Ein unglaubliches Potenzial, das man wecken kann

Wie können sich Stiftungen erfolgreich für Grün in der Stadt engagieren?

Ein Gespräch mit Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz Umweltstiftung
Interview: Benita v. Behr
 

StiftungsWelt: Herr Dr. Spandau, was war Ihre letzte Begegnung mit Stadtnatur?

Dr. Lutz Spandau:

Erst einmal müssen wir klären, worüber wir reden: über Natur oder über Grün in der Stadt? Das ist ein großer Unterschied! Hier in Berlin finden wir Flächen auf allen Stufen der Skala – von "sehr stark menschlich geprägt" bis "Wildnis". Der Lustgarten etwa, der ist nicht einmal eine Wiese, sondern ein Rasen, der wöchentlich gemäht wird – das hat mit Natur relativ wenig zu tun. Im Tiergarten gibt es hingegen auch Flächen, die sich ohne menschliche Grünpflege entwickeln dürfen. Und im Natur-Park Schöneberger Südgelände, einem ehemaligen Rangierbahnhof in West-Berlin, dessen Fläche als S-Bahn-Gelände 40 Jahre lang der DDR gehörte und nicht betreten werden durfte, haben wir
Wildnis in der Stadt. Wenn wir über Grün in der Stadt reden, war mein letztes Erlebnis auf der Internationalen Gartenbauausstellung in Berlin – hoch spannend. Durch sie gibt es in dem sehr dicht besiedelten Bezirk Marzahn jetzt mehr Grünflächen. Mein letztes Erlebnis mit Natur in der Stadt war auf dem eben genannten Schöneberger Südgelände.

Grün in Städten zu stärken, war von Beginn an ein Schwerpunkt der Allianz Umweltstiftung. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?

Es wird davon ausgegangen, dass bis 2030 über 80 Prozent der Menschen in Städten leben werden. Deswegen ist es elementar, mehr Erholung in der Stadt zu ermöglichen. Als die Stiftung 1990 gegründet wurde, hatte sich gerade die innerdeutsche Grenze geöffnet. Der Berliner Bezirk Prenzlauer Berg war damals der am schlechtesten mit Grün versorgte Stadtteil aller europäischen Großstädte. Es gab 20 Quadratzentimeter Grün pro Einwohner – das ist in etwa eine Visitenkarte! Wir hatten dann die Möglichkeit, in den Wendewirren auf dem ehemaligen Mauerstreifen den Mauerpark zu errichten. Das war unser erstes Projekt.

Anfangs hieß der Förderbereich "Grün in Städten", inzwischen heißt er "Leben in der Stadt". Wie kam es zu der Weiterentwicklung?

"Leben in der Stadt" beinhaltet nicht nur das Leben von uns Menschen, sondern auch von Tieren und Pflanzen – unsere Städte sind zum Teil die artenreichsten Lebensräume! Mit "Leben in der Stadt" fahren wir sehr gut, weil wir die Auffassung vertreten, dass wir alles Erdenkliche tun sollten, um die Menschen in der Stadt zu halten. Wenn wir Freizeitaktivitäten im Grünen in den Städten realisieren, fahren die Menschen nicht raus aufs Land, um sich zu erholen, und leisten damit einen Beitrag zum Klimaschutz. Bei der Auswahl unserer Projekte leitet uns die Überlegung, die Natur in der Stadt nicht als primäres Objekt in den Vordergrund zu stellen. Ich halte es für richtig, dass in der Stadt Grün und Natur den Menschen dienen, auch um sie in den Städten zu halten. Große Naturschutzgebiete gehören aufs Land.

"Wenn wir Freizeitaktivitäten im Grünen in den Städten realisieren, fahren die Menschen nicht raus aufs Land, um sich zu erholen, und leisten damit einen Beitrag zum Klimaschutz"
Dr. Lutz Spandau
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Wo sehen Sie im Bereich Stadtökologie Probleme, etwa dabei, wie Kommunen und Städte mit Grün umgehen?

Ich sehe eigentlich weniger Probleme als vielmehr ein enormes Betätigungsfeld. Wir haben in den Städten riesige brachliegende Potenziale. Denkt man nur einmal daran, wie viele urbane Gewässer unter die Erde gelegt wurden! Heute haben wir größtenteils wieder eine sehr gute Gewässerqualität. Die Flüsse und Seen sind keine Kloaken mehr, man kann sogar darin baden. Erleben und Leben am Wasser in der Stadt – hier gibt es ein unglaubliches Potenzial, das man wecken kann. Ein Betätigungsfeld für Stiftungen? Ja. Wir Stiftungen sollten vor allen Dingen das Potenzial heben, das an vielen Orten schlummert, und den Menschen wieder zugänglich machen. Neben Gewässern betrifft das auch viele andere Freiräume. Es muss möglich sein, in der Stadt auf einem Rasen zu liegen und in den Himmel zu sehen. Dafür sollten wir uns einsetzen. Es muss immer einen Motor geben, der solche Diskussionen ins Leben ruft. Wenn dieser Motor aus der politischen Szene kommt, hat er sofort einen Gegenmotor, während wir Stiftungen frei sind. Es liegt an uns, die schlummernden Potenziale in den Städten zum Leben zu erwecken und gemeinsam mit den Städten entsprechende Projekte zu konzipieren.

