„Bürgerschaftliches Engagement ist auch Demokratiebildung”

Deutscher StiftungsTag
Foto: Dietmar Hösel
Anja Poller
Foto: Tobias Phieler

Frau Poller, die Bürgerstiftung für Chemnitz will Bürgerinnen und Bürger zum Stiften anstiften. Sie will erreichen, dass sich Chemnitzerinnen und Chemnitzer stärker für die Entwicklung des Gemeinwesens der Stadt engagieren. Warum ist dieses gemeinschaftliche Engagement wichtig? Welches Zeichen setzt es für Ihre Stadt Chemnitz?
Jede Stadt lebt vom Engagement ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, die im Kleinen wie im Großen etwas für die Gemeinschaft und den Zusammenhalt tun. Politik und Stadtverwaltung können immer nur den Rahmen geben, die Stadtgesellschaft muss aus sich selbst heraus für Leben sorgen oder auch manche Bereiche mit Leben füllen. In Chemnitz finden sich noch viele freie Räume, die Möglichkeiten zum Experimentieren bieten. Gerade auch in Hinblick auf die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 werden die Chemnitzerinnen und Chemnitzer aktiv und probieren in Vereinen und Initiativen vieles aus. 
Wichtig ist aber auch das Engagement im sozialen Bereich. Chemnitz hat einen relativ hohen Altersdurchschnitt und ehrenamtliche Projekte, wie unser Seniorenbesuchsdienst, ergänzen professionelle Angebote. Sie sind sozusagen das Sahnehäubchen.  

Was war der Auslöser dafür, dass Sie die Bürgerstiftung für Chemnitz unterstützen und welche Rolle spielt bürgerschaftliches Engagement für Sie persönlich?
Ich wurde durch eine Freundin zur Bürgerstiftung gebracht. Damals war diese noch ein Initiativkreis und es ging um Fragen der Satzungsgestaltung, Ansprache von Stifterinnen und Stiftern und was unser erstes Projekt sein könnte. Nach der Errichtung der Bürgerstiftung im Dezember 2007 ging es dann recht schnell. Durch eine kommunale Förderung konnte 2008 ein Büro gemietet und eine hauptamtliche Stelle finanziert werden. Seitdem hat mich die Bürgerstiftung nicht mehr losgelassen. Seit 2010 bin ich darüber hinaus politisch engagiert und momentan im Kommunalwahlkampf, da ich mich um ein Stadtratsmandat bewerbe.  Da spielt es jedoch keine Rolle, ob man sich in einem Kulturverein, bei der Tafel, im Naturschutzbund oder eben bei einer Partei engagiert. Engagement macht stolz, ermöglicht Kontakte zu Menschen, die man sonst wahrscheinlich nicht getroffen hätte und holt einen manchmal auch aus der eigenen Komfortzone. Ich kann nur allen raten, sich ein Engagement zu suchen und neue Erfahrungen zu machen.

Was macht den besonderen Reiz aus, sich gemeinschaftlich für unsere Gesellschaft und für unsere Demokratie einzusetzen? Gerade im Hinblick darauf, dass Chemnitz in der letzten Zeit auch mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam machte. Vermerken Sie ein stärkeres Interesse an bürgerschaftlichem Engagement für die Stadt?
Partizipation und die selbstständige Mitgestaltung der Gesellschaft durch die Bürgerinnen und Bürger ist eine Grundlage der Demokratie. Ich verstehe Bürgerschaftliches Engagement auch als Demokratiebildung, denn man muss sich mit Menschen auseinandersetzen, diskutieren und gemeinsam abstimmen, um etwas zu erreichen. 
Dass es in Sachsen und in Chemnitz weit verzweigte rechtsextreme Strukturen gibt, war nicht erst seit den Ereignissen im August und den Wochen danach bekannt. Schockierend war die Selbstverständlichkeit mit der durch rechte Strukturen mobilisiert wurde und wie viele den Aufrufen folgten – auch aus anderen Städten und Bundesländern. Auf der anderen Seite gab und gibt schon seit vielen Jahren sehr viele engagierte Menschen, die sich unermüdlich für Demokratie, Toleranz und die Stadtgesellschaft eingesetzt haben und es weiter tun. Den Chemnitzern pauschal mangelnde Haltung vorzuwerfen, ist also falsch. Sicher, es kann immer mehr Engagement geben – und das ist ja auch das Ziel und der Zweck unserer Bürgerstiftung, die Förderung Bürgerschaftlichen Engagements – das wird in anderen Städten aber ähnlich sein. Ich bin jedoch immer wieder überrascht, wie oft ich von neuen Vereinen, Projekten und Initiativen höre, die etwas in und für Chemnitz bewegen wollen. Insofern denke ich nicht, dass es durch die Ereignisse ein höheres Engagement gibt, sondern die Chemnitzerinnen und Chemnitzer möchten einfach ihre Stadt mitgestalten.

