Wir brauchen mehr Wagnisbereitschaft

10. Januar 2018

Ein Gespräch mit den Berliner Gründern Verena Pausder und Christian Vollmann über ihre Sicht auf Stiftungen

Interview: Felix Oldenburg

Die Namen Verena Pausder (38) und Christian Vollmann (42) kennt in der Berliner Gründerszene jeder. Die Gründerin des erfolgreichsten deutschen Entwicklers von Apps für Kinder baut heute als Social Entrepreneurin Digitalwerkstätten auf und motiviert Jugendliche zum Unternehmertum. Seriengründer Christian Vollmann, der kürzlich als Business Angel des Jahres ausgezeichnet wurde, ist nun auch Stifter. Mit seiner jüngsten Gründung, der Online-Plattform nebenan.de, vernetzt er bereits mehr als eine Million Nachbarn. Die beiden waren Gastgeberin beziehungsweise Teilnehmer in einer Serie privater Abendessen von stiftungsinteressierten Start-up-Gründern und Unternehmern mit Felix Oldenburg. Mit dem Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen sprachen sie über Sinnkrisen nach dem wirtschaftlichen Erfolg, fehlende unternehmerische Initiative im sozialen Sektor und die Frage, ob Online-Gründer die besseren Philanthropen sind.

StiftungsWelt: Verena, Christian, ihr habt beide nach kommerziell erfolgreichen Gründungen vor Kurzem Start-ups gegründet, die auch eine explizit soziale Mission haben. Wie ist es dazu gekommen?
Christian Vollmann: Ich will ganz ehrlich sein. Direkt nach der Uni ging es mir vorrangig darum, als Unternehmer erfolgreich zu sein. Mit dem Erfolg kam dann die Sinnkrise: Was trage ich eigentlich dazu bei, die großen Probleme der Menschheit zu lösen? Aus dieser Frage heraus entstand nebenan.de, die Plattform für Nachbarschaft.
Verena Pausder: Ich glaube auch, dass man irgendwann als Unternehmer leer läuft, wenn man nur an sich und die Firma denkt. Bei mir kam früh der Wunsch auf, auch jenseits meines Unternehmens gesellschaftlich etwas zu bewegen, ohne in die Politik gehen zu müssen. Daher bin ich jetzt sehr glücklich, dass ich mit unseren Digitalwerkstätten Unternehmertum und soziales Engagement verbinden und mit unserer Non-Profit-Initiative StartupTeens Jugendliche motivieren kann, unternehmerisch aktiv zu werden.

Nach Berlin sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres etwa zwei Milliarden Euro Wagniskapital gekommen. Was schätzt ihr: Wie viel davon wird verbrannt, wie viel wird zu Vermögen und wie viel davon dann philanthropisch angelegt?
Pausder: Letzteres viel zu wenig. Das liegt zum einen daran, dass die Start-up-Szene noch jung ist und es – im Vergleich zum Mittelstand hierzulande – noch nicht viele zu einem Vermögen gebracht haben, welches sie philanthropisch anlegen können. Zum anderen werden viel zu wenige Unternehmen mit sozialer Mission gegründet. Für die meisten scheint es ein Widerspruch zu sein, Geld zu verdienen und gleichzeitig Gutes zu tun.
Vollmann: Absolut unseriöse Bierdeckel-Rechnung gefällig? Die ginge in etwa so: Das Geld verdoppelt sich über die nächsten zehn Jahre. Ein Viertel des Gewinns bleibt bei den Gründern hängen. Von diesen stellt sich wiederum ein Drittel seiner gesellschaftlichen Verantwortung und engagiert sich philanthropisch mit im Schnitt 15 Prozent seines Vermögens. Das wären dann 25 Millionen Euro für Philanthropie. Zu wenig? Zu viel? Ich weiß es nicht. Aber Verena hat Recht. Die noch wichtigere Frage ist: Wie viele dieser erfolgreichen Gründer suchen sich ein gesellschaftliches Problem als nächste Herausforderung? Unternehmerische Initiative ist das wirklich knappe Gut im sozialen Sektor.

Viele Internetgründer der zweiten Generation haben schon sehr früh einen großen Teil ihres Vermögens sozialen Zwecken versprochen. Gehört es mittlerweile zur Definition von Erfolg, auch die Frage zu beantworten, was man mit dem Geld tut, das man zu Lebzeiten nicht mehr für sich selbst ausgeben kann?
Pausder: In den USA gehört es zum Selbstverständnis und zum guten Ton, im Erfolgsfall zurückzugeben. In Deutschland hingegen ist die Erwartung, sich bei Erfolg auch sozial zu engagieren, noch völlig unterentwickelt. Deshalb ist es so wichtig, dass immer mehr Unternehmer sich philanthropisch engagieren, damit die Innovationskultur auch auf gesellschaftlicher Ebene Fuß fasst.
Vollmann: Da stimme ich Verena zu. Denn erfolgreiche Gründer sind auch als künftige Philanthropen viel eher bereit, Risiken einzugehen, um zu wirklich bahnbrechenden Lösungen zu kommen. Wir brauchen dringend mehr Wagnisbereitschaft, wenn wir die großen sozialen Probleme des 21. Jahrhunderts lösen wollen.

