Offen und kollaborativ

Marcus Gruber

Der digitale Wandel eröffnet Stiftungen neue Möglichkeiten, ihr Wirken transparent zu machen. Das erhöht nicht nur die Glaubwürdigkeit, sondern auch die Effizienz

Die Digitalisierung ermöglicht und katalysiert den Megatrend Transparenz. Noch nie war eine solche Menge an Informationen so leicht auffindbar wie seit der Erfindung des World Wide Web. Heutzutage sind allein in Deutschland 66 Millionen Menschen online, bauen und nutzen mit Wikipedia die größte (freie) Enzyklopädie, vergleichen Preise für den nächsten (Online-)Einkauf, verfolgen auf abgeordnetenwatch.de die (namentlichen) Abstimmungen im Bundestag und unterstützen auf betterplace.org soziale Organisationen, die dort detailliert darstellen, wofür Spenden benötigt und eingesetzt werden. Das Bedürfnis nach Transparenz wächst, nicht zuletzt mit den Generationen, für die das Internet von Geburt an eine Selbstverständlichkeit ist.

 „Wie weit wollen Stiftungen auf steigende gesellschaftliche Transparenzerwartungen eingehen?“, das ist die entscheidende Frage im Diskussionspapier zur Digitalisierung von Stiftungen, das der Bundesverband Deutscher Stiftungen gemeinsam mit vielen Experten in Stiftungen erarbeitet hat. In einer öffentlichen Debatte, die schnell Transparenz mit Überwachung vermischt, permanent um Datensicherheit besorgt ist und ohnehin von einer Ohnmacht gegenüber den Big Four Tech-Unternehmen (Apple, Amazon, Facebook und Google) geprägt scheint, ist der Reflex zum Rückzug (manche nennen es Tradition) groß. Doch brauchen wir gerade die Stiftungen als zivilgesellschaftliche Akteure und unabhängiges Gegengewicht zu Wirtschaft und Staat, die sich nicht dem Diskurs verschließen, sondern ihn prägen. Transparenz schließt nicht Datensouveränität und Digitale Grundrechte aus, ganz im Gegenteil, Transparenz (er)fordert sie. Und das sollten auch Stiftungen tun – mutig und zukunftsgewandt.

Das Bewusstsein ist dafür in vielen Teilen (in Stiftungen sowie im gesamten sozialen Sektor) durchaus vorhanden. Zumindest gaben mehr als 70 Prozent der befragten Mitarbeiter aus Non-Profit-Organisationen in einer Umfrage des betterplace lab und der WHU 2017 an, dass die digitalen Kanäle mehr Transparenz und bessere Information der Öffentlichkeit ermöglichen. Auch im Bezug auf den Austausch und die Vernetzung zwischen den Organisationen werden die digitalen Kanäle für 57 Prozent der Befragten immer wichtiger. Die Erwartungen sind hoch, vorbereitet fühlen sich jedoch nicht mal die Hälfte bzw. knapp ein Drittel auf diese Entwicklungen.

Das ist problematisch, da Vertrauen das wichtigste Gut im sozialen Sektor ist und eine Grundvoraussetzung für Vertrauen ist Transparenz. Transparenz bedeutet: offener, leichter zugänglich und zeitnaher im Umgang mit Informationen, sowohl innerhalb von Stiftungen, als auch in den breiteren Stakeholderkreisen und die allgemeine Öffentlichkeit hinein. Also gilt es, die relevanten Informationen für die unterschiedlichen Adressatenkreise (Mitarbeiter, Kooperationspartner, Förderer und Öffentlichkeit) zu identifizieren und adäquat zur Verfügung zu stellen. Wenn das gelingt, kann die Stiftung ihre philanthropische Arbeit insgesamt verbessern und wirksamer ihre Stiftungsziele verfolgen. Dabei trägt Transparenz wesentlich zu den folgenden sechs Teilzielen bei, die nun kurz umrissen werden sollen – oftmals anhand von Beispielen aus den USA, in denen eine Reihe von Stiftungen seit vielen Jahren das Thema Transparenz offensiv vorantreiben und sich somit als Bezugspunkt und Inspirationsquelle besonders gut eignen.

