Die Manuskripte von Timbuktu

Die sagenumwobene Stadt Timbuktu besitzt ein reiches kulturelles Erbe. Doch Hunderttausende historische Manuskripte drohten von Dschihadisten zerstört zu werden. Die Geschichte einer abenteuerlichen Rettung

An den südlichen Ausläufern der Sahara wölbt sich der Niger vorbei an Timbuktu, zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine pulsierende Kleinstadt, wie der reisende Gelehrte Leo Africanus berichtet: Handelsrouten kreuzen sich, dazu imposante Baudenkmäler wie die Lehmmoscheen. Besonders beeindruckt zeigt sich Africanus vom intellektuellen Klima: Die wertvollsten Güter auf dem Markt, berichtet er, seien nicht Gold oder Stoffe, sondern Manuskripte. Ein halbes Jahrtausend später hat sich das grundlegend geändert, und darum steht Abdel Kader Haïdara im Frühjahr 2012 vor einem großen Problem. Bibliotheksbesitzer wie er sind in diesen Tagen in Mali besonderer Gefahr ausgesetzt. Ein Krieg zerreißt das Land, dschihadistische Söldner kontrollieren den Norden. Alles Gedruckte, alles Weltliche ist ihnen ein Ärgernis. Also genau das, was Haïdara in seinen Regalen lagert: Schriftrollen, Bücher und lose Blätter, voller Alchemie und Astronomie, voller Philosophie, theologischer Kommentare oder Poesie. Besonders interessant: die lokalen afrikanischen Sprachen, festgehalten in arabischer Schrift. Die Manuskripte sind teils mehrere hundert Jahre alt. Haïdaras Lieblingsschrift umreißt am Beispiel eines ungeborenen Kindes im Mutterleib den Begriff der Menschenrechte. In etwa zur selben Zeit machen sich auch in Europa Philosophen wie Rousseau oder Kant Gedanken zu diesem Thema. 


Für Haïdara liegt in den Regalen mehr als nur Papier. Die Manuskripte machen die Identität der Menschen in Mali aus, findet er, ihre Geschichte. Aber es geht nicht nur um die Malier: „Es geht um uns alle. Um uns heute und um diejenigen, die nach uns kommen werden“, sagt er. Haïdara sieht die Manuskripte als Teil des globalen kulturellen Erbes. Sie sind ein kultureller Schatz. Aber nun stopfen Haïdara und seine Helfer den Schatz in große Kisten, in aller Eile. Keine Zeit, auf Eselsohren zu achten. Leo Africanus hat einmal gesagt: „Diese Manuskripte sind ein Teil meines Körpers, ich liebe sie alle.“ Nun so mit seinem Schatz umspringen zu müssen, bereitet Haïdara Schmerz. Aber es geht nicht anders. Die Dschihadisten wollen den Schatz verbieten. Schlimmer noch: Sie wollen ihn zerstören. Die Tuareg, ein Nomadenvolk aus dem Norden des Landes, haben sich mit den Söldnern zusammengetan. Nachdem sie die Kontrolle über das Gebiet erlangt haben, erlassen die Islamisten strenge Kleider- und Moralvorschriften. Und sie schrecken nicht davor zurück, für ihre Überzeugungen zu töten. „Die Manuskripte sollten nicht im Brennpunkt dieser Probleme bleiben“, sagt Haïdara.

Der Schatz hat ein Haltbarkeitsdatum, das niemand kennt

Sie müssen hinaus aus Timbuktu, an einen sicheren Ort, und zwar schnell. Denn sogar das Klima scheint gegen Haïdara und seine Helfer zu sein: Die Wüstenhitze lässt die Schriften bröckeln und zerfallen. Und sie ist optimal für Termiten, die am Papier nagen. Jeder Tag, den die Manuskripte in den Kisten liegen, könnte einer zu viel sein. Der Schatz hat ein Haltbarkeitsdatum, das niemand kennt. So beginnt die Geschichte von der Rettung der Manuskripte aus Timbuktu: vor den Dschihadisten und vor dem Zerfall. Eine Aktion, die unmöglich scheint, aber am Ende gelingen wird, auch mit Hilfe von Experten aus Deutschland. Anfang November 2018 wird das Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC) der Universität Hamburg die Ergebnisse des Projekts vorstellen und ein Fazit ziehen. Es wird allerdings ein vorläufiges sein, denn die Forschung an den Manuskripten ist noch lange nicht abgeschlossen. Begonnen hat die Kooperation 2012. Am Hamburger Zentrum kennt man sich aus mit uralten Handschriften und damit, wie man sie auch unter schwierigen Bedingungen konserviert und erschließt. Der Leiter Michael Friedrich bietet dem Auswärtigen Amt Unterstützung an. Gefördert durch das Ministerium und die Gerda Henkel Stiftung aus Düsseldorf, schickt das Zentrum immer wieder Restauratoren, Manuskript-Experten oder Westafrika-Forscher wie den Projektleiter Dmitry Bondarev nach Bamako, die malische Hauptstadt im Süden des Landes, um vor Ort an den Handschriften zu arbeiten.

Zunächst sind die Manuskripte aber noch in Timbuktu, 700 Kilometer von Bamako entfernt. Wie kommen sie in die Hauptstadt? Das gestaltet sich schwierig, auch weil die Bibliothekskultur in Mali eine andere ist als jene in Europa. Die Bestände liegen nicht konzentriert in großen staatlichen oder kommunalen Bibliotheken, sondern verteilen sich auf unzählige private Einrichtungen, meist in Familienbesitz, wie die von Abdel Kader Haïdara. Der Posten des Vorstehers dieser Privatbibliotheken wird vererbt. „Das ist eine weitverbreitete Praxis in Subsahara-Afrika und schwer mit europäischen Verhältnissen vergleichbar“, erklärt Projektleiter Bondarev. 

