Gemeinsame Werte stiften Zusammenhalt

Seit 25 Jahren setzt sich die Stiftung Weltethos dafür ein, die Prinzipien interkulturell und interreligiös gültiger Werte stärker in der Gesellschaft zu verankern. Dabei geht es nicht nur darum, die global gemeinsamen Werte bewusst zu machen. Ziel ist es, über Bildungs- und Begegnungsprojekte dazu beizutragen, dass sie gelebt werden. Über Ansätze und Projekte der Stiftung haben wir mit Anja Kirchner, Bereichsleiterin Vielfalt und Soziale Innovation, Julia Willke, Bereichsleiterin Pädagogik, und Lena Zoller, Bereichsleiterin Interreligiöses und Gesellschaft, gesprochen. 

Ein gemeinsames Menschheitsethos als Basis

Chicago 1993: Unter Beteiligung von 6.500 Menschen diskutiert und verabschiedet das Parlament der Weltreligionen die „Erklärung zum Weltethos“. Rund 200 Vertreter*innen verschiedenster Religionen unterzeichnen sie und verständigen sich damit auf Kernelemente eines gemeinsamen Menschheitsethos, dem alle Glaubensgemeinschaften zustimmen können:

  • das Prinzip Menschlichkeit („jeder Mensch muss menschlich behandelt werden“),
  • die „Goldene Regel“ (verhalte dich gegenüber deinen Mitmenschen so, wie du selbst behandelt werden willst) und
  • vier „unverrückbare Weisungen“: Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben, Solidarität und Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Toleranz sowie Partnerschaft und Gleichberechtigung von Mann und Frau.
  • 2018 wird noch eine fünfte Weisung ergänzt: die Verpflichtung auf eine Kultur der Nachhaltigkeit und der Sorge für die Erde.

Auf dieser Basis arbeitet die Stiftung Weltethos in Tübingen, die sich für interkulturelle und interreligiöse Forschung, Bildung und Begegnung engagiert. Gegründet wurde sie 1995 von dem katholischen Theologen Prof. Dr. Hans Küng, der den Entwurf der Erklärung zum Weltethos erarbeitet hatte, und von Karl Konrad Graf von der Groeben, ein Philanthrop, der das Gründungskapital in Höhe von fünf Millionen D-Mark zur Verfügung stellte. Der Unternehmer hatte Küngs Buch „Projekt Weltethos“ gelesen und war so begeistert davon, dass er dem Autor anbot, dafür eine Stiftung zu gründen.

Bildung und Begegnung zusammendenken

„Ich denke, wir müssen viel mehr rausgehen, dahin, wo die Menschen sind“, meint Lena Zoller, Leiterin des Bereichs Interreligiöses und Gesellschaft. „Wir müssen Dialog anbieten und Begegnungen schaffen, mit einem breiten Angebot für viele Zielgruppen.“ So findet sich in ihrem Bereich denn auch eine große Vielfalt an Projekten und Angeboten für Erwachsene. Die Veranstaltungen verbinden häufig die Aspekte Bildung und Begegnung, erklärt Lena Zoller: „Es geht um Wissensbildung, aber vor allem auch um Herzensbildung durch die persönliche Begegnung von Menschen verschiedener Religionen und Kulturen.“

Lokale Räte der Religionen

Seit Ende 2017 führt die Stiftung zusammen mit dem Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg das Projekt „Lokale Räte der Religionen“ durch. Sie berät und begleitet Kommunen, die einen solchen Rat gründen wollen. „Das ist ein interreligiöses Gremium, dem Vertreter*innen der Kommune und von vor Ort ansässigen Glaubensgemeinschaften angehören“, erklärt Lena Zoller. Die Räte bringen sich zu kommunalen Fragen ein, die Religionsgemeinschaften vor Ort betreffen. Zum Beispiel im Hinblick auf die religionskompatible Friedhofsgestaltung und ein inklusives Speiseangebot in öffentlichen Einrichtungen.

Ziel ist es auch, die Kenntnis voneinander zu stärken, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam gegen Rassismus, Antisemitismus, Islam- und Fremdenfeindlichkeit einzutreten. Eingeladen werden jeweils alle Glaubensgemeinschaften, von denen sich vor Ort Ansprechpartner ermitteln lassen. Mindestens zehn Räte sollen im Rahmen des zunächst dreijährigen Projekts bis Ende 2020 auf den Weg kommen.