1.    Stärkung von Glaubwürdigkeit und öffentlichem Vertrauen
Stiftungen vertreten zentrale zivilgesellschaftliche Werte, wie Solidarität, Empathie und Freiwilligkeit. Ihre Glaubwürdigkeit wird gestärkt, indem sie ihre Organisationsstrukturen und Aktivitäten auf transparente Weise präsentieren und über die Verwendung der steuerbegünstigten Mittel öffentlich Rechenschaft ablegen.
 
Die eigene Website als erste Anlaufstelle und Kontaktmöglichkeit ist dafür unabdingbar. Aktuell besitzen laut einer Erhebungen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen jedoch nur 42,7 Prozent (n=29.234) der bekannten aktiven Stiftungen aller Rechtsformen eine eigene Webpräsenz. Dabei ist davon auszugehen, dass die Webseite das häufigste Instrument der Öffentlichkeitsarbeit von Stiftungen ist (vor Pressearbeit, Flyer und Broschüren, den Jahresbericht und Veranstaltungen). Viele Stiftungen lassen somit die Chance aus, die eigenen Gremien, Strukturen, Prozesse und Aktivitäten übersichtlich darzustellen und etwa Informationen entlang den Vorgaben der „Initiative Transparente Zivilgesellschaft“ offenzulegen. Transparenzanforderungen können aber noch wesentlich weiter gehen. So nutzen schon jetzt einzelne Stiftungen, sowohl im Recrutingprozess als auch in ihren Auswahlverfahren für Förderprojekte, Algorithmen. Damit diese Algorithmen keine Blackboxes sind, ist es wichtig, die ihnen zugrundeliegenden Kriterien offenzulegen.
 
Perspektivisch könnten Stiftungen sich zu Vorbildern im digitalen Zeitalter entwickeln, indem sie selbst Technologien und technologieorientierte Praktiken entwickeln, fördern und verwenden, die entlang zivilgesellschaftlicher Werte ausgerichtet sind, statt rein wirtschaftlichen Zielen zu folgen.

2.    Verbesserung der Beziehungen zu Förderprojekten
Eine wachsende Anzahl von Stiftungen sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, potentiellen Antragstellern auf ihren Websites die eigenen Förderrichtlinien sehr deutlich und spezifisch zu präsentieren. Dies kann in Form von übersichtlich grafisch aufbereiteten Förderprogrammen, Kriterienkatalogen oder Checklisten geschehen, ebenso wie in kurzen Videos oder Webinaren. Auf diese Weise können potentielle Antragsteller besser entscheiden, ob sie ihre knappen Ressourcen für einen Antrag einsetzen wollen oder nicht.
 
Für den guten Informationsfluss zu Förderprojekten oder anderen Stakeholdern ist auch eine Social-Media-Präsenz gut geeignet. Hier können nicht nur schnell und unaufwändig aktuelle Informationen bereitgestellt, sondern auch niedrigschwellige Angebote zum Dialog unterbreitet werden. In der Umfrage des Bundesverbands Deutscher Stiftungen zeigte sich hier eine deutliche Diskrepanz zwischen operativen (56,8 Prozent) und fördernden (20,2 Prozent) Stiftungen hinsichtlich der Nutzung der Sozialen Medien.

