Foto: Menschen für Menschen (MfM)

Heinz Sielmann Stiftung

Partnerschaften und auf Augenhöhe lernen zahlt sich aus

Die 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung allumfassend und gleichwertig zu berücksichtigen ist schwer und muss gelernt werden. Oft höre ich: ‚Alle Ziele gleichermaßen zu erfüllen geht doch gar nicht.‘ Gerade im Spannungsfeld Naturschutz und soziale Entwicklung scheinen die Interessen zwischen Ökologie und Ökonomie oft unvereinbar. Und das mag unter den alltäglichen Hürden, Strukturen und unter dem Zeitdruck auf den ersten Blick auch zutreffend sein.   

Auf den zweiten Blick aber liegen viele Instrumente und holistische Lösungsansätze zur Einbindung aller Interessen bereits vor und werden andernorts schon umgesetzt. Es zahlt sich also aus, dem letzten Ziel für Nachhaltige Entwicklung – Partnerschaften – besonderes Gewicht zuzumessen sowie auf Augenhöhe von anderen und mit anderen zu lernen und zu profitieren. 

Natalie Klein Referentin Internationale Zusammenarbeit bei der Heinz Sielmann Stiftung
SDG 2 - Kein Hunger SDG 4 - Hochwertige Bildung SDG 6 - Sauberes Wasser und Sanitätanlagen SDG 12 - Nachhaltige(r) Konsum und Produktion SDG 13 - Maßnahmen zum Klimaschutz SDG 15 - Leben an Land SDG 17 - Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

Naturschutz für eine nachhaltige Entwicklung

Die Heinz Sielmann Stiftung arbeitet seit mehr als 25 Jahren deutschlandweit im Naturschutz. Damit leistet die Stiftung seit ihrer Gründung nationale Beiträge zur Erreichung der SDGs, vornehmlich zum Ziel 15 – Leben an Land. Damit trägt die Stiftung – ganz im Sinne der integrativ zu verstehenden 17 Nachhaltigkeitsziele – auf vielfältige Weise zur Umsetzung der SDGs bei: Umweltbildung, nachhaltiger Konsum, Ressourceneffizienz oder ökologische Landwirtschaft sind ebenso Themen der täglichen Arbeit wie betriebliche und wirtschaftliche Maßnahmen zur Grundsteinlegung für eine nachhaltig ausgerichtete Stiftungskultur. Dabei sieht sich die Stiftung stets selbstkritisch, denn der Transformationsprozess hin zu nachhaltigem Handeln und Fördern ist noch lange nicht abgeschlossen.

Als gemeinnützige Stiftungen sind wir aufgerufen, zur notwendigen Verhaltensänderung beizutragen, denn machen wir uns nichts vor: das gängige Konsumverhalten steht dem Erreichen der SDGs strukturell entgegen.

Natalie Klein Referentin Internationale Zusammenarbeit bei der Heinz Sielmann Stiftung

So veröffentlichte die Heinz Sielmann Stiftung seit 2016 bereits zweimal einen Nachhaltigkeitsbericht nach den Standards der SDGs und den gültigen Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI-Standard). Sie verfügt damit neben öffentlicher Transparenz auch über ein Instrument, das den Weg der Stiftung hin zu einer umfassenden Prinzipientreue gemäß gelebter Nachhaltigkeit in allen Tätigkeitsbereichen zu überprüfen vermag. Die Verbindung ihrer Tätigkeiten mit den 17 Zielen hat die Stiftung in einer Broschüre deutlich gemacht.

Biodiversität und Klimaschutz in Uganda und Äthiopien 

Seit 2018 hat sich die Heinz Sielmann Stiftung zudem international ausgerichtet. Hintergrund für die Stiftung war hier, auch einer globalen Verantwortung gerecht zu werden. Sie fördert Akteure im globalen Süden, die in ihren Naturschutzmaßnahmen finanzielle Unterstützung benötigen.

