber diesen Fächern aufseiten des weiblichen Lehrpersonals negativ auf die Selbstwahrnehmung der Schülerinnen aus.
Michael Fritz:
In den Kitas sind die pädagogischen Fach- und Lehrkräfte natürlich auch Rollenvorbilder. Und 94 % dieser Fachkräfte sind Frauen. Wenn diese nun gemeinsam mit den Kindern erleben, dass MINT-Themen spannend sind und sie ihren Spaß am Forschen und Entdecken haben, hat das auch einen positiven Einfluss auf die Geschlechterbilder. In unseren Fortbildungen begeistern wir Pädagoginnen und Pädagogen gleichermaßen für MINT-Themen. Das ermutigt und unterstützt sie dabei, eine positive Einstellung zu Mathe, Naturwissenschaft, Informatik und Technik weiterzutragen.

Das „Haus der kleinen Forscher“ ist auch Teil der Initiative Klischeefrei, die sich starkmacht für eine Berufs- und Studienwahl frei von Geschlechterklischees. Wie macht sich das denn sonst noch in der täglichen Arbeit bemerkbar?
Angelika Dinges:
Wir setzen ganz am Anfang an: Mädchen und Jungen sollen gar nicht erst mit Geschlechterklischees in Bezug auf MINT konfrontiert werden. Darum achten wir auch in unserer Kommunikation darauf, geschlechtersensibel zu sein, beispielsweise sprechen wir von Mädchen und Jungen, Erzieherinnen und Erziehern – und ich bin Vorständin im Vorstandsgremium. Auch bei unserer Bildauswahl legen wir Wert darauf, Mädchen und Jungen gleichermaßen abzubilden (und generell Diversität zu zeigen).

Autorin

Julia Oberthür
Referentin Presse, Public Affairs und Digitale Kommunikation
Stiftung Haus der kleinen Forscher

Über die Stiftung

Die gemeinnützige Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ engagiert sich für gute frühe Bildung in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) – mit dem Ziel, Mädchen und Jungen stark für die Zukunft zu machen und zu nachhaltigem Handeln zu befähigen. Gemeinsam mit ihren Netzwerkpartnern vor Ort bietet die Stiftung bundesweit ein Bildungsprogramm an, das pädagogische Fach- und Lehrkräfte dabei unterstützt, Kinder im Kita- und Grundschulalter qualifiziert beim Entdecken, Forschen und Lernen zu begleiten.

Das „Haus der kleinen Forscher“ verbessert Bildungschancen, fördert Interesse am MINT-Bereich und professionalisiert dafür pädagogisches Personal. Partner der Stiftung sind die Helmholtz-Gemeinschaft, die Siemens Stiftung, die Dietmar Hopp Stiftung und die Deutsche Telekom Stiftung. Gefördert wird sie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

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