3.    Wirkungsvoller Fördern und Verdoppelungen von Förderungen vermeiden
Weltweit sind Millionen von zivilgesellschaftlichen Projekten aktiv. Da kann es leicht zur Über- und Unterversorgung kommen. Um dies zu vermeiden und die eigenen Gelder möglichst effektiv einzusetzen, ist es unabdingbar zu wissen, wer wo mit welchen Programmen tätig ist. "Foundation Maps" ist eine Plattform, die genau diese Art von Transparenz anstrebt. Auf der Plattform können Interessierte detailliert einsehen, welche Themen von wem, wo gefördert werden. Verschiedenste Filter ermöglichen spezifische Ansichten auf die Datenbank. Monatliche Webinare erklären die Nutzung der Plattform sowie neue, datenbasierte Trends im Bereich Philanthropie.

Einer Förderentscheidung sollte stets eine fundierte Wirkungsanalyse zu Grunde liegen, damit nur das gefördert wird, was tatsächlich etwas bewegt. Dazu müssen die Geförderten dabei unterstützt werden, die notwendigen Daten für ihre Wirkungsmessung zu erheben, auszuwerten und offenzulegen. Das würde sowohl zu einer spürbar erhöhten Transparenz über die gesellschaftliche Wirkung von Non-Profits führen, als auch das Fundament für zielgenaue Förderung legen. Aktuell besteht ein großer Nachholbedarf; nur ein Viertel der Befragten fühlen sich zu einer fundierten Wirkungsanalyse in der Lage (s. betterplace lab/WHU 2017).

Wie es gehen kann, zeigt "GiveDirectly". Die Organisation nutzt elektronische Bezahlsysteme, um mittels direkter Geldtransfers an bedürftige Menschen Armut zu bekämpfen. Die Wirkungen werden kontinuierlich gemessen und öffentlich gemacht. Das geht so weit, dass „GiveDirectly“ mit seinem neuen Format „GDLive“, finanziert durch die Benckiser Stiftung, das direkte Feedback der Begünstigten ungefiltert in Form von Statements online stellt. Unterstützer können sich so selbst ein Bild machen.
 
4.    Verbesserung von Kollaborationen
Im digitalen Zeitalter gehören Ko-Kreation und Kollaboration zu den großen gesellschaftlichen Trends, die holistischere und damit wirksamere Arbeit ermöglichen. Offene Stiftungen kollaborieren, um ihr philanthropisches Wirken zu verbessern. So tauschen sich beispielsweise an die 40 amerikanische Stiftungen im „Fund for Shared Insight“ zum Thema Offenheit und Teilen aus, um ihre Förderstrategien zu verbessern. Auch auf der digitalen Platttform „Online Assembly“ kommen die Stiftungen der Edgefunder Allianz zusammen, um kollaborativ mit Aktivisten Fördergelder zu vergeben. Auf diese Weise können Silos überwunden und informiertere Entscheidungen getroffen werden.

5.    Aufbau von Lerngemeinschaften
Stiftungen sitzen auf einem großen Wissensschatz; über soziale Herausforderungen, Formen des Engagements, Förderlogiken und Evaluationsmethoden. Diese können sie mit einer Vielzahl philanthropischer Akteure teilen und so das Wissensniveau im Sektor insgesamt anheben.
 
Schon seit einigen Jahren setzen sich einige Stiftungen im Rahmen von Initiativen, wie dem „Grantee Perception Report“ (USA) oder „Learning from Partners“ (Deutschland), aktiv mit dem Feedback ihrer Stakeholder auseinander, um ihre eigene Arbeit zu verbessern. Oft werden diese Ergebnisse prominent auf den Stiftungswebsites publiziert, um eigene Lernerfahrungen zu teilen. Eine ganze Reihe meist amerikanischer Stiftungen haben schon seit vielen Jahren eine eigene Online-Rubrik namens „What we are learning“. Dieser Austausch auf der Metaebene – über interne Programmevaluationen, Förderansätze, Social Media Policies, Auswahlverfahren etc. – erfolgt in Form von Blogposts, Podcasts, Infografiken oder ganzen Studien. Er kommt dem gesamten Sektor zugute, da einmal gemachte Erfahrungen vielen anderen zur Verfügung gestellt werden und so das Rad nicht immer neu erfunden werden muss. Zudem öffnen immer mehr Stiftungen ihre internen Wissensressourcen in Form von Datenbanken oder Dokumenten wie Google Docs, etwa zu Methoden, mit denen Förderer die Organisationsreife von Zuwendungsempfängern beurteilen können. Auch sogenannte Playbooks sind in den letzten Jahren beliebte Formate, um Wissen zu teilen: In diesen Online-Handbüchern stellen Stiftungen Werkzeuge, Best Practices und Checklisten zu einem Thema, wie zum Beispiel Altenpflege, Non-Profit-Leadership oder Fundraising für Bürgerstiftungen, dem gesamten Sektor zur Verfügung. Viele dieser Playbooks basieren wiederum auf der Zusammenarbeit verschiedener Stiftungen.
 
