Erster Stiftungskrimi: Handicap mit Todesfolge

Krimi über Stiftungen: Handicap mit Todesfolge
Krimi über Stiftungen: Handicap mit Todesfolge

Im Kellerarchiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg liegen brisante Dokumente: Briefe und Protokolle über die skandalöse Geschichte der damaligen Alsterdorfer Anstalten in der NS- und der Nachkriegszeit. Als der heutige Stiftungsdirektor und Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Hanns- Stephan Haas in diesen Dokumenten stöberte, kam ihm die Idee, über diesen Stoff einen Kriminalroman zu schreiben. Das war vor etwa drei Jahren, jetzt liegt der Krimi vor: „Handicap mit Todesfolge“.

„Es hat mich immer schon gereizt, Sachen zu trivialisieren, ohne sie zu verharmlosen“, sagt Haas, der die Stiftung Alsterdorf seit 2008 leitet. Vor allem habe er endlich mal ein Buch schreiben wollen, das auch von vielen Leuten gelesen werden kann. Bislang veröffentlichte Haas ausschließlich wissenschaftliche Bücher über seine diversen Fachgebiete als Professor für Systematische Theologie und Diakoniewissenschaft.

Aufdecken oder vertuschen - das ist hier die Frage

Der Krimi spielt im Heute, Orte der Handlung sind Hamburg, Schweden, Korsika und die Nordseeinsel Spiekeroog. Und überall wird gemordet, zumeist mit heimtückischem Sachverstand. „Ich hatte kundige Berater“, sagt Haas, „das hat riesigen Spaß gemacht.“ Geschrieben hat er meistens abends oder nachts, mal nur fünf Minuten, mal eine Stunde am Stück. Aufwendiger war die Recherche im Archivkeller. Und auch belastender: Alsterdorf war schon 1938 zum ganz realen Tatort geworden.

Damals verlegte man 22 jüdische Bewohner in andere Einrichtungen und ermordete sie dort. Über 500 weitere Alsterdorf-Bewohner wurden in den folgenden Jahren in den sogenannten Euthanasieprogrammen der Nazis umgebracht. In den 1980er-Jahren wurde dieses düstere Kapitel der Geschichte Alsterdorfs von der Stiftung selbst aufgearbeitet und schließlich 1987 unter dem Titel „Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr“ publiziert. 2013 folgte das Buch über die Nachkriegsjahre: „Mitten in Hamburg: Die Alsterdorfer Anstalten 1945– 1979“.

„Krimis über die NS-Zeit gibt es viele, doch mein Buch ist vermutlich der erste Krimi überhaupt, der in einer sozialen Einrichtung spielt“, sagt Haas. Figuren und Handlung sind frei erfunden, aber der historische Hintergrund ist echt. Thema ist der Umgang mit dem düsteren Gestern: Deckt man es auf – oder vertuscht man’s? Der Leser ahnt, dass die Schatten der NS-Geschichte zum Mordmotiv in der Jetzt-Zeit werden.

1 Euro je Exemplar geht an die Stiftung

Eine der Hauptpersonen ist Andreas, ein Autist „mit mehreren Vermittlungshemmnissen“. Auch er ist erfunden, aber authentisch beschrieben. „Mir war wichtig, dass Menschen mit Handicap vorkommen“, sagt Haas. „Auch das dürfte selten sein in einem Krimi.“ Der Autist Andreas jedenfalls versteht viel von Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und so kommt er durch ausgeklügelte Verfahren dem möglichen Täter auf die Spur.

Eine ausschließlich positive Folge hat sein Krimi für die eigene Stiftung: Haas verzichtete auf sein Autorenhonorar, und dafür geht 1 Euro pro verkauftem Exemplar nach Alsterdorf. Die Auflage beträgt laut Haas rund 4.000 Stück. „Schön wär’s natürlich, wenn’s noch mehr würde“, sagt er lachend – denn dann müsste man nachdrucken.

Autor
Klaus Merhof ist Chefredakteur des Landesdienstes Nord des Evangelischen Pressedienstes (epd) in Hamburg.
Fundstücke
In der Rubrik "Fundstücke" blättern wir uns durch alte Ausgaben der StiftungsWelt und graben verschiedenste Text-Schätze wieder aus. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

Dieser Artikel ist erstmals in der StiftungsWelt 03/2015 erschienen.
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