Freude an der Verfassung – Zum Zustand der Demokratie

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Deutscher StiftungsTag
Foto: Susanne Schneider

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ehemalige Justizministerin der Bundesrepublik Deutschland, erklärt, warum das Grundgesetz ein Garant für eine demokratische Ordnung ist und es dennoch aktive Demokraten braucht, um diese zu verteidigen.

„Die Grundrechte sind kein Denkmal der Vergangenheit, sie haben sich nicht überholt. Im Gegenteil: Sie entfalten bis heute Dynamik und sichern uns allen unsere Freiheit."
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
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Dem kleinen Buch, das die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 zu einem demokratischen Verfassungsstaat machte, sah man seine revolutionäre Wirkung nicht an. Gerade einmal 146 Artikel enthält die Verfassung. Der 23. Mai 1949 war die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland als wehrhafte Demokratie. Gerade einmal 146 Artikel enthält die Verfassung, die wegen der Teilung Deutschlands die vorläufige Bezeichnung „Grundgesetz“ erhielt. Sie begrenzt die Staatsmacht und verankert die Grundrechte als verbindliche, einklagbare Rechte. Sie ist Bollwerk gegen Verfassungsfeinde und Menschenrechtsverächter, gegen den Missbrauch staatlicher Macht und gegen den Aufstieg von Autokraten. Vier Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation war das Grundgesetz am 8. Mai 1949 vom Parlamentarischen Rat mit großer Mehrheit beschlossen worden. Am 23. Mai 1949 wurde es feierlich verkündet. Es war die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland als wehrhafte Demokratie.  

Ein Provisorium bleibt auf Dauer – das Grundgesetz 

Das damalige Provisorium Grundgesetz hat sich in 70 Jahren zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Heute ist es das Fundament, auf dem die deutsche Demokratie ruht. Es ist ein festes Fundament, denn mit der sogenannten „Ewigkeitsklausel“ in Art. 79 Abs. 3 Grundgesetz wurden die Unantastbarkeit der Menschenwürde und der Aufbau der Bundesrepublik als demokratischer und sozialer Bundesstaat jeglicher Grundgesetzänderung, auch mit einer 2/3 Mehrheit, entzogen. Das war die Reaktion auf das Dritte Reich, denn die Nazis waren formaljuristisch rechtmäßig an die Macht gekommen. Die Menschenwürde und die Grundpfeiler der Demokratie sollten jetzt sturmfest gemacht werden. 

Theodor Heuss hat als Mitglied des Parlamentarischen Rates aktiv an diesen Verfassungsgrundlagen mitgewirkt. Die Theodor Heuss Stiftung hat das zu ihrem Bildungsauftrag gemacht.  

Die Verfassung braucht aktive Demokraten 

Eine geschriebene Verfassung entfaltet jedoch nur dann im täglichen Leben Wirkung, wenn die Bürgerinnen und Bürger an ihre Kraft glauben und sie immer wieder selbst spüren. Demokratie kann nicht nur mit dem Recht und dem Verfassungsrecht gesichert werden. Es braucht aktive Demokraten, die sie gegen ihre Feinde verteidigen und ihnen so wenig Raum wie möglich lässt. Und sie gibt es, diese Feinde. Rechtspopulisten, die sich als die Mehrheit des Volkes sehen und damit andere als nicht zugehörig betrachten. Die Würde des Menschen ist, unabhängig von Religion, Herkunft und politischer Überzeugung, unantastbar. Die Freiheitsrechte stehen allen Bürgerinnen und Bürgern zu und nicht nur denjenigen, deren Meinung und Glaube mir passt. Demokratie fordert Respekt, Toleranz, Akzeptanz des Andersseins. Demokratische Mehrheitsentscheidungen nehmen der Minderheit nicht ihre Rechte. Wenn „Wir sind das Volk“ nur einen Teil des Volkes meint, dann gehören damit die anderen nicht dazu. Ihnen sollen die grundsätzlichen Freiheitsrechte abgesprochen werden. Was für eine Anmaßung! 

Die Grundrechte sind kein Denkmal der Vergangenheit, sie haben sich nicht überholt. Im Gegenteil: Sie entfalten bis heute Dynamik und sichern uns allen unsere Freiheit. Dank der Grundrechte können wir uns frei bewegen, frei reden und frei leben. Diese Freiheiten stehen uns zu, es sind unsere Rechte, die uns niemand nehmen kann und die von allen staatlichen Gewalten zu beachten sind.  