Projekte an und mit Schulen

Zwei ihrer größten Programme setzt die Stiftung in Zusammenarbeit mit Schulen um: Im worldlab begegnen sich Schüler*innen mit und ohne Zuwanderungserfahrung. Gemeinsam entwickeln sie ihre Werte des Miteinanders und setzen sie anschließend in einem Projekt um. Das Programm Weltethos-Schulen richtet sich an Schulen im deutschsprachigen Raum. Mit dem Titel verpflichten sie sich, die Weltethos-Idee fächerübergreifend in ihr Curriculum aufzunehmen und in ihrer Schulkultur zu leben.

Das worldlab ist eine dreiteilige Workshopserie, in der sich über 50 Schüler*innen begegnen können. Das Format kombiniert sogenannte Vorbereitungsklassen (Klassen, in denen zugewanderte Schüler*innen Deutsch lernen und sich bestimmte Grundkenntnisse aneignen) mit den Klassen 8 bis 13 von beruflichen und allgemeinbildenden Schulen. Angeleitet von externen Teamer*innen, arbeiten die Schüler*innen dabei in Tandems zusammen.

In einem demokratischen Prozess entwickeln sie ihre gemeinsamen Werte des Miteinanders. Danach planen sie zusammen ein Projekt, in dem sie diese Werte anwenden und auf dieser Basis gemeinsam ihren Lebensraum gestalten. Dafür wählen sie eine von vier Kategorien: Kunst, soziale Wirkung, nachhaltiges Wirtschaften oder Ökologie.

Die Kraft der Begegnung

„Nicht selten erzählen uns Jugendliche, die schon seit zwei oder drei Jahren in Deutschland leben, dass dies ihr erster Kontakt mit gleichaltrigen Deutschen sei“, berichtet Anja Kirchner, Bereichsleiterin Vielfalt und Soziale Innovation, die das worldlab entwickelt hat. „Am Anfang stehen oft Vorurteile, Ängste und Unsicherheiten im Raum. Aber die Begegnungen durchbrechen Wände“, erzählt sie. „Fast immer entsteht schon am Ende des ersten Workshops eine total positive Stimmung, die geprägt ist von Neugierde und Motivation.“ Entscheidend sei, dass sich jeder mit seiner Individualität in die Begegnung einbringe. „Dadurch entstehen starke Energien.“

2015 gestartet, hat das worldlab bis heute mehr als 1.200 Jugendliche mit über 50 Nationalitäten und rund 70 verschiedenen Muttersprachen erreicht. Im Rahmen des Impulsprogramms für gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Baden-Württemberg soll es in den nächsten Jahren an über 120 beruflichen und allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg ausgerollt und auch auf Grundschulen angepasst werden. Das Kooperationsprojekt mit dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg wird von der Robert Bosch Stiftung gefördert. Im Rahmen einer Begleitforschung werden die Ergebnisse evaluiert. So sollen Erkenntnisse für die Aus- und Weiterbildung der pädagogischen Fachkräfte im Bereich interkulturelle Kompetenzbildung an Schulen gewonnen werden.

„Das Begegnungsformat zeigt sehr gute Wirkung und wird seinen Fokus ab dem nächsten Schuljahr erweitern“, erklärt Anja Kirchner. Mehr noch als bisher geht es dabei um die Begegnung von Schüler*innen in ihrer Diversität. „Denn letztendlich sind wir alle unterschiedlich und haben noch einiges zu lernen, um uns in unserer Individualität wirklich in die Gesellschaft einzubringen und mit Unterschieden konstruktiv umzugehen.“

Das Programm „Weltethos-Schulen“ hat sich seit dem Start 2013 zum Flaggschiff des Bereichs Pädagogik entwickelt. Die Idee wurde von einer Schule an die Stiftung herangetragen. Sie hatte die Ausstellung „Weltreligionen, Weltfrieden, Weltethos“ ausgeliehen und war interessiert, das Thema dauerhaft und umfassend in ihre Arbeit zu integrieren. „Wir fanden die Idee sehr gut und haben daraufhin Kriterien und Prozesse dafür entwickelt“, erzählt Julia Willke, Leiterin des Bereichs Pädagogik.

