Macht mal!

Jugendcrew Heinrich-Dammann-Stiftung
Checkpoint Demokratie
Foto: Heinrich-Dammann-Stiftung

In der Jugendförderung Jugendliche nicht nur mitreden, sondern mitbestimmen lassen: Die Heinrich-Dammann-Stiftung hat es mit ihrer „Jugendcrew“ gewagt.

Als in den Jahren 2013 und 2014 Heinrich und Ortrud Dammann, die Gründer der nach dem Stifter benannten kirchlichen Heinrich-Dammann-Stiftung, verstarben, wurde eine Umstrukturierung hin zu einer gremiengeleiteten Stiftung nötig. Thomas Schlichting, seit April 2015 Geschäftsführer, verfolgte dabei eine Idee: „Partizipation sollte nicht nur die Überschrift für einen Förderbereich sein, sondern auch tatsächlich gelebt werden.“ Nach einer Anlaufphase und „anfangs leichter Skepsis“, wie die Vorstandsvorsitzende Ute Bertram sagt, gab der Vorstand grünes Licht. Jugendliche zwischen 16 und 27 Jahren sollten aus einem Topf mit fünfstelligem Betrag nach von ihnen selbstbestimmten Kriterien über Förderanträge anderer Jugendlicher entscheiden. Ob das Ehepaar Dammann wohl etwas gegen das Vorhaben einzuwenden gehabt hätte? „Ganz im Gegenteil! Sie hätten das Projekt unterstützt mit den Worten: ‚Macht mal‘!“, ist Ute Bertram überzeugt.

Selbstorganisiert zur Jugendcrew

Im Herbst 2017 lud die Stiftung elf bei verschiedenen Trägern engagierte Jugendliche aus ganz Niedersachsen zu sich nach Hildesheim ein. Die Aufgabe bestand darin, „wichtige Fragen zu klären und erste Grundsteine zu legen“, erklärt Arne Glüsen, der damals in der Vorbereitungsphase mitwirkte und heute stellvertretender Sprecher des Jugendgremiums ist. Die Gruppe entschied in Absprache mit der Stiftung, dass die Mitarbeit im zukünftigen Gremium ehrenamtlich erfolgen sollte, und bestimmte dessen Namen: „Jugendcrew“.

Die tatsächliche Arbeit der Jugendcrew begann Ende Juni 2018. Nach der Ausschreibungsphase kamen die neun Gewinner der Ausschreibung erstmalig zu einem Arbeitswochenende zusammen. Die vielseitig engagierten Jugendlichen zwischen 16 und 27 Jahren bekamen einzig die Satzung der Stiftung als Richtlinie vorgelegt. Schon am Samstag stand die Geschäftsordnung. Und als sich die Jugendlichen am Sonntag verabschiedeten, hatten sie sich auf Förderkriterien, einen Plan für die Öffentlichkeitsarbeit sowie einen Termin für ein weiteres Treffen geeinigt. Die Crew wählte aus sich heraus einen aus drei Personen bestehenden „Sprecher*innenkreis“. Die Förderkriterien waren ganz klar auf Jugendarbeit und Partizipation ausgerichtet, laut Jugendcrew-Mitglied Benedict Schmidt genau so, „wie es sich das bereits verstorbene Stiftungsgründerpaar sicherlich gewünscht hätte.“ Dabei war klar: „Von der Antragstellung über die Förderentscheidung bis hin zur Nutzung der Gelder: All dies entscheiden die Jugendlichen selbst.“ Als jugendlich, egal ob antragstellend oder Mitglied der Jugendcrew, zählt, wer zwischen 16 und 27 Jahren alt ist.

Partizipation auf allen Ebenen

Dass die Jugendcrew es mit der Partizipation ernst meint, zeigt sich in dem von ihr beschlossenen Modus der Antragsstellung: Jugendliche können ein einfaches Online-Formular ausfüllen und per Telefon oder Video einen Antrag stellen. Zwei aus der Crew bestimmte „Pat*innen“ übernehmen außerdem die Betreuung eines jeden Antrags. So können sich auch Jugendliche, die nicht in der Lage sind, einen schriftlichen Antrag zu stellen, mit ihrem Fördergesuch an das Gremium wenden. Mindestens dreimal jährlich möchte sich die Jugendcrew jeweils für ein gesamtes Wochenende treffen, um über die Projektanträge zu beraten, das weitere Vorgehen zu planen und über Neubesetzungen im Gremium zu bestimmen.