So engagiert sich die Heinz Sielmann Stiftung als Kooperationspartner in Uganda und Äthiopien. Hier fokussiert sie das Thema Wiederbewaldung und sieht darin eine Schlüsselfunktion für die Erreichung mehrerer SDGs: vor allem Leben an Land, Klimaschutz und Armut. Denn intakte Waldökosysteme dienen nicht nur dem Erhalt der biologischen Vielfalt, der Bodenfruchtbarkeit und der Verbesserung des Wasserhaushalts, sondern bieten das Potenzial, Erosion sowie Landschaftsdegradation aufzuhalten. Ebenso können sie als Klimaschutzmaßnahme greifen und die Grundlagen für eine lokale Anpassung an den Klimawandel schaffen. Dabei stehen die genannten Wirkungen zugleich in Beziehung zur Lösung sozioökonomischer Herausforderungen wie Armut und Ernährungsunsicherheit, wenn zum Beispiel einkommensschaffende Maßnahmen in Verbindung mit agroforstwirtschaftlichen Ansätzen umgesetzt werden.  

Die einfachen, gradlinigen Lösungen sind oft bequemer und kurzfristig gesehen kostengünstiger.

Natalie Klein Referentin Internationale Zusammenarbeit bei der Heinz Sielmann Stiftung

Mit diesem Ansatz unterstützt die Heinz Sielmann Stiftung eine ambitionierte lokale Nicht-Regierungsorganisation in Uganda, die dem Verlust von intaktem Wald entschieden entgegentritt. Die 2011 von einigen Bewohnern des Rakai-Distrikts im Süden des Landes gegründete Initiative RECO (Rakai Environmental Conservation Programme) setzt sich dafür ein, die natürliche Ressource Wald an extrem degradierten Flächen wiederherzustellen, zu schützen und nachhaltig nutzbar zu machen. Damit leistet RECO einen konkreten Beitrag um lokale biologische Vielfalt für zukünftige Generationen zu erhalten. Das integrierte Entwicklungskonzept beinhaltet auch Bildungsveranstaltungen zu den Themen Naturschutz, nachhaltige Landnutzung und Biodiversität. Die Veranstaltungen werden an Schulen und außerschulischen Lernorten durchgeführt und bewirken Bewusstseinsbildung und Engagement für lokal angepassten Umweltschutz.

Die Heinz Sielmann Stiftung arbeitet außerdem mit der konzeptionell ähnlich ausgerichteten Stiftung Menschen für Menschen und mit Gemeinden in Äthiopien zusammen. So wird in der South Wollo Zone im Bundesstaat Amhara seit 2017 ein gemeinsames Wiederbewaldungsprojekt gefördert. Eingebunden in ein integriertes Entwicklungsprojekt werden durch die Terrassierung stark degradierter Hänge und darauffolgende Baumpflanzungen wertvolle Waldlandschaften wiederhergestellt. Die umliegenden Anwohner erkennen den Mehrwert ihrer Wiederaufforstungs- und Ressourcenschutzmaßnahmen und überwachen ihren Schutz nachhaltig. In Kooperation mit der Universität Addis Abeba führt die Heinz Sielmann Stiftung von 2017 bis 2021 ein begleitendes Biodiversitätsmonitoring auf den Flächen durch, um den Erfolg der Maßnahmen zu evaluieren und wichtige Erkenntnisse für Folgeprojekte zu gewinnen. 

Für eine ernsthafte Umsetzung der SDGs, so glaube ich, müssen die eigenen Maßnahmen in ihrem nachhaltigen Wirken regelmäßig hinterfragt und Synergieeffekte durch Zusammenarbeit genutzt werden.

Natalie Klein Referentin Internationale Zusammenarbeit bei der Heinz Sielmann Stiftung

Ergänzend zu den lokalen Projektvorhaben beteiligt sich die Heinz Sielmann Stiftung an internationalen Initiativen. Dort vernetzt sich die Stiftung mit Kooperationspartnern, um notwendige Synergien voranzutreiben und politischen Rückhalt für die Umsetzung ihrer Projekte zu gewinnen. Seit 2018 ist die Heinz Sielmann Stiftung daher technischer Partner des Bündnisses African Forest Landscape Restoration Initiative (AFR 100) sowie Gründungsmitglied der Stiftungsplattform Foundations 20 (F20). 

