„Viele wollen mit anpacken, trauen sich aber nicht“

Unsere Demokratie
Foto: Bürgerstiftung Kalk

Elizaveta Khan ist Stifterin bei KalkGestalten. Die Kölner Stiftung begleitet zahlreiche Projekte im gleichnamigen Stadtteil und motiviert die Leute vor Ort, mitzuhelfen – etwa bei der Integration geflüchteter Menschen. 

Foto: Salama Abdo
Elizaveta Khan

Kalk war einst ein florierender Stadtteil in Köln, mit vielen ansässigen Gewerbefirmen und gut bezahlten Jobs. Doch viele Unternehmen sind Anfang der 1990er-Jahre abgewandert und haben Arbeitslose und leerstehende Hallen zurückgelassen. Im Jahr 2006 gründete sich die Bürgerstiftung KalkGestalten, um den Stadtteil Kalk wieder zu einem belebten Wohnort zu machen. Elizaveta Khan ist Mitglied des Vorstandes und engagiert sich im Rahmen der Stiftung und beruflich besonders für Geflüchtete. 

Welche Probleme gehen Sie als Bürgerstiftung in Köln-Kalk an? 

Oh, da gibt es viele. Wir haben zum Beispiel zu wenige Spielplätze und der Verkehr ist eine Katastrophe. Mit unseren Projekten KalkBlüht und KalkKunst versuchen wir, den öffentlichen Raum schöner zu machen. Wir haben im Rahmen von KalkBlüht schon mehrfach gemeinsam mit vielen Helfern Beete entlang der Hauptstraße bepflanzt und den Stadtgarten aufgeräumt. Bei KalkKunst überraschen wir die Einwohner an vielen Fassaden und Schaufenstern im Stadtteil mit kleinen Ausstellungen. Wir verteilen in der ganzen Stadt Kunstwerke, Fotos und Installationen. Wir haben auch schon Nacktbilder ausgestellt, was nicht bei allen gut ankam. Aber schließlich sollen die Einwohner Kalks ja auch über die Kunst reden und nicht nur daran vorbeilaufen.  

Sind bei Ihnen Geflüchtete aktiv an der Stiftung beteiligt? 

Ja, zwar nicht finanziell, aber als engagierte Helfer. Dieses gemeinsame Anpacken ist sehr wichtig für uns. Viele Geflüchtete haben sich am Anfang nicht getraut, bei Aktionen mitzumachen. Die größte Hürde war für sie die Sprache. Wir haben die Menschen dann gefragt, was sie zum Beispiel schon in ihrer Heimat für andere geleistet haben und ob sie das weiterhin tun wollen. Als Resultat daraus besucht beispielsweise eine Gruppe geflüchteter Frauen seit geraumer Zeit regelmäßig Seniorinnen im Heim. Die Sprache spielt dabei keine große Rolle. Es geht darum, füreinander da zu sein, gemeinsam zu spielen oder spazieren zu gehen. Die Frauen mussten ja größtenteils ihre Familie in der Heimat zurücklassen, und viele der Seniorinnen in dem Heim haben keine Familie in der Nähe. So sind sie nicht einsam und die geflüchteten Frauen integrieren sich gleichzeitig und lernen besser Deutsch. 

Foto: Bürgerstiftung Kalk
Projekt KalkKunst

Inwiefern kann Ihre Arbeit mit Flüchtlingen als Vorbild für andere Städte und Stiftungen gelten? 

Wir wollen unsere tollen Erfahrungen festhalten und mit anderen Stiftungen teilen. Daraus ist das Handbuch „Sei dabei! Für Dich – Für Mich – Für Alle“ entstanden. Natürlich haben wir keine allgemeingültige Lösung. Aber wir wollen, dass andere Stiftungen von unseren Projekten profitieren können. Jede Organisation kann unsere Empfehlungen dann ja auf die eigene Stadt oder den eigenen Stadtteil münzen. 

Ist das Konzept von Stiftungen und Ehrenamt eigentlich auch im Ausland bekannt? 

Im Prinzip ja, auch wenn die Begriffe und die Organisation für viele Migranten neu sind. Für die meisten Menschen aus anderen Ländern ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man seinen Mitmenschen hilft und gemeinsam Probleme angeht. Das fällt einfach unter Nachbarschaftshilfe und wird nicht bürokratisch organisiert. 

Fördert KalkGestalten auch Projekte anderer Organisationen? 

Ja, das ist uns sehr wichtig. Häufig fehlt Vereinen nur ein wenig Geld, um etwas Tolles umsetzen können. Da helfen wir dann gerne aus. Wir haben zum Beispiel eine kleine Tanzschule hier in Kalk unterstützt. Die Trainerin hatte nicht genug Geld, um neue Matten für den Kurs zu kaufen. Das war eine Sache von ein paar hundert Euro. Es ist schade, wenn Vereine an so kleinen Dingen scheitern. Denn sie sind oft von den großen Fördertöpfen der Stadt, des Landes oder anderer Organisationen ausgeschlossen. In solchen Fällen helfen wir gern, denn ohne gegenseitige Hilfe und Ehrenämtler kommen wir in Deutschland nicht weit. 

Autorin

Jennifer Garic 

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Der Artikel wurde in der Stiftungswelt Sommer 2019 mit dem Schwerpunkt "Unsere Demokratie" veröffentlicht.

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