6.    Sorgsamer Umgang mit Daten
Stiftungen haben Zugriff auf viele Daten. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: Auf der einen Seite haben Stiftungen eine Verantwortung diese Daten auch zu nutzen, um neues Wissen zu generieren. So können Datenanalysen auf bis dato unbekannte Korrelationen oder Wirkungszusammenhänge hinweisen, die die strategische Ausrichtung positiv beeinflussen. Da vielen sozialen Organisationen, die dafür nötigen Analysekompetenzen fehlen, haben sich in den letzten Jahren neue Organisationen wie "Datakind" gegründet, die zivilgesellschaftlichen Akteuren dabei helfen. So unterstützten ehrenamtliche Datenanalytiker die Annie E. Casey Stiftung dabei, deren Datenflut zu sichten und deren Programme im Bereich Pflegefamilien und Kindeswohl maßgeblich zu verbessern.

Auf der anderen Seite sind Stiftungen verpflichtet, ihre Daten, insbesondere die über schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen und Begünstigte, extrem sorgsam zu schützen. Hier müssen Stiftungen entsprechende Kompetenzen aufbauen, um ethisch informiert darüber zu entscheiden, wie sie Daten entlang ihres gesamten Lebenszyklus nutzen wollen. Dies kann so aussehen, dass Stakeholder ihre Daten per default rein freiwillig zur Verfügung stellen und ihre Privatsphäre streng geschützt wird. Gerade bei Geförderten darf dann jedoch nicht das Gefühl entstehen, dass sie „optionale Daten” freigeben und „optionale Fragen” beantworten müssen, um ihre Chancen auf Förderung zu erhöhen. Die Oak Foundation reagiert darauf, indem sie Informationen zur Förderung erst veröffentlichen, nachdem sie von den Geförderten selbst überprüft und freigegeben werden. Das ist eine Möglichkeit, um sensible Daten zu schützen, ohne gleich auf Datenerhebung oder -veröffentlichung zu verzichten.

Erschwert wird das Datenschutzbestreben der Stiftungen und aller zivilgesellschaftlichen Akteure dadurch, dass sie häufig auf internationale (meist US-amerikanische) Plattformen zurückgreifen, deren Nutzungsbedingungen sie nicht selbst bestimmen können. Damit bauen sie ihre Arbeit auf eine Infrastruktur auf, die ihren eigenen Werten z.T. diametral entgegengesetzt ist. Auch hier ist der Erfahrungsaustausch unter den Stiftungen wichtig, welche anderen Anbieter am Markt sind oder welche Alternativlösungen existieren und empfehlenswert sind.


Weitere Informationen

Dr. Joana Breidenbach ist Mitgründerin der Spendenplattform betterplace.org und Gründerin des Thinktank betterplace lab, das die Schnittstelle zwischen digitalen Medien und Gemeinwohl erforschen will.

Stephan Peters kam 2013 zur Spendenplattform betterplace.org, um das Marketing zu verstärken. Seit 2015 ist er für den Thinktank betterplace lab tätig.

Dieser Artikel ist in kürzerer Fassung in der Frühlingsausgabe 2018 der Stiftungswelt erschienen.