Das Ziel der AFR100 ist es, bis 2030 100 Millionen Hektar Wald in Afrika wiederherzustellen. Die Initiative wurde 2015 anlässlich der Verhandlungen zum Pariser Klimaabkommen von einer Gruppe afrikanischer Nationen und technischer Partner ins Leben gerufen.  

Die Stiftungsplattform F20 ist ein Zusammenschluss von mehr als 60 Stiftungen und philanthropischen Organisationen aus 21 Ländern. Ziel der Plattform ist es, die Dynamik für die Umsetzung der Agenda 2030 mit den 17 Zielen der nachhaltigen Entwicklung und dem Pariser Klimaabkommen weiter zu erhöhen und Brücken zwischen den verschiedenen Akteuren zu bauen, einschließlich des Privat- und Finanzsektors, der Politik und der Zivilgesellschaft. Dabei verdeutlicht F20 die starke Rolle und das enorme Potenzial von zivilgesellschaftlichen Organisationen für den Transformationsprozess unserer Welt in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung. Als Bündnis nutzt die Stiftungsplattform F20 ihr politisches Gewicht und ihre Fähigkeit, als Korrektiv von G-20-Prozessen in der Umsetzung der Agenda 2030 aufzutreten. 

2015 und 2018 hat die Heinz Sielmann Stiftung Nachhaltigkeitsberichte basierend auf dem Standard der Global Reporting Initiative (GRI) veröffentlicht und eine Erklärung zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) abgegeben, der vom Rat für Nachhaltige Entwicklung erstellt wurde.

Börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden müssen nach GRI-Standard berichten. Die Heinz Sielmann Stiftung tut dies freiwillig, weil sie systematisch im Rahmen von allgemein gültigen Richtlinien aufzeigen möchte, was die Stiftung für Nachhaltigkeit tut.

„Ich setze auf vollständige Transparenz und bin sicher, dass eine Nachhaltigkeitsberichterstattung, auch wenn sie im gemeinnützigen Bereich nicht verpflichtend ist, das Vertrauen bei Spendern und Förderern fördert und damit insgesamt die Zivilgesellschaft stärkt“, erklärte Michael Beier, geschäftsführender Vorstand der Heinz Sielmann Stiftung.

Nachhaltigkeitsberichte der Heinz Sielmann Stiftung:

Welche Rolle spielen Stiftungen bei der Umsetzung der SDGs?
Stiftungen sind Teil des gemeinnützigen Wirkens. Jedes gemeinnützige Engagement ist spätestens seit der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 den Prinzipien der Nachhaltigkeit verpflichtet, so auch das der Stiftungen.

Die SDGs sind die aktuell gültige Agenda zur Sicherung einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung und geben diesen Prinzipien konkreten Ausdruck. Sie sind integrativ formuliert und stellen eine Art Leitlinie dar, die uns von Vertretern der Weltgemeinschaft an die Hand gegeben wurde. Sie erinnern uns also daran, dass wir, um nachhaltig wirken zu können, auch in allen operativen Handlungen nachhaltig denken müssen.

Die Stiftungen nehmen bei der SDGs-Umsetzung und in der gemeinnützigen Arbeit allgemein eine besondere Rolle ein: Ihre Arbeit ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie diese Prinzipien gelebt und vermittelt werden können. Nicht zuletzt kann damit auch die Politik angestoßen werden.

Wie viele Ressourcen setzen Sie für Ihr SDG-relevantes Wirken ein?
Die gesamten Erträge der Stiftung werden satzungsgemäß SDGs-relevant, aber insbesondere zum SDG 15 eingesetzt und beliefen sich im Jahr 2018 auf 11,47 Millionen Euro. Davon werden 2,7 Millionen Euro direkt in Projekten umgesetzt, 2,1 Millionen Euro durch personelle Arbeit, während sich die verbleibende Hälfte der gesamten Erträge auf das Fundraising mit 2,1 Millionen Euro und auf betriebliche Aufwendungen, Abschreibungen und Materialaufwand verteilt. Der Verwaltungs- und Werbekostenanteil in der Heinz Sielmann Stiftung betrug 24,7 Prozent und entspricht damit den Vorgaben für das DZI-Spendensigel, welches die Stiftung trägt.

