Pluralität braucht Stiftungen. Oder was Occupy Wallstreet über die gesellschaftliche Relevanz von Stiftungen aussagt

Lukas von Orelli
Klare Kante
© 2019 Velux Stiftung, Foto: Rita Palanikumar

Warum haben es Autokraten stets auf Stiftungen abgesehen? Warum sind Stiftungen genauso undemokratisch wie fast alle anderen Organisationen und sind dennoch eine wesentliche Säule der Demokratie? Dies erklärt Lukas von Orelli, Geschäftsführer der Schweizer Velux Stiftung und Präsident der SwissFoundations, und zeigt Klare Kante:

Die Occupy Wallstreet-Bewegung hat anfangs dieses Jahrzehnts weltweit Tausende bewegt. Ausgehend von der Besetzung des Zuccotti-Parks in New York weitete sich die Bewegung von den USA bis nach Europa aus. Die Medien griffen das Thema bereitwillig auf und trugen das ihre zur Verbreitung der Bewegung bei. Aber auch Schauspieler, Politiker und Nobelpreisträger unterstützten die Bewegung lauthals. Was die wenigsten wussten: Hinter der Bewegung stand eine kleine kanadische Stiftung, die Adbuster Media Foundation, die die ersten Aktionen in den sozialen Medien lancierte.  

Stiftungen – Garanten der Demokratie 

Sieht man das Ausmaß der Entwicklung, ist es nicht erstaunlich, dass Autokraten wie Viktor Orbán die Stiftungen im Visier haben, wenn sie ihre Macht sichern wollen. Wo die demokratischen Kräfte eingedämmt werden sollen, geht es zuerst den Medien und dann dem Zivilsektor, also auch den Stiftungen, an den Kragen. Man kann sich fragen, ob Bewegungen wie Occupy Wallstreet oder aktuell die Gilets Jaunes und die Klimastreiks nicht manchmal über das Ziel hinausschießen. Auch sind ihre Mittel nicht über jeden Zweifel erhaben. Aber: sie mobilisieren. Und sie sind ein Ventil für den Unmut von Bürgern, die sich über die regulären demokratischen Mechanismen nicht gehört oder nicht verstanden fühlen.  

Dass eine Stiftung wie die Adbuster Media Foundation dieses Ventil öffnet, unterstreicht die Bedeutung gemeinnütziger Stiftungen für das demokratische System. Stiftungen können ein Korrektiv sein, wenn die demokratischen Mechanismen versagen oder relevante Perspektiven fehlen. Grundsätzlich ist der Beitrag von Stiftungen weniger spektakulär. Sie nehmen in ihrer täglichen Arbeit gesellschaftliche Bedürfnisse auf, wo es Staat oder Wirtschaft (noch) nicht tun können. Damit tragen sie zu sozialem Frieden und Kohäsion bei. Je breiter und vielfältiger der Stiftungssektor ist, desto besser gelingt ihm dies. Wer also eine Demokratie will, bei der Bürger und Bürgerinnen Eigenverantwortung übernehmen, sich der Zivilsektor selbständig organisiert und bei der letztlich Staat und Politik dazu da sind, dem Volk zu dienen, braucht Stiftungen nicht zu fürchten. Im Gegenteil: Stiftungen gehören als notwendige Akteure zur Demokratie wie die Parteien, die Medien und der Stammtisch. Wer aber glaubt, eine Elite sei fähiger, die Geschicke eines Landes zu lenken, als die manipulierbare und willenlose Masse, sollte Stiftungen tunlichst abschaffen.  

 „Zeigt euch, erklärt euch!” 

Nun wird Stiftungen nicht nur von Autokraten misstraut. Immer häufiger sind sie mit dem Vorwurf konfrontiert, undemokratisch zu sein. Man müsse sie daher im Zaun halten und eng kontrollieren. Das Gegenteil ist richtig: Ja, die einzelne Stiftung ist undemokratisch in dem Sinne, dass die Öffentlichkeit nicht mitbestimmt, wie die Stiftungsgelder verwendet werden. Aber bei welchen Akteuren der Gesellschaft ist dies schon der Fall? Bei Unternehmen? Privatpersonen? Verbänden? Länder wie Deutschland oder die Schweiz leben von der Pluralität und Diversität der Stimmen, die den demokratischen Prozess bilden. Es sollten also möglichst viele Stiftungen mit möglichst vielen Anliegen existieren, um die gesellschaftlichen Bedürfnisse möglichst breit abzudecken. Ein liberaler, prosperierender Stiftungssektor ist die Gewähr dafür, dass keine Anliegen vergessen gehen. Und das hat nichts mit der Größe zu tun: siehe Adbuster Media Foundation. 

Last but not least dürfen aber auch wir Stiftungen uns nicht selbstgefällig zurücklehnen. Wir müssen die Botschaft ernst nehmen: Zeigt euch, erklärt euch! Ein prosperierender, gesellschaftlich relevanter und von der Gesellschaft getragener Stiftungssektor erfordert von uns Sichtbarkeit, Zugänglichkeit und Nachvollziehbarkeit. Wir müssen zeigen, wie wir tun, was wir tun. So erhalten Stiftungen die gesellschaftliche Akzeptanz, die sie verdienen.

Zur Person:
Dr. Lukas von Orelli ist der Geschäftsführer der Schweizer Velux Stiftung und Präsident der SwissFoundations, des Dachverbandes der Schweizer Förderstiftungen. Der Wirtschaftswissenschaftler und Jurist promovierte „Zur Auslegung des Stifterwillens”. In verschiedenen Positionen – ehrenamtlich und hauptberuflich – ist von Orelli in einer Vielzahl Schweizer Stiftung tätig (gewesen).
Velux Stiftung

Die Schweizer Velux Stiftung fördert Forschung in den drei Förderungsschwerpunkten Gesundes Altern, Ophthalmologie und Tageslicht in Bezug auf Technologie, Mensch und Natur. Die Stiftung mit Sitz in Zürich widmet sich somit Forschungsprojekten, die etwas verändern. Ziel ist eine nachhaltige Verbesserung der Gesellschaft. Hierfür werden Forschende und Forschung unterstützt, die ein hohes Potenzial aufweisen, durch soziale Wirkung einen gesellschaftlichen Wandel zu befördern.
https://veluxstiftung.ch

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