Inzwischen gibt es 19 Weltethos-Schulen, die meisten davon in Baden-Württemberg. Das Weltethos-Schulprogramm steht allen Schulen im deutschsprachigen Raum offen und erreicht derzeit ca. 13.000 Schüler*innen in vier Bundesländern und in Luxemburg.

Dafür bewerben können sich die Schulen zunächst für fünf Jahre. Mit dem Titel „Weltethos-Schule“ verpflichten sie sich, die Weltethos-Idee nicht nur in ihr Curriculum aufnehmen, sondern Wege zu finden, sie im Schulalltag zu verankern – etwa durch ihr Leitbild und indem sie in den Klassen Regeln für ein gutes Miteinander erarbeiten. Ziel ist es, dass die Weltethos-Werte nicht abstrakt bleiben, sondern von allen Beteiligten erfahren, erprobt und gelebt werden.

Alle ziehen an einem Strang

„Uns ist es wichtig, dass alle an der Schule dahinterstehen: das ganze Kollegium, die Schulleitung, Schüler- und Elternvertreter“, erklärt Julia Willke. „Die konkrete Ausgestaltung findet an der Schule statt, denn jede Schule ist anders und muss für sich den passenden Weg finden. Wir beraten und begleiten sie dabei, geben Anregungen. Neben finanzieller bieten wir auch fachliche Unterstützung, etwa durch Fortbildungen und Workshops, und organisieren alle zwei Jahre ein Netzwerktreffen, damit die Weltethos-Schulen auch voneinander lernen.“

2019 sind die ersten Schulen in die Verlängerung gegangen. Julia Willke erzählt: „Sie gaben uns die Rückmeldung, dass es fünf Jahre gedauert habe, das Thema Weltethos nachhaltig in den Strukturen zu verankern. Ziel ist, dass die Weltethos-Idee bei allen Schulaktivitäten mitgedacht wird. Dass Weltethos hineingewebt wird in den Teppich der Schulkultur und dass die Schulen langfristig an Bord bleiben.“ Das vernetzte Denken falle vielen am Anfang schwer, berichtet Willke, „aber nach einer gewissen Zeit finden es alle sehr hilfreich und gemeinschaftsstiftend. Es entstehen Solidarität und Wertschätzung für das, was jede*r Einzelne zum großen Ganzen beiträgt.“

Weltethos – was heißt das für uns im Alltag?

Und die Schüler*innen? Die finden die Idee von gemeinsamen Werten, die von Menschen aus allen Nationen und Religionen befürwortet werden können und die für alle gelten, richtig gut, erzählt Julia Willke. „Das eröffnet ihnen eine neue Perspektive auf die Welt. Die Werte schaffen Verbindlichkeit und Orientierung, das schätzen die die Schüler*innen. Viele denken ganz praktisch: Wir sind Weltethos-Schule – was heißt das konkret im Alltag? Wie verhalten wir uns ökologisch und sozial verantwortlich?“ An fast jeder Weltethos-Schule gebe es Gruppen, die sich vor Ort sozial engagieren. Das strahlt auch in das Umfeld der Schule aus.

Um den Geist des Weltethos zu vermitteln, brauche es eine aktivierende Form von Bildung, ist Julia Willke überzeugt. „Es ist wichtig, dass die Schüler*innen Erfahrungen machen, bei denen sie merken: Das tut mir und anderen gut!“ Es gehe darum, die Werte zu verinnerlichen und sich damit zu identifizieren. Sich in die Lage anderer zu versetzen und Empathie zu üben. Zu reflektieren: Wie lebe ich diese Werte?

Julia Willke wünscht sich, dass die Weltethos-Schulen für die Schüler*innen ein positiver Gegenentwurf zu einer Welt mit vielen Schieflagen sind. Sie sollen sehen, dass ein gutes und friedliches Miteinander möglich ist und dass sie selbst etwas dafür bewirken können. „Wenn sie dann sagen: Für diese Werte, für diese Gesellschaft will ich mich engagieren – dann haben alle Beteiligten viel erreicht.“

Über die Autorin

Benita v. Behr, freie Journalistin und Lektorin in Berlin, hat sich als Studentin in Tübingen für die Stiftung Weltethos engagiert. 

Kontakt: post[at]benita-von-behr[punkt]de 

Der Beitrag ist eine Ergänzung zum Stiftungswelt-Artikel "Die verbindende Kraft von Dialog und Begegnung"
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