Welche Wirkungen sind damit erzielt worden?
Die Wirkungen der seit 25 Jahren bestehenden Heinz Sielmann Stiftung entsprechen denen der Stiftungsziele: Einerseits bewahrt die Stiftung durch ihre Maßnahmen noch existente und ökologisch funktionierende Lebensräume, andererseits wird versucht, bereits verloren gegangene oder gar gänzlich degradierte Landschafts- und Ökosystemtypen wiederherzustellen. Die Maßnahmen folgen damit allesamt dem Stiftungsziel, Biodiversität und Artenvielfalt zu fördern. Doch nichts kann langfristig Bestand haben, wenn nicht auch die gesellschaftliche Komponente mitgedacht wird. Die Stiftung legt daher stets besonderen Wert auf eine begleitende Umweltbildung, insbesondere für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus arbeitet sie mit den Stakeholdern in ihren Projekten und Naturlandschaften immer nach dem Prinzip der Freiwilligkeit.

Was sind die wichtigsten Erfahrungen?
Egal zu welchem SDG man arbeitet – Armut, Bildung, Umwelt etc. –, die Nachhaltigkeit der Aktivitäten bleibt fragwürdig, wenn diese nicht Teil eines übersektoralen und ganzheitlichen Konzeptes sind. Wenn sich die zuständigen Akteure also nicht die Mühe machen, Perspektiven zu wechseln und langfristig zu handeln. Integrative Konzepte und Ansätze sind abstimmungs- und arbeitsintensiv, daher in der Umsetzung vielleicht etwas langsamer, aber dafür eben auch nachhaltig wirksamer.

Worin liegen die Hürden für ein höheres SDG-Engagement von Stiftungen?
Wir selbst sind die größte Hürde. Weil wir oft nicht selbst in der Lage sind, unsere täglichen Abläufe und unsere Arbeit zu überdenken und unser tägliches Handeln zu ändern. Auch die Fähigkeit, übersektoral und integrativ zu denken, ist keine Selbstverständlichkeit und muss gelernt und gewollt werden. Oft verharren wir in Linienfunktionen und stellen unser sektorales Interesse, unsere einseitige Lobbyarbeit in den Mittelpunkt. Davor sind Stiftungen genauso wenig gefeit wie alle anderen Organisations- und Akteursformen.

Das SDG Nummer 17 Partnerschaft und Kooperation ist hier von besonderer Relevanz, um gegen die inneren Hürden anzugehen, und gerade in der internationalen Arbeit von besonderem Wert, um ein größeres Engagement auf Augenhöhe überhaupt strukturell zuzulassen.

Was muss passieren, damit Stiftungen mehr Engagement für die SDGs zeigen?
Dass Stiftungen vielfältiges Engagement für die Ziele der SDGs zeigen, ist, denke ich, unumstritten. Vielleicht fehlt ihnen aber hie und da das Bewusstsein für und die Verknüpfung zu den SDGs – wie das in vielen anderen Teilen der Gesellschaft auch der Fall ist. Man könnte also interne SDG-Workshops zum Capacity Building im eigenen Haus anbieten und in kontroverse Diskussionen über das notwendige, ja stets verbesserungswürdige Handeln gehen.

Es bräuchte also erst einmal ein internes Fundament, ein umfassendes Verständnis, denn das Konzept der SDGs ist ja leider immer noch überwiegend der internationalen Zusammenarbeit verhaftet. So können zunächst die stiftungsinternen Maßnahmen entsprechend gestaltet werden, danach schließen sich die nach außen gerichteten beinahe „automatisch“ an.

Durch die ausdrückliche, bewusste Positionierung einer Stiftung könnte auch die nachhaltige Wirkung verstärkt werden und ein Multiplikatoreffekt eintreten. Stiftungen und ihr Engagement zu den SDGs könnten also durch Selbstreflexion gewinnen und die Prinzipien der Nachhaltigkeit so umfassender umsetzen – und das auf allen Ebenen.

Eine wirkungsvolle Maßnahme wäre auch, wenn im Zuge der aktuellen Stiftungsrechtsreform der Bundesregierung eine Publizitätspflicht für Stiftungen verbindlich eingeführt wird, verbunden mit einem Nachhaltigkeitsbericht, wie er für die Wirtschaft bereits europaweit verpflichtend ist.