Sie plädieren also dafür, dass Stiftungen auf Städte zugehen und mit ihnen kooperieren?

Ja, unbedingt, anders geht es gar nicht. Denn Stiftungen können ein Projekt initiieren, aber nicht langfristig unterhalten. Ein Park ist schnell gebaut, aber danach gibt es laufende Kosten. Deswegen muss man solche Projekte von Anfang an mit den Städten konzipieren, denn wenn diese sich nicht bereit erklären, die Freifläche in Zukunft zu pflegen und zu erhalten, braucht man das Projekt gar nicht erst zu beginnen.

Wo sonst können sich Stiftungen noch sinnvoll betätigen?

Im Bereich der temporären Zwischennutzung von Grün. Wir haben in den Städten zum Teil sehr viele Brachflächen, die irgendwann mal bebaut werden, und bis dahin könnten diese Brachflächen als Grünflächen genutzt werden. Ein wunderbares Beispiel aus Berlin: Als der Palast der Republik abgerissen wurde, vor Beginn des Schlossneubaus, wurde an der Spree eine große Wiese angelegt, gegenüber von Dom und Rotem Rathaus. Da lagen jeden Tag Hunderte von Menschen mitten in der Stadt auf dem Gras, am Wasser, und haben sich erholt. Solche temporären Zwischennutzungen bieten ein großes Potenzial, das sollten Stiftungen stärker unterstützen.

Welche Chancen bieten Städte für die Umweltbildung?

Ich denke, in Bezug auf Umweltbildung und -kommunikation sollten wir eine Kehrtwende vollziehen. Bisher sind wir mit Umweltbildungseinrichtungen immer dahin gegangen, wo Natur vorherrscht, d.h. in periphere Räume, ländliche Regionen, in der Hoffnung: Die Menschen kommen zu uns und lernen dann etwas über die Umwelt. Hier müssen wir umdenken und dort hingehen, wo die Menschen sind. Wir müssen unsere Inhalte auf die zentralen Plätze in der Stadt bringen, denn dort werden sie wahrgenommen. Die Allianz Umweltstiftung hat deshalb in Berlin in ihrem Gebäude am Pariser Platz die Naturfilm-Bühne eingerichtet. In diesem Format zeigen wir Naturfilme und diskutieren danach darüber. Bei der letzten Naturfilm-Bühne ging es um das Leben der Eisbären: 500 Gäste! Nie im Leben hätten wir im Spreewald, in der Pfalz oder im Bayerischen Wald 500 Gäste. Der Ansatz, mit den Inhalten dahin zu gehen, wo die Menschen sind, ist richtig, denn: Nur was man kennt, sieht man, und nur was man
sieht, schützt man.

Wie geht es bei der Allianz Umweltstiftung weiter?

Unser aktuelles großes Projekt ist die Wiedervereinigung des Englischen Gartens in München. Wir haben erreicht, dass die Stadtautobahn, die den Englischen Garten zerschneidet, in einen Tunnel gelegt und der Englische Garten damit wiedervereinigt werden wird. Diese Perspektive ist ausschließlich von der Allianz Umweltstiftung und der Bürgerstiftung "Ein Englischer Garten" realisiert worden. Ein wunderbarer Erfolg für die Stiftungswelt – und für das Klima, die Menschen und das Stadtgrün. Das zeigt, was Stiftungen bewirken können.

Im Interview

Dr. Lutz Spandau 
verantwortet seit 1991 als Vorstand der Allianz Umweltstiftung sowohl die Konzeption und Struktur der Stiftung als auch ihre Förderprojekte. Der studierte Landschaftsarchitekt und Ökologe leitete von 1999 bis 2013 den Arbeitskreis Umwelt im Bundesverband Deutscher Stiftungen und war Mitglied in dessen Beirat.

Weitere Informationen
lutz.spandau[at]allianz[punkt]com

StiftungsWelt 02-2017

Der Artikel wurde in der StiftungsWelt 02-2017 mit dem Schwerpunkt "Alles auf Grün. Stadtnatur als Stiftungsthema" veröffentlicht.

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