Warum Divestment wirkt

Frank Wettlauffer hat in seinem Beitrag argumentiert, dass Divestment-Strategien und nachhaltiges Anlegen nichts Gutes bewirken und sogar Schaden anrichten. Ali Masarwah von der Fonds-Ratingagentur Morningstar verteidigt den Ansatz. Eine Replik. 

Ali Masarwah

Noch einmal kurz in Erinnerung gerufen: Beim Divestment verkaufen Anleger Aktien und Anleihen von Unternehmen aus ihrem Portfolio, die sich nicht an bestimmte ökologische, soziale und ethische Standards halten. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Instrument eine Wirkung auf die betroffenen Unternehmen hat, ihr Verhalten zu ändern. Es ist sogar dringend geboten, dass Anleger die Option auf ein Divestment explizit aufrechterhalten, und sei es als Ultima Ratio. Aktive Investoren, die diese Handlungsmöglichkeit von vorn herein ausschließen, berauben sich einer wichtigen Möglichkeit, die Strategien von Unternehmen zu beeinflussen.

Gegner des Divestment heben hervor, dass eine derartige Strategie nutzlos sei, denn schließlich fänden sich für jeden Verkäufer Käufer der abgestoßenen Anteile. Das ist zwar richtig, verkennt aber die Wirkungsmacht des Kapitalmarkts. Dass sich andere Käufer finden, heißt nicht, dass ein Verkauf folgenlos bleibt. Denn zu welchem Preis steigen die neuen Anteilseigner ein? Überwiegt das Angebot die Nachfrage, führt das bekanntlich zu sinkenden Preisen. Und der Börsenkurs ist ein guter Indikator für den Wert eines Unternehmens. Das bedeutet: Wenn viele Anleger die Aktien eines Unternehmens verkaufen, sinkt der Kurs, und das setzt die Chefetage unter Druck. Denn der Kursverfall wird ihnen angelastet, zudem verschlechtern sich die Chancen des Unternehmens zur Refinanzierung an den Kapitalmärkten. Zu Ende gedacht sind Divestment-Strategien also durchaus wirksam und somit auch sinnvoll.

Bekenntnis zur Effektivität von Divestment-Strategien

Fondsmanager argumentieren zwar regelmäßig, dass ein Divestment Unternehmen schwächen könne, deren Ertragskraft man noch für den Wandel hin zu einer ökologischen Wirtschaft brauche. Ich habe deshalb den Verdacht, dass die Fondsbranche eher vor einer zu starken Wirkung von Divestment-Strategien Sorge hat, als vor ihrer Wirkungslosigkeit. Insofern entpuppt sich ein vermeintliches Gegenargument als Bekenntnis zur Effektivität der Strategie.

Im nächsten Schritt stellt sich die Frage, wo Anleger nach ihrem Divestment das frei gewordene Geld investieren sollen. Stichwort Additionalität: Natürlich ist die positive Wirkung am direktesten sichtbar, wenn Investoren mit ihrem Geld neue Projekte auf der grünen Wiese finanzieren – wie Solar- und Windparks. In der Hinsicht stimme ich mit Frank Wettlauffer überein. Genauso wie seiner Einschätzung, dass solche Direktinvestitionen vergleichsweise hohe Risiken bergen, die viele Stiftungen nicht eingehen wollen. Ich halte deshalb Investitionen in breit aufgestellte ESG-Portfolios, gerne über aktive Fonds oder ETFs, für sinnvoll. Denn mit solchen Anlagen können Stiftungen ihr Risiko breit streuen. Und sie können damit eine positive Wirkung aus Nachhaltigkeitssicht erzielen.

Unternehmen können Marktmacht nicht ignorieren

Natürlich ist das Problem der Wirkungsillusion, das der Autor anspricht, nicht von der Hand zu weisen. Indes spricht die hohe Nachfrage bei Nachhaltigkeits-Investments dagegen, dass sich hier vereinzelte Gutmenschen in Sinnlosigkeit üben. In Summe baut sich vielmehr eine veritable Marktmacht auf, die Unternehmen nicht ignorieren können, wenn sie sich zu akzeptablen Kosten refinanzieren wollen.

Kommen wir zum Stichwort Greenwashing. Hier muss man tatsächlich auf der Hut sein. Doch Anleger können sich heute so einfach und umfassend wie nie zuvor darüber informieren, ob Unternehmen und Fonds ernsthaft ESG-Kriterien berücksichtigen. Es gibt ja geradezu einen Wettlauf von Öko-Rating-Agenturen, Anleger mit Informationen zu versorgen. Zudem erfassen immer mehr Unternehmen ESG-Kriterien als geschäftsrelevant im engeren Sinne. Das heißt: Sie richten ihre Geschäftsmodelle danach aus, weil sie sich davon Wettbewerbsvorteile versprechen. Es gibt also einen wachsenden Gleichklang von Finanz- und ESG-Kennzahlen. Deshalb machen ESG-Investments Sinn, auf moralischer wie auf finanzieller Ebene.