Wagnis und Gemeinnützigkeit: Da fürchten manche, dass Geld verbrannt wird, wenn ständig Dinge schiefgehen.
Vollmann: Ich sage ja nicht, dass Stiftungen hundert Prozent ihrer Fördergelder in hochriskante Dinge investieren sollten. Aber einen Teil eben schon. Innovation und Risiko sind zwei Seiten derselben Medaille. Man bekommt das eine nicht ohne das andere. Wer immer nur auf schrittweise Innovation setzt, schafft nie den großen Wurf. Ich plädiere daher für einen Mix, also zum Beispiel 15 Prozent nicht nur der Förderung, sondern auch des Stiftungskapitals in innovative neue Ideen anzulegen. Und dabei langfristig über mindestens 50 Projekte zu diversifizieren.

Online-Gründer sind ja auf der Suche nach großen Hebeln, nach schnellem Wachstum. Prägt das auch das Engagement?
Vollmann: Auf jeden Fall. Es ist nur menschlich, dass man versucht, erprobte Erfolgsrezepte zu übertragen. "Schnell scheitern" ist die Devise. Also neue Ideen mit minimalen Ressourcen testen, sich frühzeitig echtes Markt-Feedback dazu einholen, messen und analysieren, aus Fehlern unmittelbar lernen und die Erkenntnisse daraus direkt in die Verbesserung des Produkts einfließen lassen. Diesen Feedback-Loop wiederholt man so oft, bis man eine skalierbare Lösung gefunden hat. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es verworfen und neu gedacht. So werden die knappen Ressourcen geschont und man hat mehr Anläufe, das Problem zu lösen. Dieses Vorgehen ist der effektivste Weg zu funktionierenden Lösungen mit breiter Wirkung.
Pausder: Als Unternehmer hat man sicher immer einen Schuss Idealismus, aber auch den Wunsch und Drang, etwas Großes zu schaffen, das schnell wächst und am Markt Erfolg hat. Genau diese Denke ist auch für den sozialen Sektor so wichtig, damit dort mit der gleichen großen Ambition und Vision gegründet wird und damit sich die so entstehenden Unternehmen langfristig am Markt etablieren.

Was glaubt ihr: Was assoziieren die Menschen um euch herum mit Stiftungen?
Pausder: Überspitzt gesagt sind Stiftungen für viele in meinem Umfeld wenig greifbare und intransparente Institutionen – von risikoscheuen Menschen geführt, die Studien lieber mögen als Unternehmertum und Innovation.
Vollmann: Ich bin mal frech und drehe die Frage um: Was assoziieren Menschen sicher nicht mit Stiftungen? Da würden mir Begriffe wie Innovation und Risikobereitschaft einfallen.

Was verbindet ihr selbst mit Stiftungen?

Vollmann: Die vielseitige Stiftungslandschaft in Deutschland ist ein wichtiger Stützpfeiler unserer lebendigen Zivilgesellschaft. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass deutsche Stiftungen sich mehr als Wagniskapitalgeber verstünden. In der Wirtschaft schickt ein Investor fünfzig Ideen ins Rennen. Vierzig davon scheitern, fünf laufen okay, drei bis vier sehr gut und eine bis zwei werden zum Total Game Changer. Wenn wir ehrlich sind und uns die Zahlen hinter den schönen Projektfotos ansehen, dann ist es doch heute schon so, dass vieles in der Philanthropie eben nicht funktioniert. Nur herrscht zu wenig Ehrlichkeit und Transparenz im Sektor, um aus den eigenen Fehlern und denen der anderen zu lernen und schneller voranzukommen.
Pausder: Lange Zeit hatte ich viele Vorurteile gegenüber Stiftungen – ich habe sie nicht als zukunftsgerichtete und handlungsfähige Institutionen wahrgenommen. Je öfter aber junge Gründer gerade aus den USA namhafte Stiftungen mit einem klaren Auftrag, die Zukunft zu gestalten, gegründet haben, desto mehr habe ich mich mit dem Stiftungswesen beschäftigt und die Stärke von Stiftungen erkannt. Ich sehe es allerdings wie Christian, dass sich die Denke und Risikobereitschaft von Stiftungen verändern muss, damit sie zu Gestaltern der Zukunft werden. Deshalb halte ich es für wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen und neue Stiftungen zu gründen, die einen Innovationsanspruch haben.

