Intersexualität und das Recht auf körperliche Unversehrtheit

Geschlechtergerechtigkeit
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Am 26. Oktober 2004 wurde der Welttag der Intersexualität ins Leben gerufen. Anlässlich dieses Tages sprachen wir mit Prof. Dr. Robin Bauer von der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung über Intersexualität in unserer Gesellschaft und das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Bild: Robin Bauer

Am 26. Oktober ist der Welttag der Intersexualität. Für Menschen, die sich noch nicht mit der Thematik auseinandergesetzt haben: Was genau ist Intersexualität?
Prof. Dr. Robin Bauer: Intersexualität ist ein aus der modernen Medizin stammender Begriff, der wörtlich übersetzt Zwischengeschlechtlichkeit bedeutet. Die moderne Biologie und Medizin gehen davon aus, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt – Mann und Frau. Dieses sogenannte biologische Geschlecht wird anhand verschiedener Kriterien bestimmt: Geschlechtschromosomen (XX-Satz bei Frauen, XY bei Männern), Hormonspiegel, Fortpflanzungsorgane (Hoden/Eierstöcke) und genitale Anatomie (Penis/Vagina & Klitoris). Nun gibt es jedoch Menschen, die mit anderen Körpern auf die Welt kommen, die also in dieses Schema nicht passen. Ihre Körper sind zwischen den beiden Polen männlich und weiblich angesiedelt. 

Und wie sieht die moderne Medizin diese zwischengeschlechtlichen Körper?
R. Bauer: Die moderne westliche Medizin interpretiert das als Störung der Geschlechtsentwicklung. In unserem Kulturkreis wurden und werden daher seit ca. 100 Jahren intergeschlechtliche Menschen im Kleinkindalter, in dem sie noch keine eigenen Entscheidungen treffen können, mit chirurgischen Eingriffen an die Standardmodelle „männlich“ oder „weiblich“ angepasst. Jedoch muss dazu deutlich gesagt werden, dass Intergeschlechtlichkeit per se keine Krankheit darstellt, sondern es sich hier vor allem um für die Gesundheit der Individuen unnötige, kosmetische Operationen und Folgebehandlungen (z.B. Hormongabe) handelt. Dies hat traumatische Folgen für die Betroffenen und stellt eine Verletzung ihres Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit dar. Das Vorgehen der Medizin wird daher seit den 1990ern von der internationalen Intersex-Bewegung scharf kritisiert und ein Operations-Stopp, also ein Ende der Verstümmelung ihrer Körper, gefordert. 

Der Welttag der Intersexualität dient dazu, Aufmerksamkeit für intersexuelle Menschen zu schaffen. Wie steht es in Deutschland um die Rechte von Intersexuellen? Ist die Würde von intersexuellen Menschen in Deutschland unantastbar?
R. Bauer: Nein, leider ist die Würde von intergeschlechtlichen Menschen in Deutschland nicht unantastbar. Ihre körperliche Unversehrtheit ist nicht rechtlich abgesichert, sondern  ihre Körper können, ohne ihre Zustimmung im Kindesalter, einer gesellschaftlichen Norm angepasst werden. Diese Eingriffe wirken häufig traumatisierend und können z.B. mit dem Verlust der Orgasmusfähigkeit, der Fortpflanzungsfähigkeit und anderen schwerwiegenden Folgen einhergehen. Die Einführung eines dritten Personenstands „divers“, die auf eine erfolgreiche Klage einer intergeschlechtlichen Person vor dem Bundesverfassungsgericht zurückging, ist nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. 

Sie haben also Kritik an der erfolgten Reform?
R. Bauer: Zu kritisieren ist an der Umsetzung durch den Gesetzgeber, dass hier erstens intergeschlechtlichen Personen wieder keine Selbstbestimmung zugestanden wird, sondern der Eintrag als „divers“ nur mit einer Bescheinigung eines Arztes möglich ist, die bestätigt, dass man die Kriterien der Diagnose „Intersexualität“ erfüllt. Die Medizin entscheidet also weiterhin über die Identität von Menschen. Zweitens werden Kinder durch das Gesetz nicht vor kosmetischen medizinischen Eingriffen aufgrund der Intersexualität geschützt. Daher fordert die Intersex-Bewegung auch ein Gesetz, das diese medizinisch unnötigen Eingriffe an Kindern verbietet, um das Recht auf körperliche Unversehrtheit auch endlich für intergeschlechtliche Personen umzusetzen. Dann könnten intergeschlechtliche Menschen selbstbestimmt über den Umgang mit ihrem Körper entscheiden.

Mehr vom Interviewpartner

Mit Prof. Dr. Robin Bauer sprachen wir auch über Heteronormativität, gesellschaftliche Normen und Menschen, die diese unterlaufen.

Über den Interviewpartner

Prof. Dr. Robin Bauer ist seit 2019 ewiges Mitglied des Beirats der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung. Er ist Professor für Theorien der Diversität und Wissenschaftstheorien an der Fakultät Sozialwesen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Schwerpunkte seiner Forschung und Lehre sowie inseinem zivilgesellschaftlichen Engagement sind: Queere & Transgender Theorie und Politik, sexuelle Vielfalt, Sexualpädagogik der Vielfalt und Naturwissenschaftskritik. 

Über die Hannchen Mehrzweck Stiftung

Die Hannchen Mehrzweck Stiftung ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Berlin. Das Ziel Stiftung liegt darin, das Selbst­bewusst­sein, die Emanzi­pation und die Handlungs­spiel­räume von Lesben und Schwulen in der Gesell­schaft zu stärken. Dies geschieht vor allem durch Förde­rung von lesbi­schen und schwulen Projekten.

www.hms-stiftung.de

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