Interview: Impulsgeber für Bildungsallianzen

»Mit dem Stiftungsverbund Lernen vor Ort ist die größte themenbezogene Stiftungsallianz in der deutschen Stiftungslandschaft entstanden.
Sabine Süß, Leiterin Koordinierungsstelle Netzwerk Stiftungen und Bildung im Bundesverband Deutscher Stiftungen
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StiftungsWelt: Was war der Anlass dafür, aus dem sehr erfolgreichen Stiftungsverbund Lernen vor Ort das Netzwerk Stiftungen und Bildung zu entwickeln?

Sabine Süß: Der Erfolg und die positiven Erfahrungen des Stiftungsverbundes Lernen vor Ort veranlasste uns darüber nachzudenken, wie weitere Bildungsstiftungen, aber auch Stiftungen, die nicht direkt im Bildungssektor tätig sind, aber diesen sehr wohl beeinflussen – hierzu gehören zum Beispiel Stiftungen, die sich im Gesundheits-, Umwelt- oder auch Kulturbereich engagieren –, von unseren Erfahrungen und Erkenntnissen profitieren könnten. In der Initiative Lernen vor Ort wurde zum ersten Mal eine systematische Zusammenarbeit auf der kommunalen Ebene von Stiftungen mit Vertretern der kommunalen Verwaltung und Politik initiiert. Der Anstoß dazu kam von Dr. Roland Kaehlbrandt, Stiftung Polytechnische Gesellschaft, und von Herrn Dr. Eichert, Herbert Quandt-Stiftung, im Rahmen eines Innovationskreises des Bundesbildungsministeriums und mündete in dem Programm Lernen vor Ort, das 2009 in einer einzigartigen Partnerschaft zwischen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und Stiftungen aus der Taufe gehoben wurde. Dabei wurde auch die Geschäftsstelle des Stiftungsverbundes durch das Programm finanziert. Stiftungen und Kommunen haben im Rahmen der Bildungsinitiative Lernen vor Ort in 40 Kommunen an einem lokalen kohärenten Bildungsmanagement gearbeitet. In einer Vielzahl der Kommunen bauten Stiftungen dazu lokale Stiftungsverbünde auf. Der Erfolg unserer Arbeit hat dazu geführt, dass das neue Netzwerk Stiftungen und Bildung jetzt von Stiftungen finanziert wird und diese bereit sind, eine solche Koordinierungsstelle und somit eine Infrastruktur zu fördern, die allen Stiftungen zugute kommt.

Das neue Netzwerk Stiftungen und Bildung öffnet sich also auch für Stiftungen, die sich nicht nur im engeren Sinn auf die Bildungslandschaft beziehen?
Unbedingt. Alle Stiftungen, die Teil unserer Netzwerkes sein wollen, sind willkommen – und damit auch solche Stiftungen, die Bildungsanliegen unterstützen, aber Bildung nicht vorrangig als Stiftungszweck verfolgen, und ebenso diejenigen, die noch nicht im Bundesverband Deutscher Stiftungen organisiert sind. Wir erhoffen uns davon neue interessante Synergien und Allianzen in der Stiftungslandschaft. Der Bundesverband möchte die gemeinsame Kraft der Stiftungen stärken, wie derer, die sich zum Beispiel auf lokaler Ebene zusammengeschlossen haben, wie dies bei Lernen vor Ort der Fall war. Zudem möchten wir die Erfahrungen und Erkenntnisse, die Stiftungen dabei in den letzten Jahren gesammelt haben, auch anderen Stiftungen und Partnern vor Ort zugänglich machen. Mit dem Stiftungsverbund Lernen vor Ort ist die größte themenbezogene Stiftungsallianz in der deutschen Stiftungslandschaft  entstanden. In ihr haben sich über 180 Stiftungen in 40 Kommunen engagiert. Wir wollen die Energie und Dynamik, die hier entstanden ist, für das neue Netzwerk nutzen. Dabei verstehen wir uns als Impulsgeber für (neue) Bildungsallianzen.