Könntest du dir denn vorstellen, selbst eine Stiftung zu gründen?
Pausder: Auf beruflicher Ebene haben wir neben unseren Digitalwerkstätten gerade einen gemeinnützigen Verein "Digitale Bildung für alle e.V." gegründet mit dem Ziel, digitale Bildung allen Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen, damit Bildung keine Frage des Geldes ist. Privat kann ich mir sehr gut vorstellen, zusammen mit meinem Mann eine Stiftung zu gründen und so Projekte und Unternehmen zu initiieren, die sich mit digitaler Bildung oder Energieeffizienz beschäftigen. Denn das sind die Themen, mit denen wir uns sehr gut auskennen.

Christian, du hast in diesem Jahr aus nebenan.de heraus die nebenan.de-Stiftung als gGmbH gegründet. Was bedeutet dabei der Begriff Stiftung?
Vollmann: Mit Till Behnke (Gründer der Spendenplattform betterplace.org – Anm. d. Red.) und meinem Bruder Michael Vollmann (einer der ersten Mitarbeiter der Non-Profit-Organisation Ashoka Deutschland – Anm. d. Red.) habe ich zwei Sozialunternehmer als Mitgründer. Wir haben lange überlegt, ob wir nebenan.de nicht als reines Non-Profit gründen sollten. Entschieden haben wir uns dann aber für die Gründung als GmbH, um Wagniskapital aufnehmen zu können und nicht dauerhaft auf Spenden angewiesen zu sein. Gleichzeitig ist uns die soziale Wirkung unserer Unternehmung extrem wichtig und wir haben erkannt, dass wir dafür einen eigenen institutionellen Platz brauchen. Durch die Gründung der "nebenan.de Stiftung gGmbH" sind wir nun ein hybrides Sozialunternehmen und haben den rein gemeinwohlorientieren Aktivitäten ein institutionelles Zuhause gegeben. Der Begriff "Stiftung" erklärt die gemeinnützige Ausrichtung in einem Wort, wesentlich besser als das kleine "g" im Begriff gGmbH. Dabei haben wir uns bewusst gegen die Stiftung bürgerlichen Rechts entschieden, da diese in Deutschland rigiden Regularien wie etwa der Kapitalerhaltungspflicht unterliegt und somit für sozialunternehmerische Aktivitäten nicht wirklich attraktiv ist.

Hast du Vorbilder für deine Stiftungsgründung?
Vollmann: Vorbilder sind die großen unternehmerischen Philanthropen aus den USA: Bill Gates oder Pierre Omidyar einerseits sowie extrem weitsichtige Unternehmer wie Elon Musk andererseits. Dann sind es die vielen kleinen, findigen Sozialunternehmen, die uns als Gründerteam inspirieren. Mit nebenan.de schaffen wir ein niedrigschwelliges Angebot und senken die Hürde, den ersten Schritt auf die Menschen nebenan zuzugehen – der Gegenentwurf zur "Online-Filterblase" sozusagen. Alle Welt redet derzeit von den Gefahren der Digitalisierung. Wir hingegen sind überzeugt, dass sie große Chancen in sich birgt, unsere Gesellschaft positiv zu verändern. Mit nebenan.de wollen wir das beweisen.

Autoren

Verena Pausder
ist Gründerin und Geschäftsführerin der Fox & Sheep GmbH, die Apps für Kinder im Vorschulalter entwickelt und vertreibt. Im Februar 2016 hat Fox & Sheep damit begonnen, Digitalwerkstätten zu eröffnen, in denen Kinder aller Altersgruppen programmieren lernen können. Pausder ist Mit-Initiatorin der Non-Profit-Initiative STARTUP TEENS, die Schülerinnen und Schüler für Unternehmertum begeistert und ihnen unternehmerisches Denken und Handeln beibringt. Sie ist zudem Initiatorin von bundesweiten Ladies Dinners, die zum Ziel haben, Unternehmerinnen, Gründerinnen und Geschäftsführerinnen der Internet- und Medienbranche zu vernetzen. Weitere Informationen
www.verena-pausder.de

Christian Vollmann
hat die Online-Portale iLove, MyVideo und eDarling gegründet. Sein jüngstes Unternehmen ist das Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de. Seit einigen Monaten ist der 42-Jährige auch Stifter: Die nebenan.de Stiftung unterstützt innovative Projekte, die lokale Gemeinschaften und lebendige Nachbarschaften stärken. Weitere Informationen
www.nebenan-stiftung.de

Stiftungswelt 04-2017

Der Artikel wurde in der Stiftungswelt 04-2017 mit dem Schwerpunkt "Generation Stiftung? Anstöße für die Philanthropie von morgen" veröffentlicht.

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