Wie eine Stiftung mit Handlungsstau wieder flottgemacht wurde

Mythen rund um die Geldanlage von Stiftungen
Kapital und Wirkung
Foto: stock.adobe.com / Julien Eichinger

Seit Beginn der Finanz- und Staatsschuldenkrise müssen sich Stiftungen mit extrem niedrigen, zum Teil negativen Zinsen arrangieren. Für viele Stiftungen ist das eine enorme Herausforderung. Die SOS-Kinderdorf-Stiftung hat ein White Paper verfasst, um diesen Stiftungen Mut zu machen und dabei zu helfen, dass Stiftungen auch im aktuellen Umfeld erfolgreich wirtschaften können. Die zentralen Erkenntnisse des White Paper fasst Petra Träg, Geschäftsführerin der SOS-Kinderdorf-Stiftung, für uns in einer Reihe von Blogartikeln zusammen. Im fünften und letzten Teil zeigt sie am Beispiel der Otto Durner Stiftung auf, wie eine Stiftung mit Handlungsstau wieder Erträge erwirtschaften konnte.

Im Jahr 2005 entschloss sich Otto Durner dazu, eine Stiftung zu gründen. Bis 2015 führte er seine Stiftung, danach setzte der damals 82-jährige einen neuen Vorstand ein. Doch dieser tat sich im Niedrigzinsumfeld zunehmend schwer damit, mit der Lage am Kapitalmarkt umzugehen. Das zeigt ein Blick auf das damalige Portfolio:

Insgesamt bestand das Portfolio der Stiftung im November 2015 zu 71 Prozent aus Liquidität und zu 20 Prozent aus Rentenpapieren. Der Rest verteilte sich auf Aktien und Immobilien. Damit wurde ein Jahresertrag von 1.069 Euro erwirtschaftet.

In dieser Situation wandte sich Otto Durner an die SOS-Kinderdorf-Stiftung, die in Absprache mit ihm seine Stiftung übernahm. In einem ersten Schritt wurde zusammen mit dem Stifter ein Vermögenskonzept entwickelt und Anlagerichtlinien vereinbart, nach denen das Vermögen angelegt werden sollte. Daraus ergab sich ein neues Portfolio, das nun zu 55 Prozent aus Euro-Anleihen und zu 38 Prozent aus internationalen Aktien über Aktienfonds besteht, sowie zu fünf Prozent aus Immobilienfonds. Die Liquidität lag danach nur noch bei zwei Prozent. Damit gelang es 2018 einen Ertrag von 2.376 Euro zu erwirtschaften, also mehr als doppelt so viel wie 2015.

Das Beispiel macht deutlich, dass es selbst für sehr kleine Stiftungen nicht unmöglich ist, im Niedrigzins-Umfeld die Erträge deutlich aufzubessern und damit die Grundlage zu schaffen, um das Kapital real zu erhalten und zugleich den Stiftungszweck zu erfüllen. Es braucht dafür, wie der Fall der Otto Durner Stiftung zeigt, lediglich einen erweiterten Anlagehorizont und darauf aufbauend Anlagerichtlinien, die eine breitere und flexible Diversifikation des Portfolios ermöglichen.

Und wie sieht das Portfolio trotz „Corona“-Crash aus?

Die Umlaufrendite ist seit einiger Zeit nur noch im negativen Bereich, die EZB wird Corona-bedingt weiter Anleihen kaufen und die Aktienkurse sind stark nach unten gegangen. Trotzdem liegt das Stiftungsvermögen der Otto-Durner-Stiftung nicht unter dem von 2015, vor der Umstrukturierung des Vermögens, und die Erträge dürften trotz der aktuellen Umstände immer noch doppelt so hoch sein wie im Jahr 2015. Das zeigt: Auch ein radikaler Markteinschnitt wie die Corona-Krise kann durch ein diversifiziertes Portfolio ausgehalten werden.


Weitere Beiträge aus der Serie "Es gibt ein Leben nach dem Niedrigzins"

  1. Über die Mythen der Geldanlage von Stiftungen
  2. Anlagerichtlinien für Stiftungen – darauf gilt es zu achten
  3. Die vielfältigen Möglichkeiten der Geldanlage
  4. Haftungsregelungen für Stifter und Vorstände
  5. Handlungsstau einer Stiftung auflösen

 

Mehr zum Thema:

Wie Stiftungen erfolgreich wirtschaften können

White Paper "Niedrigzins, Mythen der Mündelsicherheit und Mut zur Veränderung" der SOS-Kinderdorf-Stiftung

Über die Autorin

Petra Träg ist ausgebildete Bankkauffrau und war über 20 Jahre in einer Bank in der Anlageberatung und der Vertriebsberatung tätig. Seit über 15 Jahren ist sie für die SOS-Kinderdorf-Stiftung im Einsatz und verantwortet unter anderem das Anlagemanagement der Dach- und Treuhandstiftungen. 

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