Ostritz hält zusammen

Klare Kante

In der Kleinstadt Ostritz organisieren seit 2018 hunderte Freiwillige aus Ostritz und der Region mehrere Friedensfeste, um rechtsextremen Kampfsport- und Konzertveranstaltungen etwas entgegenzusetzen. Für dieses Engagement wurde die Ostritzer Friedensfestinitiative mit dem Sonderpreis des Deutschen Engagementpreises 2019 ausgezeichnet. Was bedeutet gesellschaftlicher Zusammenhalt in ländlichen Regionen? Und wie können andere Kommunen mit ähnlichen Herausforderungen vom Ostritzer Engagement lernen? Wir haben dazu mit Marion Prange, Bürgermeisterin der Stadt Ostritz gesprochen.

Frau Prange: Was verstehen Sie persönlich unter gesellschaftlichem Zusammenhalt?
Eigentlich etwas ganz Selbstverständliches, nämlich etwas „zusammenzuhalten“ was zusammengehört oder etwas „zusammenzubringen“ was bisher noch nicht zueinander gefunden hat, nämlich mündige, möglichst gut informierte und engagierte Bürgerinnen und Bürger, die von ihrer Freiheit Gebrauch machen und bereit sind, für sich selbst aber auch für unsere Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Gerade als Bürgermeisterin, sozusagen an der kommunalen Basis und im direkten Kontakt mit der Bürgerschaft, beobachte ich mit Sorge, wie schwierig es ist, wenn der Eine mit dem Anderem nichts mehr zu tun haben möchte, wenn Themen wie Globalisierung und Digitalisierung, soziale Ungleichheit und Migration, Meinungen und Menschen voneinander entfernen und unüberwindbare Barrieren schaffen. Hier sind wir als Kommunalpolitiker besonders gefragt, hier geht es um Zuhören, um Vermitteln und um faktenbezogenes sachliches Informieren, um diese gesellschaftlichen Gräben zu überwinden. Das ist in der heutigen Zeit, wo einige Menschen das Vertrauen in die „große“ Politik verloren haben oder von Populisten angetrieben werden, eine große und besondere Herausforderung.

Die Stadt wirbt mit dem Slogan: Leben Energie Fluss. Was zeichnet Ihre Stadt besonders aus?
Ich denke, es sind mehrere Dinge gleichzeitig, die Ostritz als sächsische Kleinstadt, trotz des demografischen Wandels, immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rückt und die die Menschen in unserer Stadt und unserer Region auszeichnen. Bis zum heutigen Tag sind uns in Ostritz die Eigenschaften der ersten Siedler um 1241 wahrscheinlich ein Beispiel: Zähigkeit im Ringen um den Erhalt unserer Stadt, gegenseitige Hilfe, Durchhaltevermögen, viel Fleiß sowie einsatzbereite und mutige Menschen, die stets vorangehen.

Mit der Öffnung der Grenzen und der Wiedervereinigung von Ost und West, verloren viele Menschen in der Region von heute auf morgen ihre Arbeit und verließen aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimat. Aber es gab auch viele Menschen in der Region, die geblieben sind und die diese neu gewonnene Freiheit und die Möglichkeiten für Veränderungen nutzten, um sich stetig mit innovativen Ideen, viel Engagement und Zuversicht hier vor Ort einzubringen. So präsentierte sich Ostritz nach der Wende bereits auf der Expo 2000 in Hannover, als „Energie-ökologische- Modellstadt“ und versorgt sich seither durch verschiedene regenerative Energiequellen autark. Ostritz ist schon immer geprägt von einer aktiven, kreativen und engagierten Bürgerschaft. Aus diesem Grund, ist und bleibt Ostritz eine kleine lebenswerte und liebenswerte Kleinstadt im Dreiländereck, wo die Menschen vor allem in schwierigen Situationen die Zuversicht, die Hoffnung aber auch der Glaube, vereint. Eben eine Stadt mit Leben, voller Energie und immer irgendwie im Fluss beziehungsweise im Wandel. Vielleicht jetzt gerade zu einer „politisch-energie-ökologischen Modellstadt“, wer weiß das schon.

