Kapital und Wirkung: keine unterschiedlichen Welten mehr

Prof. Marcel Fratzscher spricht auf der Fachtagung Kapital und Wirkung
Kapital und Wirkung
Foto: Mario Schulz

Wie können Stiftungen zeigen, dass sie die besten Orte sind, um mit Kapital gesellschaftlich positive Wirkungen zu erzielen? Bericht von der zweiten Fachtagung Kapital und Wirkung, 13. Februar 2020, ESMT Berlin.

"Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir" - Immanuel Kant wird bei Investorenkonferenzen selten zitiert, aber den über einhundert Teilnehmern der Fachtagung Kapital und Wirkung in Berlin ging es tatsächlich um beide Welten, die der große Aufklärer  in Einklang bringen wollte - die Welt wie sie ist und die Welt wie sie sein sollte. Wie kann man die äußeren Bedingungen an den Kapitalmärkten, in der Regulierung und der Aufsicht, mit den inneren Zielen des Vermögens von Stiftungen verbinden? So lautet die Frage, an der die meisten der Anwesenden miteinander schon seit mehreren Jahren arbeiten.

Kleine Stiftungen mit Problemen bei Vermögenserhalt

Rechtzeitig zur Tagung hatten 72 Prozent der Befragten im repräsentativen Stiftungspanel des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen geschätzt, mit der Rendite auf ihr Vermögen im Jahr 2019 über der Inflationsrate gelegen zu haben. Eine Verbesserung gegenüber nur 62 Prozent in 2018? Eher nicht, denn die Inflation lag 2019 mit 1,4 Prozent auch ein halbes Prozent niedriger als 2018. Viele vor allem größere Stiftungen mit hoher Aktienquote haben dagegen 2019 – im Unterschied zu 2018 –  sehr gute Renditen erzielen können. Die o.g. Befragung legt aber offen, wie schwer sich seit Jahren die meisten Stiftungen mit Vermögen unter einer Million Euro tun, dieses auch nur zu erhalten.

Für solche Stiftungen zeigte die Tagung drei Wege, mit der anhaltenden Niedrigzinsphase umzugehen:  Zunächst stellte Jörg Rocholl, Präsident der European School of Management and Technology und Gastgeber der 2. Fachtagung Kapital und Wirkung, das Projekt "Stiftungsindex" vor, bei dem führende Stiftungen ihre Daten mit der ESMT teilen, die daraus jährlich eine Benchmark errechnen und mit frei verfügbaren Kapitalanlagen vergleichen will. Im Laufe des Jahres 2020 soll daraus ein Fonds entstehen, mit dem auch kleine Stiftungen annähernd so investieren können wie die großen. Des weiteren wurde der Ruf nach mehr und besserer Finanzfortbildung von Hauptamtlichen und Gremienmitgliedern von Stiftungen hörbar, den etwa die Deutsche Stiftungsakademie derzeit mit zusätzlichen Angeboten aufgreift. Und schließlich soll die anstehende Reform des Stiftungsrechts die Zu- und Zusammenlegung von Stiftungen erleichtern, z.B. durch die bundesweite Einführung der Gesamtrechtsnachfolge, und damit neue Synergien für die Kapitalanlage ermöglichen. Zudem wird die Reform hoffentlich Haftungserleichterungen kodifizieren. Bisher werden die Verantwortlichen durch Rechtsunsicherheit bei der Haftung oft von einer Neuorientierung der eigenen Kapitalanlage abhalten. Immer mehr Stiftungen nutzen auch das kostenlose Tool "Stiftungscockpit", das sich gerade in der Abstimmung mit Stiftungsaufsichten befindet.

Fratzscher: "Diskurs um ungleiche Vermögen nicht unterschätzen"

Dass es um mehr geht als um Rendite, zeigten die meisten Beiträge der Tagung. In der ersten Keynote mahnte der DIW-Chef Prof. Marcel Fratzscher, den Diskurs um ungleiche Vermögen nicht zu unterschätzen. Stiftungen könnten hier nicht nur in ihrer Programmarbeit, also etwa mit Bildungsstipendien wirken, sondern seien mit ihren Vermögen selbst Kritik und wachsendem politischen Gestaltungswillen ausgesetzt. In der zweiten Keynote lockte die EU-Beamtin Kerstin Jorna mit den mehrere Hundert Milliarden Euro schweren Ko-Investitions- und Garantieprogrammen des neuen „InvestEU“-Programms. Im daran anschließenden Workshop mit der KfW Capital versprach sie, die konkreten Anregungen der Fachtagung zu geringen Minimalinvestitionen und technischer Unterstützung mit nach Brüssel zu nehmen. Auch die Workshops zur nachhaltigen Kapitalanlage sowie zur gerade gegründeten Bundesinitiative „Impact Investing“ zeigten, wie viele konkrete Lösungen es bereits gibt, den äußeren Anspruch der ertragreichen Anlage mit dem inneren Anspruch der Zweckerfüllung in Einklang zu bringen.

Wettbewerb der Sinnangebote an privatem Vermögen

Ganz im Sinne Immanuel Kants – „wage es, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – wurde im Abschlussplenum deutlich, dass Stiftungen eine Chance haben, mehr von dem ungehobenen Schatz der privaten Vermögensentwicklung der vergangenen Jahre zu heben. Denn auch wenn viele Teilnehmende den Vergleich mit den stark wachsenden Endowments größerer US-Stiftungen mit Verweis auf unterschiedliche Kulturen und Regeln zurückweisen - der größte Teil dieser Zuwächse ist nicht auf die Ergebnisse der Vermögensverwaltung, sondern auf zusätzlich eingeworbene Mittel von Stiftenden zurückzuführen. Es gibt einen Wettbewerb der Sinnangebote an privatem Vermögen. Deutsche Stiftungen könnten ihn auch hierzulande aufnehmen, indem sie z.B. zeigen, dass sie die besten Orte sind, um mit Kapital gesellschaftlich positive Wirkungen zu erzielen.

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