Dschihadisten, Klima, Zeit: Alles arbeitet gegen die Bibliothekare

Es gibt keinen zentralisierten Katalog, keine Bestandsliste. Das liege auch daran, dass die ehemalige Kolonialmacht Frankreich einst alle Schriften in Arabisch als gering erachtet habe, erklärt Bondarev: „Das war ein Konstrukt, um die Vielfalt aller afrikanischen Kulturen einzuebenen“. Nur so hätten die Kolonialmächte den Mythos von Afrika als „ungebildetem, schriftlosen Kontinent“, den es zu zivilisieren gelte, aufrechterhalten können – und so hätten die Franzosen die einheimischen Bibliotheken in den Untergrund gedrängt. Die Privatbibliothekare pflegen darum auch heute noch äußerst emotionale Beziehungen zu ihren Handschriften. Haïdara gelingt es, drei Dutzend von ihnen zu überzeugen, ihre Bestände aus Timbuktu fortzuschaffen. Es ist ein abenteuerliches Unterfangen: Insgesamt sind es fast 300.000 Manuskripte, die die Gelehrten in mehreren Tausend Kleiderkisten aus der Stadt schmuggeln – angeblich etwa 95 Prozent des Gesamtbestandes der Stadt. Immer nur wenige Kisten auf einmal, auf Lasteseln, Schiffen, Motorrädern. 700 Kilometer in den Süden. Sie wollen unauffindbar sein, ändern ständig ihre Routen. Und arbeiten trotzdem in der ständigen Angst, einer Patrouille von Islamisten in die Arme zu laufen. Acht Monate dauert die waghalsige Reise. Anfang 2013 dann sind alle Kisten in Bamako angekommen. Endlich können die Hamburger Spezialisten an den Manuskripten arbeiten. Doch der Kampf gegen ihren Zerfall geht weiter: Die Kisten stapeln sich in einem geheimen Lager, es lastet ein unglaubliches Gewicht auf denen, die unten stehen. Und je stärker die Manuskripte gepresst werden, umso leichter kann sich in der feuchten Tropenluft Bamakos der Schimmel in den Kisten ausbreiten. Die Spezialisten arbeiten unter Hochdruck. Es hilft, dass viele Organisationen an der Konservierungsmission beteiligt sind, deutsche, malische, aus den USA, Dubai und Luxemburg. Aber deren Tätigkeiten müssen gut abgestimmt sein. Das Auswärtige Amt lädt darum zu einer Konferenz nach Berlin, auf der die Ziele und Zuständigkeiten abgeglichen werden. Danach läuft die Konservierung schnell und effizient.

Noch ist die Arbeit lange nicht getan

Die Expertinnen und Experten aus Hamburg können nicht alle 300.000 Manuskripte selbst sichten und notfalls reparieren. Darum ist es unerlässlich, dass sie einheimische Frauen und Männer unterrichten, vor allem im Umgang mit beschädigtem Papier. Manche Manuskripte wurden durch den Transport nur verschmutzt, aber ein Großteil braucht spezielle Behandlungen mit chemischen Tinkturen und Klebstoffen, die mit kleinen Pinseln auf Bruchstellen aufgetragen werden. Manche Schriften sind so stark beschädigt, dass sie rasch „notoperiert“ werden müssen, wie die Experten sagen. Auch müssen besondere Lagerungskartons gefaltet, Regale gebaut, Klimaanlagen eingerichtet werden. Der nächste Schritt ist die Katalogisierung: Ein Manuskript kann ein einzelnes Blatt sein, aber auch ein 500 Seiten dicker Foliant. All dies muss zuvor bestimmt werden. Zum Schluss werden alle Seiten digital fotografiert und als hochauflösende Bilder in ein Online-Portal gestellt. Dort können Forscherinnen und Forscher Einsicht nehmen. Nicht zuletzt deshalb ist nun, da die Manuskripte von Timbuktu gesichert und digitalisiert worden sind, erst ein Teilziel des Projektes erreicht. Das Hauptaugenmerk lag bisher ganz klar auf Notfallmaßnahmen. Die systematische wissenschaftliche Arbeit an den Texten kann erst jetzt richtig beginnen – zunächst in Bamako. Der Konflikt in Mali wurde zwar durch die französische Armee entschärft. Noch ist die Lage im Norden aber zu unsicher, um die Manuskripte nach Timbuktu zurückzubringen.

Wie lange wird die Erforschung in etwa dauern? Zehn Jahre, zwanzig, fünfzig? Mehrere Generationen, wie mancher glaubt? „Wir können keine Vorhersagen machen“, sagt Projektleiter Dmitry Bondarev. Warum nicht, erklärt er anhand eines Manuskript-Beispiels aus einer anderen Sammlung: Seit mehr als 100 Jahren sei die Schrift bekannt, allerdings hätten sich durch neue Forschungsfragen immer wieder neue Erkenntnisse ergeben. „Jedes Manuskript ist ein einzigartiges Objekt“, sagt Bondarev. Die Forschungsarbeit sei nie endgültig abgeschlossen. Die Geschichte der Manuskripte dauert nun schon mehrere Jahrhunderte. Es scheint, als sei sie noch lange nicht zuende erzählt.

Autor
Bernhard Hiergeist ist freier Journalist aus München. Er arbeitet für Tageszeitungen und Magazine und schreibt über gesellschaftliche und digitale Themen.
Stiftungswelt Herbst 2018
Eine gekürzte Fassung des Interviews wurde in der Stiftungswelt Herbst 2018 veröffentlicht.
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