Stiften wird politisch

Barcamp zum Thema Demokratie in Halle
Unsere Demokratie
Foto: Jörg Farys | openTransfer.de

Ob Stiften politisch ist, diese Frage ist womöglich so alt wie das Stiften selbst. Immer wieder gab es in der Geschichte jedoch Momente, in denen eine politische Haltung besonders gefragt war. Jetzt wieder!

Die Frage nach ihrer politischen Seite berührt grundlegende Aspekte der Selbstwahrnehmung einer Stiftung sowie auch die Frage nach der Funktion von Stiftungen in unserer Gesellschaft. Als zentrale Akteure der (Zivil-)Gesellschaft wirken Stiftungen auf den verschiedensten (politischen) Feldern, sei es, dass sie sich für mehr und bessere Bildung einsetzen, Wohnungen für sozial Benachteiligte zur Verfügung stellen oder sich im Gesundheitswesen engagieren.

Sie tun dies auf Grundlage der „freiheitlich demokratischen Grundordnung“, so Prof. Dr. Joachim Rogall, Vorsitzender des Vorstandes des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. In der Präambel der Grundsätze guter Stiftungspraxis ist zudem festgehalten, dass bei aller „Unterschiedlichkeit der Stifterinnen und Stifter und der Vielfalt der Stiftungszwecke […] alle Stiftungen den Werten unserer Demokratie verpflichtet“ sind. Aus diesem Verständnis heraus ist Stiften – auch – politisch.

Unsere Demokratie: Es geht um Zusammenhalt

Aus Sicht von Rogall zeigen „die aktuellen Entwicklungen in Europa, aber auch in Deutschland, dass die Demokratie immer wieder aufs Neue verteidigt werden muss“. Stiftungen als „Ausdruck einer freiheitlichen und lebendigen Bürgergesellschaft“ tun dies tagtäglich durch ihr Engagement in Deutschland, in Europa und weltweit. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Stiftungen „oftmals die ersten Opfer autokratischer Regierungen [sind], wie der Blick nach Ungarn, Russland oder die Türkei zeigt“, so Rogall weiter.

Der Deutsche Stiftungstag 2019 in Mannheim hat das vielseitige und breite Engagement von Stiftungen für unsere Demokratie eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Auch die Rubrik „Unsere Demokratie“ zeigt, wo und wie sie sich für unsere Demokratie einsetzen und wo es auch nötig ist, klare Kante zu zeigen. Bereits im Vorfeld des Stiftungstages haben sich – um nur ein Beispiel von vielen hervorzuheben – acht deutsche Stiftungen zusammengeschlossen und den Förderfonds Demokratie ins Leben gerufen. Der Fonds, so Ansgar Wimmer, Vorstandsvorsitzender der ­Alfred Toepfer Stiftung und einer der Gründer der Initiative, ist „eine pragmatische und konkrete Ermutigung für all die Menschen, die Demokratie tagtäglich gestalten“, und in diesem Sinne ein ganz konkreter Beitrag von Stiftungen zur Stärkung unserer Gesellschaft, unserer Demokratie.

Im kommenden Jahr knüpft der Deutsche Stiftungstag 2020 in Leipzig an die in Mannheim angestoßenen Debatten an. Unter dem Motto „Zusammenhalten! Stiften gestaltet Zukunft“ setzen sich Stiftungen mit der zunehmenden sozialen Spaltung als einer der drängendsten gesellschaftspolitischen Herausforderung auseinander und fragen, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden kann und was sie gegen die weltweite Zunahme von populistischen und antidemokratischen Kräften tun können. Auch der Ort und das Jahr sind in diesem Sinne bewusst gewählt: 2020 feiern wir 30 Jahre deutsch-deutsche Wiedervereinigung in der Stadt, die wie kaum eine andere für die friedliche Revolution steht: Leipzig.

„Stiften wird politisch“ bedeutet nicht, dass Stiftungen immer aktiv politisch sind oder sein müssen! Vielmehr geht es darum zu zeigen, dass Stiftungen eine entscheidende Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielen und in dem Sinne auch für unsere Demokratie, die es zu bewahren und – da wo sie bedroht ist – auch politisch zu verteidigen gilt.

Beitrag aus: Stiftungswelt Winter 2019
Magazin Stiftungswelt

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