Kennzahlen werden immer aussagekräftiger

Zudem haben Anleger es durch das wachsende Angebot leichter, in passende Unternehmen zu investieren. Das gilt auch für die Fonds-Ebene, wo die Kennzahlen immer raussagekräftiger werden: In den Anfängen war zum Beispiel der Best-in-Class-Ansatz bei ESG-Ratings weit verbreitet und ist es teils heute noch. Heißt: Ein Fonds investiert in sämtliche Branchen, und dort jeweils in die ESG-konformsten Unternehmen. Bei dem Ansatz landen zum Beispiel auch Öl-Konzerne und Kohle-Unternehmen im Portfolio, solange sie zu den vergleichsweise saubersten Unternehmen ihrer Zunft gehören. Bei ESG-Ansätzen, die auf ESG-Risiken abzielen, bekommen solche Unternehmen für ihren CO2-Ausstoß per se einen Malus, egal, wie gut sie sonst aufgestellt sind.

Ein weiteres Argument gegen Divestment lautet, dass Unternehmen nach dem Ausstieg von ESG-orientierten Anlegern noch ESG-schädlicher geführt werden. Nach dem Motto: Den verbleibenden Investoren ist ohnehin alles egal, Hauptsache die finanzielle Rendite stimmt. Abgesehen davon, dass sich die ESG-Präferenzen von Investoren in der täglichen Hektik des Wertpapierhandels nur schwer messen lassen, bin ich der Ansicht, dass solche „ESG-Mordbuben“ in der Minderheit sind. Auch Investoren, denen ESG-Strategien egal sind, erwarten, dass CEOs ihr Unternehmen risikobewusst führen. Auch ihnen sind die Zustände in einem Unternehmen nicht egal. Und zur Einordnung: Im vergangenen Jahr sind bereits 37 Prozent der in Europa in Fonds neu angelegten Mittel in Produkte mit ESG-Mandat geflossen. Der Anteil ist in den vergangenen Jahren stetig stark gewachsen und dürfte aller Voraussicht nach auch weiterhin zulegen. Außerdem greift auch hier das Argument des wachsenden Gleichklangs von finanzieller Rendite und Nachhaltigkeit. Staaten setzen gerade mit Blick auf den Klimaschutz zunehmend restriktive Rahmenbedingungen. Stichwort Stranded Assets: Öl- und Kohleunternehmen zum Beispiel werden viele ihrer Rohstoff-Vorräte überhaupt nicht mehr aus dem Boden holen und verkaufen können, weil deren Verfeuern über Begrenzungen des CO2-Ausstoßes mit einem Fälligkeitsdatum versehen ist. Die Unternehmen werden deshalb an Wert verlieren – und damit für alle Anleger unattraktiver, sogar für potenzielle „ESG-Mordbuben“.

Grüne Finanz-Blase ist möglich – aber auch nicht zwingend ein Problem

Bleibt der Einwand, dass der ESG-Boom an den Finanzmärkten eine grüne Blase produzieren könnte. In dem Punkt widerspreche ich nicht, das ist eine realistische Gefahr. Solche Boom-and-Bust-Zyklen gehören allerdings zur Börse dazu. Außerdem müssen spekulative Blasen auch nicht zwingend mit einem großen Knall platzen. Es hat immer wieder Zeiten gegeben, in denen Aktien bestimmter Unternehmen oder Branchen laut einschlägiger Kennzahlen überbewertet waren. Die Vergangenheit hat aber auch gezeigt, dass Unternehmen in hohe Bewertungen hineinwachsen können. Ein Crash ist also nicht zwangsläufig die Folge einer Überbewertung. Dafür spricht auch, dass der ESG-Fondsmarkt in Zukunft noch heterogener werden wird. Neue ESG-Investment-Strategien mindern das Konzentrationsrisiko. Wenn die letzten Nachzügler immer mehr unter ihrem Kursverfall leiden und eines Tages endlich nachhaltig werden, gibt es vielleicht ESG-Value-Strategien, die genau in solche Unternehmen investieren. Ich würde deshalb nicht in starren Mustern denken. Märkte verändern sich, und wir verändern uns mit ihnen.

Über den Autor

Ali Masarwah ist Chefredakteur der deutschsprachigen Seiten der Fonds-Ratingagentur Morningstar

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