Foto: Thomas Hermsdorf, amigo pictures
Tastmodell der Chemnitzer Innenstadt

Auf welches Ihrer Projekte sind Sie besonders stolz und warum?
Besonders stolz macht mich das Tastmodell der Chemnitzer Innenstadt, das wir letztes Jahr direkt vor dem Chemnitzer Rathaus eingeweiht haben. Es ist immer wieder schön zu sehen, dass Leute davor stehen bleiben und es sich ansehen. Inzwischen wird das Bronzemodell sogar in einer Stadtrundgang-App für blinde und sehbehinderte Menschen mit eingebunden. Das war eins unserer Ziele: Den blinden und sehbehinderten Chemnitzerinnen und Chemnitzern ihre Innenstadt im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen.

Als Mitglied im Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands, ist die Bürgerstiftung für Chemnitz Teil eines starken Netzwerkes. Was können andere Stiftungen von Ihrer Bürgerstiftung lernen? Ostdeutsche Bürgerstiftungen kennen das sicher: Man entwickelt im Laufe der Zeit ein gewisses Durchhaltevermögen, um in einem Umfeld erfolgreich arbeiten zu können, in dem der Bürgerstiftungsgedanke noch nicht so verankert ist, wo Leute eher spenden als stiften. Man sucht nach anderen Wegen der Mittelbeschaffung, wie zum Beispiel kommunale Förderungen oder Landesmittel. Diese sind jedoch in der Regel projektbezogen, wie zum Beispiel für unseren Ehrenamtspass „DANKE-Card“, Weiterbildungen für Vereine, die wir in verschiedenen Formen anbieten oder auch das Traumkonzert – ein Konzert von Menschen mit und ohne Behinderung – , das wir gemeinsam mit der Stadt Chemnitz und vielen Freiwilligen aller zwei Jahre veranstalten. 
Man braucht Kreativität und Wissen über die Zielgruppen, um sich immer wieder neue Projekte und Angebote zu überlegen. Auch muss man flexibel sein und darf sich nicht entmutigen lassen, wenn Projekte mal nicht so funktionieren, wie man sich das bei der Konzeption vorgestellt hat. Es wird also nie langweilig.  

Der Stifterpreis geht in diesem Jahr an die 30.000 Bürgerstifter und Bürgerstifterinnen. Was bedeutet die Auszeichnung für Sie persönlich? 
Ich habe mich sehr über den Preis gefreut. Jedoch weniger für mich als Hauptamtliche, sondern für die Ehrenamtlichen der Bürgerstiftung vom Vorstand über das Kuratorium zu den Freiwilligen in unseren Projekten, deren Arbeit so gewürdigt wird. Zudem finde ich es gut, dass das Modell Bürgerstiftung durch die Preisvergabe in der Öffentlichkeit steht und hoffentlich noch bekannter wird.

Autorin

Anna Walther
Volontärin Newsroom

Über die Bürgerstiftung für Chemnitz

Die Bürgerstiftung für Chemnitz wurde am 6. Dezember 2007 von 29 Personen und Akteuren gemeinsam errichtet. Neben Privat­personen stifteten auch Vereine und Chemnitzer Unternehmen. In den Jahren seit der Gründung der Bürgerstiftung ist viel passiert. Neben der Initiierung eigener Projekte, unterstützt die Bürgerstiftung Vereine und Organisationen finanziell, aber auch mit Know-how, und setzt sich für die Verbesserung der Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engagement in Chemnitz ein.

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