Bekannt geworden ist die Stadt in letzter Zeit vor allem durch die Ostritzer Friedensfeste. Von wem ging die Idee aus, sich der Rechten Szene entgegenzustellen?
Von mehreren Seiten gleichzeitig. Als ich die Versammlungsanmeldung im November 2017 für das erste Schild und Schwertfestival [SS-Festival] zum 20. April 2018 [Hitlers Geburtstag] bekommen habe, war es mir wichtig, unseren Marktplatz und wichtige Straßenzüge und andere öffentliche Plätze nicht den Rechten mit ihrer Gesinnung und Propaganda zu überlassen und mit friedlichen Aktionen zu „belegen“. Meine Anfrage dazu ging als erstes an das Internationale Begegnungszentrum, Herrn Dr. Schlitt, ob er sich vorstellen könnte mitzumachen. Gleichzeitig, gab es einige aktive Ostritzer, die ebenfalls überlegt hatten, was zu tun ist. Schnell haben die einzelnen Akteure zueinander gefunden und waren sich einig, dass man die Stadt nicht den Rechten überlassen werde und wir hier FÜR andere Werte stehen. Uns war es gemeinsam wichtig, als Stadt kein „braunes“ Image „übergestülpt“ zu bekommen und FÜR Demokratie, Toleranz, Weltoffenheit und ein friedliches gesellschaftliches Miteinander einzustehen.

Ende November haben Sie den Deutschen Engagementpreis erhalten. Herzlichen Glückwunsch noch einmal! Was bedeutet die Auszeichnung für Sie persönlich und als Bürgermeisterin?
Für mich persönlich und als Bürgermeisterin, denn man kann aus meiner Sicht die Bekleidung eines Amtes nicht von der Persönlichkeit eines Menschen trennen, ist diese deutschlandweite Auszeichnung tatsächlich der Lohn und die Anerkennung für unseren unermüdlichen und couragierten Einsatz im Ringen für Demokratie, Toleranz, Weltoffenheit und Frieden. Zudem zeugt doch der Preis davon, dass wir offensichtlich Vieles richtig und gut gemacht haben. Es war uns und mir von Anfang an wichtig, dass man Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Ausgrenzung, rechte Propaganda, Hass und Gewalt nicht unkommentiert und tatenlos im Raum stehen lassen kann. Nicht bei uns und auch nicht anderswo. Es gibt so viele Menschen und Initiativen deutschlandweit, die sich für dieses Anliegen ebenfalls engagieren und es gibt sehr viele Menschen, Vereine, Initiativen, Politiker und Behörden die uns dabei unterstützt haben und für all diese Menschen steht stellvertretend dieser Preis. Er ermutigt uns dran zu bleiben und für unser gemeinsames Ringen mit Anstand und Respekt auch im Dialog mit Andersdenkenden zu bleiben.


 

Welchen Rat würden Sie Kolleginnen und Kollegen aus Kommunen mit ähnlichen Herausforderungen geben?
Einen ganz banalen Rat: Sich klar und deutlich zu positionieren, nüchtern und sachlich zu hinterfragen und zu beleuchten:

  • WER oder WAS ist das Problem?
  • WIE können wir diese Herausforderung gemeinsam lösen? Und
  • WER kann uns dabei unterstützen?

Wichtig dabei ist, den Menschen „Freiräume“ für ihre Ideen einzuräumen, keine fertigen Lösungen oder Konzepte zu präsentieren, die Menschen mit belastbaren Informationen zu versorgen, sie zu begleiten und ihnen Orientierung zu geben, aber auch an ihrer Seite zu stehen, wenn einmal etwas schiefgelaufen ist. Wir sollten uns dabei auch nicht verschließen, einmal neue und ungewöhnliche Allianzen einzugehen. Klare Regeln im Miteinander sorgen für gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung.

Gibt es schon Pläne für dieses Jahr?
Ja, dass Orga-Team vom Friedensfest war im Dezember in Klausur und wir haben uns gemeinsam darauf verständigt, dass wir unsere bisherige erfolgreiche Arbeit fortsetzen, unabhängig davon, ob es weitere rechtsextreme Veranstaltungen auf dem Gelände am Hotel Neißeblick geben wird oder nicht. Leider wurden für den 18. April und vom 12. bis 14. Juni 2020 bereits weitere rechtsextremistische Versammlungen angemeldet, welchen wir mit unseren Friedensfesten antworten. Nach dem Untersagungsbescheid durch die Stadt Ostritz für den „Kampf der Nibelungen“ im Oktober 2019, arbeiten wir als Stadt, behördenübergreifend weiter daran, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um diese rechten Versammlungen und Veranstaltungen durch strenge Auflagen so unattraktiv wie möglich zu machen, bestenfalls für die Zukunft unmöglich zu machen.

Frau Prange, vielen Dank für das Gespräch!

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