Freiheit und Demokratie unter Bedrohung 

Doch die Freiheitsrechte sind heute in einer Dimension bedroht, wie es 1949 nicht vorhersehbar war. Bürger verspüren Angst und Verunsicherung aufgrund der unglaublich dynamischen technologischen Entwicklungen mit ihren tiefgreifenden Auswirkungen auf die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt, die persönliche Lebensgestaltung, die Umwelt. Zugleich lehnen sie jene Veränderungen ab, die der Zuzug von Flüchtlingen und Asylbewerbern mit sich gebracht hat. Beide Entwicklungen führen bei einem Teil der Bevölkerung dazu, das erstrebte Glück und die ersehnte Sicherheit vom Staat zu erwarten, in dessen Institutionen sie aber immer weniger Vertrauen haben. Marktdominante globale Unternehmen, die Unmengen an personenbezogenen Daten speichern, analysieren, vernetzen und verwenden, achten die Freiheitsrechte ebenso wenig wie kriminelle Hacker, die mithilfe der sozialen Medien freie, unabhängige Wahlen durch gezielte Desinformation und Manipulation gefährden. Und schließlich berauben sich die Bürger selbst ihrer Freiheitsrechte, indem sie zunehmend bereitwillig auf ihre informationelle Selbstbestimmung und Privatsphäre verzichten und vom Staat immer mehr Sicherheit einfordern, weil sie Angst vor Terror, vor Kriminalität, vor Geflüchteten, vor anderen Religionen und anderen Kulturen haben. Sie delegieren die Verantwortung an den Staat und geben dafür ihre Freiheitsrechte scheibchenweise auf.  

Mit dem Grundgesetz für einen Neuanfang von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat 

70 Jahre nach dem Aufbruch in eine neue Welt der Freiheitsrechte, der liberalen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit brauchen wir einen Neuanfang. 2019 muss zum Jahr der bewussten und streitbaren Auseinandersetzung für die Freiheit und Demokratie werden. Denn mit den Möglichkeiten der Digitalisierung steigt die Gefahr der Desinformation, der Wahlbeeinflussung und der Meinungsmanipulation. Dagegen helfen Aufklärung, Bildung, Fakten, sichere IT–Infrastruktur und permanente Gegenargumentation. 70 Jahre Grundgesetz sind ein Grund zum Feiern – doch wir dürfen uns nicht mit den Lorbeeren der Vergangenheit schmücken. Wir müssen dafür kämpfen, dass das Grundgesetz auch in Zukunft ein Grund zum Feiern bleibt. 

Über die Autorin:

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist Juristin und war von 1992 bis 1996 sowie von 2009 bis 2013 Bundesministerin der Justiz. Von 1990 bis 2013 saß sie für die FDP im Deutschen Bundestag. Für die FDP war Leutheusser-Schnarrenberger Vorsitzende der bayerischen FDP, Mitglied des Präsidiums der Bundes-FDP und zuletzt stellvertretende Bundesvorsitzende. Sie ist vielseitig in Vereinen und Stiftungen engagiert, darunter als Mitglied des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, als Mitglied des Stiftungsrates der Sebastian Cobler Stiftung und als Vorsitzende des Förderkreises der Magnus-Hirschfeld-Stiftung. Seit 1994 ist Leutheusser-Schnarrenberger Mitglied der Theodor Heuss Stiftung, deren Stellvertretende Vorsitzende sie heute ist. 

Theodor Heuss Stiftung

Die Theodor Heuss Stiftung zur Förderung der politischen Bildung und Kultur in Deutschland und Europa ist nach dem liberalen Politiker und ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland benannt. Nach Heuss‘ Tod 1964 wurde die heutige Stiftung als Verein in Stuttgart gegründet. Die Stiftung will zur Förderung von Demokratie und Zivilcourage in Deutschland und Europa beitragen. Dies tut sie vor allem durch die alljährliche Verleihung des Theodor Heuss Preises und der Theodor Heuss Medaillen. 

Mehr über die Theodor Heuss Stiftung

Die Theodor Heuss Stiftung auf dem Deutschen StiftungsTag

Plenumsdiskussion „Freude an der Verfassung – Zum Zustand der Demokratie“ mit
Prof. Dr. Ludwig Theodor Heuss (Vorsitzender des Vorstands, Theodor Heuss Stiftung, Stuttgart)
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Bundesjustizministerin a.D., Stv. Vorsitzende des Vorstands, Theodor Heuss Stiftung, Stuttgart)
Prof. Dr. Gesine Schwan (Vorsitzende des Kuratoriums, Theodor Heuss Stiftung, Stuttgart)
Dr. Jana Steinke (Stv. Leiterin Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Mitglied des Kuratoriums, Theodor Heuss Stiftung, Stuttgart)

Begrüßung durch
Prof. Dr. Ludwig Theodor Heuss (Vorsitzender des Vorstands, Theodor Heuss Stiftung, Stuttgart)

Moderation durch
Prof. Dr. Rupprecht Podszun (Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, deutsches und europäisches Wettbewerbsrecht, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Mitglied des Vorstands, Theodor Heuss Stiftung, Stuttgart)
 

Mehr Informationen zu der Veranstaltung

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