Bildung ist ein sehr komplexer, umfassender Begriff: Wo setzen Sie bei Ihren Aktivitäten an?
Wir verstehen Bildung als lebenslanges Lernen entlang der  persönlichen Biografie. Wir sehen den Menschen, das Individuum im Mittelpunkt, das sein gesamtes Leben lang Fähigkeiten und Fertigkeiten erwirbt und in die Lage versetzt werden sollte, diese auch anzuwenden. Dabei stehen die Chancengerechtigkeit und die damit verbundene Teilhabe an der Gesellschaft im Vordergrund. Unser Bildungsbegriff und -ansatz macht nicht an einer bestimmten Lebensaltersstufe Halt, sondern bezieht sich auf Menschen in allen Lebenslagen und Altersstufen. Kommt da auf Sie als Koordinierungsstelle nicht eine Herkulesaufgabe zu? Natürlich müssen wir Schritt für Schritt vorgehen. Stiftungen tragen bereits viele wesentliche Bausteine in der Bildungslandschaft bei. Wichtige Aufgabe für uns als Koordinierungsstelle wird es sein, die Beiträge, die Stiftungen leisten, in die gesamte Angebotslandschaft einzuordnen. Wir ermuntern und unterstützen Stiftungen darin, ihre Aktivitäten nicht solitär zu entwickeln, sondern im Blick zu behalten, dass sie zu den anderen Bildungsangeboten vor Ort passen sollten.

Worin sehen Sie die wichtigsten Aufgaben und Ziele der Koordinierungsstelle?
Eines unserer übergeordneten Ziele ist es, eine größere Transparenz der Angebote im Bildungssektor herbeizuführen. Wir wollen den Blick darauf lenken, was im Bildungssektor auf der lokalen, regionalen und überregionalen Ebene passiert, und wo es für Stiftungen interessant wäre, sich zu engagieren. Das bedeutet für uns, Wissen und Informationen zu sammeln, auszuwerten und weiterzugeben. Dafür werden wir passende Formate entwickeln, wie zum Beispiel Workshops, Tagungen und Exkursionen. Eine weitere wichtige Aufgabe besteht für uns darin, Kooperationsstrukturen auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene zu fördern, indem wir als Koordinierungsstelle Stiftungen, aber auch Kommunen dabei unterstützen, in Bildungslandschaften zu denken und Verbünde auf der lokalen Ebene zu entwickeln.

Meine Vision ist, dass eine Struktur wie das Netzwerk Stiftungen und Bildung auch für andere Themenbereiche im Stiftungssektor etabliert wird.
Sabine Süss, Leiterin Koordinierungsstelle Netzwerk Stiftungen und Bildung im Bundesverband Deutscher Stiftungen
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Wie nehmen Sie dies konkret in Angriff?
Wir initiieren zurzeit landesweite Stiftungsnetzwerke Bildung – auch, um externe Partner auf die vielfältigen Aktivitäten von Stiftungen aufmerksam zu machen. Wir wollen Strukturen schaffen, um den Austausch und Kooperationen der Stiftungen untereinander zu erleichtern. In Nordrhein-Westfalen hat sich bereits ein Stiftungsnetzwerk Bildung gegründet, in dem sich Stiftungen regelmäßig austauschen. Eine weitere Aufgabe besteht für uns darin, Innovationen zu identifizieren und zu fördern. So beobachten wir sehr aufmerksam, wo neuer Handlungsbedarf entsteht wie aktuell im Bereich Flüchtlinge und Bildung. Und nicht zuletzt steht bei uns das Thema Wirkung und Verbreitung in Bezug auf Projektarbeit und Kooperationsmodelle auf der Agenda. Wir sind im Netzwerk eine Art Nukleus – eine Energiezentrale –, in dem alle Informationen zusammenlaufen, die dann wieder gezielt aufgearbeitet und nach außen weitergegeben werden, um Stiftungen bei ihren ureigenen Aufgaben wirkungsvoll unterstützen, beraten und begleiten zu können.

Aber warum sollten sich Stiftungen überhaupt im Bildungsbereich verstärkt engagieren – das Bildungssystem ist doch staatlich ganz gut geregelt?