Am 12. März 2019 ging es dann los, bis Ende April lief die erste Phase der Antragstellung. Jugendliche dürfen sich um Projektgelder in Höhe von bis zu 1.000 Euro für Sachkosten und Honorare bewerben. Und wie sieht ein erstes Resümee aus? Lena Sonnengrüns Urteil steht einhellig für das der gesamten Jugendcrew: „Ich nehme viel aus dieser Zeit mit, egal ob es der Aufbau der Jugendcrew ist oder die verschiedenen Menschen, die ich kennenlernen durfte.“ Ute Bertram merkt an, dass die leise Anfangsbesorgnis unbegründet war: „Die Jugendcrew hat sich von Anfang an äußerst professionell zusammengefunden.“ Auch Thomas Schlichting ist von dem gegenseitigen Lernprozess begeistert. Ob er anderen Stiftungen empfehlen könne, ähnliche Wege einzuschlagen? „Da, wo es in die Struktur passt, auf jeden Fall!“

Arne Gluesen
Foto: Thomas Ulbrich, Hameln
Arne Glüsen, 26 Jahre, Personalcontroller beim Landkreis Hameln-Pyrmont, stellvertretender Jugendcrew-Sprecher

Was unterscheidet die Tätigkeit als Sprecher von der der restlichen Jugendcrew-Mitglieder?
In der Jugendcrew haben wir aktuell einen Sprecher sowie eine Stellvertreterin und einen Stellvertreter, wobei wir keine hierarchische Struktur leben. Wir halten den direkten Draht zur Stiftung, planen die Arbeitswochenenden der Crew und sind erste Ansprechpartner in der Öffentlichkeitsarbeit und der Antragsverwaltung.

Wie wird bestimmt, wer als Pate bzw. Patin für einen Förderantrag zuständig ist?
Persönliche Vorlieben und Interessen sowie räumliche Nähe sind ausschlaggebende Kriterien. Jedes Jugendcrew-Mitglied hat die Möglichkeit, Interesse zu bekunden, wenn wir einen Antrag erhalten haben. Doch niemand ist dazu verpflichtet, ein Projekt zu betreuen.


Foto: Benedict Schmidt
Benedict Schmidt, 21 Jahre, aus Braunschweig, arbeitet bei der Volkswagen Bank

Du bist auch politisch aktiv. Was können Politik und Parteien von der Jugendcrew lernen?
Wir stammen aus unterschiedlichen Organisationen, doch begegnen uns auf Augenhöhe. Ich würde mir wünschen, dass auch Parteien mehr aufeinander zugehen und mehr miteinander statt gegeneinander arbeiten. In der Politik sollte immer das Wohl der Gemeinschaft im Fokus stehen.

Gibt es auch Punkte am Projekt „Jugendcrew“, die du bereust?
Nein, auf keinen Fall. Das Projekt dient anderen Stiftungen hoffentlich als Denkanstoß, ähnliche Initiativen ins Leben zu rufen, um Projektförderung noch attraktiver und zielgerichteter zu machen.


Lena Sonnengrün
Foto: Lena Sonnengrün
Lena Sonnengrün, 17 Jahre, Abiturientin aus Bohmte

Was an deiner Tätigkeit gefällt dir am meisten?
Dass jeder Jugendliche ganz einfach selber einen Antrag stellen kann. Zu sehen, dass Jugendliche durch so eine Möglichkeit die Motivation bekommen, eine Idee wirklich umzusetzen und ein tolles Projekt auf die Beine zu stellen.

Macht es sich bemerkbar, dass du zur Minderheit von nur zwei Frauen in der Jugendcrew zählst?
Dass der Jugendcrew nur zwei Frauen angehören, ist mir noch nie aufgefallen. Der Umgang untereinander ist freundschaftlich und unterstützend. Bei keinem unserer Treffen hat diese Zusammensetzung unsere Gruppe negativ beeinflusst.

Autor
René Thannhäuser

Volontär Newsroom
Telefon (030) 89 79 47-32

Alle Beiträge von René Thannhäuser
Mehr zum Thema
Checkpoint Demokratie

Stiftungen gegen Fake-News und "Alternative Fakten"

"Facts Matter" - mit dieser Grundüberzeugung tritt das investigative Recherchekollegtiv Correctiv gegen "Fake News" und "Alternative Fakten" an. Geschäftsführer Simon Kretschmer spricht in seinem neuesten TED-Talk über unabhängigen und kollaborativen Journalismus in populistischen Zeiten.

Weiterlesen
Checkpoint Demokratie
kontrovers und miteinander reden

Mit digitalen Tools Meinungsblasen zum Platzen bringen

Das Internet als Sozialraum gewinnt vor allem für junge Menschen immer mehr an Bedeutung. Gleichzeitig werden dort in einer Atmosphäre von Hass und Überspitzung immer weniger kontroverse Diskussionen geführt. Die Plattform "Diskutier Mit Mir" will dem etwas entgegensetzen und mehr demokratische Teilhabe ermöglichen.

Weiterlesen
Checkpoint Demokratie

Naturschutz mit demokratischen Mitteln stärken

Wenn die Politik Fakten ignoriert, stehen der Zivilgesellschaft diverse Möglichkeiten zur Verfügung, um den Bürgerwillen durchzusetzen. Nirgendwo ist das nötiger als beim Erhalt der biologischen Vielfalt. Ein Appell.

Weiterlesen