Das staatliche Bildungswesen allein kann die vielfältigen neuen Aufgaben und gesellschaftlichen Herausforderungen nicht mehr stemmen und ist daher auf starke Partner und neue Strukturen angewiesen. Hier ist ein Umdenken notwendig, das insbesondere die bisherigen Strukturen auf den Prüfstein stellt und reformiert. Angesichts des demografischen Wandels, schrumpfender Bevölkerungszahlen und zunehmender Bevölkerungsmobilität in die großen Ballungsräume hat jede Kommune großes Interesse daran, ihre Bevölkerung weiterhin am Ort zu halten – und da spielt Bildung eine entscheidende Rolle. Neue, lokale Bildungslandschaften benötigen allerdings neue, effiziente Strukturen und eine kluge Zusammenarbeit aller Akteure vor Ort, die im Bildungssektor aktiv sind. Dazu gehören auch Industrie- und Handwerkskammern, Wirtschaftsunternehmen, Volkshochschulen, die freien Träger der Wohlfahrtspflege, Vereine und andere. Wir sollten außerdem darüber nachdenken, wie die unterschiedlichen Ressorts der kommunalen Verwaltungen noch stärker miteinander kooperieren können. Voraussetzung dafür ist, dass die Beteiligten den Willen haben, an einem gemeinsamen Strang zu ziehen. In diesem Kontext kann den Stiftungen eine wichtige Mittlerrolle zukommen: Sie können relativ schnell Dinge in Bewegung setzen, für Vernetzung sorgen sowie Brücken zwischen unterschiedlichen Gruppen bauen, die sonst nicht unbedingt miteinander ins Gespräch kommen würden.

Sie sind als Koordinationsstelle auch so eine Art Expertenmakler?
Ja, so könnte man das sagen. Bei uns fragen Stiftungen und Kommunen an und bitten um Unterstützung bei der Anbahnung möglicher Kooperationen. Oder sie möchten wissen, warum und wie Kooperationen und Projekte an anderen Orten gut funktioniert haben. Das Know-how liegt natürlich bei den durchführenden Stiftungen, aber wir haben bereits jetzt einen guten Überblick darüber, wen wir als kompetenten Gesprächspartner vorschlagen können. Wir tragen dazu bei, dass bereits erworbene Erkenntnisse und Erfahrungen auch künftig sinnvoll und nachhaltig genutzt werden können.

Was möchten Sie in ein paar Jahren erreicht haben?

Wir möchten erreichen, dass es für Stiftungen selbstverständlich wird, kontinuierlich – auch mit unterschiedlichen Partnern – zusammenzuarbeiten. Und dass wir seitens des Bundesverbandes durch unsere Netzwerkstrukturen den Stiftungen in dem Sinne eine verlässliche Unterstützung anbieten können, damit diese ihre eigene Arbeit optimal durchführen können. Meine Vision ist es, dass eine Struktur wie das Netzwerk Stiftungen und Bildung auch für andere Themenbereiche im Stiftungssektor etabliert wird. Wenn wir erreichen, dass Stiftungen miteinander kooperieren und sich regelmäßig austauschen, haben wir einen ersten Schritt getan. Passende Unterstützungsstrukturen für Stiftungsverbünde zu entwickeln, wäre dann ein weiterer wichtiger Schritt. Denn Stiftungen sind – besonders auf lokaler Ebene – einer der wichtigsten zivilgesellschaftlichen Partner in der gesellschaftlichen Gemeinschaft. Unser Wunsch wäre es, dass sich Stiftungen ihrer Rolle und ihrer Wirkung in der Bildungslandschaft bewusster werden und dass auch umgekehrt die verantwortlichen Akteure in den Kommunen erkennen, dass Stiftungen gute Partner sind, mit denen sie gemeinsame  Ziele entwickeln und Maßnahmen erfolgreich umsetzen können.

Interview: Veronika Renkes

Interview

Im Mai 2015 wurde das Netzwerk Stiftungen und Bildung im Bundesverband Deutscher Stiftungen aus dem Stiftungsverbund Lernen vor Ort heraus entwickelt. Die Leiterin der Koordinierungsstelle
Sabine Süß gibt Einblick in Hintergründe und Ziele.

StiftungsWelt 02-2015
Fundraising für Stiftungen